Upcycling
"Möbel-Punk" macht aus Altem neue Lieblingsstücke

Der Arbeitsplatz von Barbara Wintersbergers Upcycling-Unternehmen befindet sich im Atelier Schlot in der Franckstraße.
7Bilder
  • Der Arbeitsplatz von Barbara Wintersbergers Upcycling-Unternehmen befindet sich im Atelier Schlot in der Franckstraße.
  • Foto: Florian Loimayr
  • hochgeladen von Nina Meißl

Barbara Wintersberger absolviert derzeit das Abendkolleg für Innenarchitektur und Holzdesign an der HTL1 in Linz. In ihrer Freizeit nimmt sie sich "ausgestoßener Möbel-Freaks" an und verpasst ihnen ein neues Äußeres oder eine neue Funktion.

StadtRundschau: Wie ist die Idee zu Ihrem eigenen Upcycling-Unternehmen entstanden?
Wintersberger: Entstanden ist die Idee eigentlich nebenbei aus meinem Hobby heraus, als ich bemerkt habe, dass meine Freunde die von mir upgecycleten Möbel in meiner Wohnung bestaunten und es gar nicht glauben konnten, aus welchen „Oma-Möbeln“ diese teilweise entstanden sind. Mein Lehrer in der Fertigung nannte mich schon sehr bald den „Möbel-Punk“, da ich teilweise sehr abstrakte und untypische Lösungen für diverse Probleme fand. Hinzu kommen eine große Affinität zu alten Möbeln, die ich schon sehr früh entwickelte und die Liebe zum Rohstoff Holz an sich, der Räumen ein wohnlicheres Klima verschafft und haptisch absolut befriedigt, während er handwerklich sehr vielseitig verwendbar ist.

Sie verpassen aber nicht nur alten Möbeln einen neuen Look ...
Ich upcycle auch ganze Räume oder Häuser, da ich das im Zuge meiner Ausbildung gelernt habe und den Bewohnern gerne mit meinem Fachwissen zur Seite stehe. Ein Einzelstück kann vieles veründern, muss aber häufig auch in den richtigen Kontext gepflanzt werden.

Was macht für Sie das Besondere an Upcycling aus?
Für mich steht der Umweltgedanke im Vordergrund, jedoch auch die Qualität des einzelnen Möbelstücks – sei es in Hinblick auf die Materialien oder die Fertigung! Aufmerksam auf den viel zu hohen Willen der Leute, Möbel einfach wegzuwerfen, wurde ich bei abendlichen Spaziergängen mit meinem Hund in der Stadt am Tag vor dem Sperrmüll-Tag. Was man zu dieser Zeit an absolut feinen Möbeln auf den Straßen von Linz findet, ist einfach ungeheuerlich! Hinzu kommt, dass ich mich aufgrund meiner Ausbildung mit Tischlerarbeiten auskenne und es für mich unfassbar ist, welch tolle handwerkliche Meisterwerke ihren Weg in die Sperrmüll-Container finden, weil sie altbacken oder verbraucht wirken. Ich sehe auf diesen Spaziergängen haufenweise Potenzial auf der Straße stehen, keinesfalls Müll! Billigst-Möbelhäuser fördern natürlich dieses Wegwerf-Verhalten enorm, da sie den unzufriedenen Menschen für wenig Geld eine neue, stilvolle Einrichtung versprechen. Die dabei verwendeten Materialien und die Billigstbauweise ist den Meisten hierbei natürlich egal.

Kann man aus jedem alten Gegenstand etwas Neues, Schönes machen oder müssen die Gegenstände von vornherein etwas Besonderes haben, damit Sie sich ihrer annehmen?
Ich habe durchaus schon Möbelstücke, die mir vor dem Wegwerfen noch angeboten wurden, auch abgelehnt. Oft liegt es am Unwissen der Menschen über Materialien oder Oberflächen – nicht alles, was wie Holz aussieht, ist tatsächlich Holz und nur Massivholz ist für mich wiederverwendbar. Ich kann wenig mit Pressspan- oder Dekorspan-Möbeln anfangen, da diese aufgrund ihres Materials einfach zu wenig kreativen Spielraum bieten. Außerdem finde ich es ekelhaft.

