11.10.2017, 10:36 Uhr

Gletscher schmilzt: "Knackpunkt am Dachstein kommt 2025 bis 2030"

Das ewige Eis am Dachstein zog sich Gletscherjahr 2016/2017 um 1,3 Meter in der Dicke und 15 Meter in der Länge zurück. Umgerechnet sind das fünf Millionen Kubikmeter Wasser weniger. (Foto: Andi Röbl/STMG-Archiv)
SALZKAMMERGUT. Seit Jahren schmilzt der Gletscher am Dachstein dramatisch. Erst am 5. Oktober veröffentlichten die Forscher von Blue Sky, das Land OÖ und die Energie AG die aktuelle Messung zum Gletscher-Jahr 2017. Das Resultat: Das ewige Eis am Dachstein zog sich um 1,3 Meter in der Dicke und 15 Meter in der Länge zurück. Umgerechnet sind das fünf Millionen Kubikmeter Wasser weniger. Neben der zunehmenden Sonneneinstrahlung im Sommer und der geringeren Schneemengen im Winter war heuer der späte Schneefall problematisch, sagt Meteorologe Klaus Reingruber von Blue Sky Wetteranalysen.

Nachdem erst im späten Frühjahr die großen Schneemengen kamen – Ende April und Anfang Mai – schmolzen diese auch relativ schnell wieder ab. "Trotz einer Schneelage von bis zu sieben Metern am 12. Mai 2017 waren die Gletscher bis Anfang Juli zur Hälfte schneefrei und somit der ungebremsten Eisabschmelzung ausgesetzt", so der Experte. Diese Momentaufnahme spiegelt den langjährigen Trend wieder. Seit Jahrzehnten werden die Gletscherflächen am Dachstein konstant weniger. Reingruber rechnet, dass sich der Gletscher in seiner derzeitigen Form noch etwa zehn bis 15 Jahre halten kann. "Der Knackpunkt für den Dachstein wird zwischen 2025 und 2030 kommen", so der Meteorologe.

Vor Ort reagiert man bereits mit kleinräumigen Gletscherabdeckungen. So werden Liftstützen und touristische Infrastruktur, wie etwa der Eispalast, mit einer Plane abgedeckt, um weiteres Abschmelzen zu verhindern. Darüber hinaus gibt es heuer erstmals keinen Snowbord-Park auf dem Dachstein. Grund sei eben das starke Abschmelzen des Gletschers.

Intakter Gletscher schützt vor Hochwasser und hilft bei Stromerzeugung

Der starke Rückgang des ewigen Eises wirkt sich auch anderweitig aus: So sind Dachstein-Gletscher und Gosausee, der einen Großteil des Schmelzwassers aufnimmt, gewaltige Rückhaltebecken für Feuchtigkeit. Da Starkregenereignisse auf über 2.500 Metern Seehöhe in Form von Neuschnee niedergehen "entspannt" der Dachstein so auf natürliche Art Hochwassersituationen – und hilft den Stromerzeugern.

Denn entlang der Traun verarbeitet die Energie AG das "Dachstein-Wasser" in ihren 16 Speicher- und Laufkraftwerken in elektrischen Strom. Die Traunkraftwerke erzeugen 700 Gigawattstunden Strom – damit versorgt das oberösterreichische Energieunternehmen jährlich 200.000 Haushalte/600.000 Einwohner.
Die Stromerzeuger der Energie AG sind bei ihrer Arbeit allerdings auf eine gleichmäßige Wassernutzung angewiesen. Soll heißen: Gibt es zu schnell zu viel Niederschlag – wie etwa bei Hochwassern – können diese Mengen nicht verarbeitet werden. Gibt es zu wenig Niederschlag, wird weniger Energie erzeugt. "Der Dachstein funktioniert für die Stromerzeugung aus Wasserkraft wie ein natürlicher Speichersee, der die Wasserführung der Traun mitbeeinflusst", sagt Energie AG-Generaldirektor Werner Steinecker.

Im Umkehrschluss heißt das somit: Nachdem der Klimawandel die Schneefallgrenze erhöht, der Gletscher schmilzt und der Dachstein an natürlicher "Rückhaltefunktion" einbüßt, werden sich Starkregenereignisse im Salzkammergut in Zukunft intensiver auswirken – auf die Stromerzeuger genauso wie direkt auf die Bevölkerung.
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