Welche Möbel bearbeiten Sie am liebsten?
Die schlichten Möbel der 70er- und 80er-Jahre, da diese oft auch sehr exotische, schöne Furnierarbeiten aufweisen oder häufiger aus Massivholz gefertigt sind. Aufgrund ihres geradlinigen Designs bieten sie noch sehr viel Handlungsspielraum in Hinblick auf Dekorelemente, Beschläge etc. Dabei sind sie sehr unkompliziertl in Wohnräume jeglicher Art integrierbar. Außerdem gibt es aus dieser Zeit sehr viel Bestand in Österreich, der sehr leicht anzuschaffen ist und gerade auch wieder sein Trend-Revival erfährt.

Wo finden Sie die alten Möbel, die Sie bearbeiten?
Ich beziehe derzeit 80 Prozent meiner Möbel von willhaben. Beim Herumstöbern auf der Plattform stößt man sehr schnell und unkompliziert auf Prachtexemplare und kann auch gezielt für Kunden nach etwas suchen. Oft rufen mich aber auch Freunde und Verwandte an, die beim Ausmisten auf potenziell Interessantes für mich gestoßen sind.

Machen Sie auch Auftragsarbeiten?
Ich erledige eigentlich am liebsten Auftragsarbeiten, da es für mich ein wunderbares Gefühl darstellt, wenn Leute mir verzweifelt Möbel bringen, die sie im aktuellen Zustand eigentlich abscheulich finden, und für die sie nach dem Upcycling begeistert nach einem passenden Platz in ihrer Wohnung suchen. Jedes Möbelstück, das ich gezielt vor dem Sperrmüll retten und dem ich einen neuen Platz als Lieblingsstück in einer Wohnung verschaffen kann, ist die Arbeit tausendmal wert.

Was sind die größten Herausforderungen dabei, aus Altem etwas Neues zu machen?
Am schwierigsten ist es manchmal, die Wünsche und Anforderungen der Kunden mit den Möglichkeiten, die ein Möbelstück oder das Budget bieten, unter einen Hut zu bringen. Im Hinterkopf hämmert einerseits in mir immer der Wunsch, ausschließlich bereits vorhandenes Material zu verwenden – deshalb schlachte ich regelmäßig unbrauchbare Möbelstücke aus, um ein Lager an Beschlägen, Schubladenführungen etc. aufzubauen. Andererseits möchte der kreative Teil in mir etwas komplett Neues, Atemberaubendes schaffen, ohne dabei über mögliche Grenzen nachdenken zu müssen. Hinzu kommt natürlich auch, dass ich auch von etwas leben muss und bei jedem Möbelstück auch offene Rechnungen, Miete etc. im Hinterkopf behalten muss. Meine sehr ausgeprägte soziale Ader macht aus mir manchmal eine sehr schlechte Geschäftsfrau!

Wie viele Arbeitsstunden stecken in so einem Projekt?
Das ist schwer zu sagen, weil es auch immer auf den Ausgangszustand des Möbelstücks und die Wünsche des Kunden ankommt. Mein schnellstes Projekt, eine stinknormale Kiefernholz-Kommode in ein rustikales Wohnzimmer-Sideboard zu verwandeln, habe ich in 15 Arbeitsstunden aufgeteilt auf drei Tage über die Bühne gebracht. Das beinhaltet alle Demontier-, Schleif-, Lasier- und Montierarbeiten sowie diverse Trocknungszeiten. Mein größtes Projekt bisher, das auch gekoppelt war mit Innenarchitektur, war der Umbau der Mitarbeiterkantine der AVL in Steyr, was inklusive Planung und eigener Umsetzung mithilfe eines Tischlers und Malers doch drei Wochen gedauert hat. Doch auch hierbei zählte für mich, so viel Altbestand wie möglich neu aufzupeppen anstatt wegzuwerfen und auszutauschen.

Was ist für Sie der schönste Aspekt an dieser Arbeit?
Am schönsten ist für mich der Moment, wenn ich den Kunden ihr neues Möbelstück vorführe und in ihren Gesichtern nur Überraschung ob der Verwandlung sehe. Es ist mir wichtig, den Menschen klarzumachen, wieviel Potential in ihrer Einrichtung steckt und dass es für uns als Gesellschaft und unsere Umwelt wichtig wäre, die Dinge manchmal von einer anderen Perspektive zu betrachten, bevor man wild ausmistet und neu anschafft. Mir kommt vor, dass die Menschen immer mehr verlernen, Dinge selbst zu reparieren oder oft einfach nicht die Zeit haben, Dinge selbst anzupacken. Ich möchte genau diese Fähigkeiten auch mithilfe von Upcycling-Workshops wieder wecken oder unterstützen. Wenn mir dabei Kunden verloren gehen, weil sie ihre Möbel selbst upcyclen, ist es zwar schlecht für mich, aber gesellschaftlich betrachtet ein Erfolg.

Was war Ihr bisher liebstes Upcycling-Projekt?
Die Komplett-Erneuerung meiner nun eigenen Schlafzimmer-Kommode. Ich bekam sie als Geschenk aus einem Nachlass, eine atemberaubend langweilige Kiefernholz-Kommode, wie sie zu Tausenden in Österreichs Haushalten zu finden ist. Ich schliff sie mühevoll ab, erst mit dem Exzenterschleifer, danach mit der Hand, entstaubte sie, ölte sie anschließend mit einem hochwertigen Möbel-Öl, ließ sie trocknen, montierte neue Muschelgriffe daran, ging einen Schritt zurück, betrachtete sie als Gesamtwerk und verliebte mich augenblicklich in sie. Deshalb steht sie jetzt auch in meinem Schlafzimmer und nicht in dem eines Fremden.

Von welchem Upcycling-Projekt träumen Sie noch?
Ich träume vom Ausbau eines Kinderzimmers, da ich es ganz schlimm finde, wie lieb- und reizlos viele Kinder hausen müssen. Ich möchte dabei Alt und Neu kombinieren und für die kleinen Bewohner Bereiche schaffen kann, die ihre Entwicklung fördern und ihre Bedürfnisse als Entdecker voll abdecken.

Wo kann man Ihre Stücke bewundern oder kaufen?
Man findet mich persönlich beinahe täglich im Atelier Schlot in der Franckstraße in Linz. Allerdings sollte man mich auf jeden Fall vorher kontaktieren, da ich gerade jetzt auch häufig in Steyr bin, wo noch ein paar Innenarchitektur-Arbeiten auf mich warten. Meine Werkstücke bewundert man am besten im Internet auf meiner Website, da ich leider so etwas wie einen Schauraum oder gar ein Schaufenster nicht besitze und deshalb schauen muss, alle Möbel so schnell wie möglich an den Mann zu bringen. Im Oktober dieses Jahres findet man mich außerdem auf dem Kunst- und Designmarkt in der Tabakfabrik Linz, wo ich gerne Fragen beantworte, über zukünftige Projekte plaudere oder auch gerne Anfragen entgegennehme. Außerdem werden ein paar meiner Werkstücke dort zur Schau gestellt und sind natürlich erwerbbar.

Steigt die Nachfrage nach upgecycelten Produkten und wenn ja, warum?
In den letzten Jahren hat sich aus dieser Underground-Bewegung tatsächlich ein florierendes Geschäft mit Nachfrage entwickelt, ja. „Schuld“ daran sind mitunter auch die als „Hipster“ bekannten jungen Leute, die auf der Suche nach mehr Individualität alte Gegenstände und Möbelstücke kaufen und sich damit umgeben. Ganz wichtig sind auch die Trendbegriffe „Vintage“ und „Retro“, nach denen man heute gerne sucht. Allgemein herrscht aber einfach ein größeres Bedürfnis nach Individualität vor, was sehr spannend ist, da noch vor ein paar Jahren die Suche nach der Einrichtung „wie im Katalog“ vorherrschend war. Dieser Terminus wird heute schon wieder als Affront aufgefasst, da er mit „Einfallslosigkeit“, „gewöhnlich“, „von der Stange“, „0815“ gleichgesetzt wird. Auch der Umweltgedanke dürfte bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung eine größere Rolle spielen, was mich persönlich sehr froh macht. Selbst Ikea bietet ja im Testverfahren gerade die Möglichkeit an, ausgediente Möbel gegen Gutschrift zurückbringen zu können, was ich einen wunderbaren Schritt finde. Man findet diesen Trend aber nicht nur in der Möbelbranche: Auch Kleidung und selbst Lebensmittel werden heutzutage upgecyclet und wiederverwendet. Die Begriffe „unbrauchbar, ausgedient, altmodisch“ haben scheinbar eine neue Elastizität erhalten, die einen großen Handlungsspielraum im Zuge der Wiederverwertung bietet. Das Einzige, was wir nicht recyclen können, ist unser Planet, doch wir sollten unser Bestes geben, aus den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen so lang und viel wie möglich zu machen, anstatt immer nur Neues und vor allem Mehr zu wollen!

Barbara Wintersberger ist mit "Upgrade Möbel Upcycling" am 27. und 28. Oktober beim Kunst- und Designmarkt in der Linzer Tabakfabrik vertreten. Mehr Infos zu aktuellen Projekten gibt es auch auf facebook.com/upgradefurniture

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen