Frauenhaus Linz
„Einen Gewalttäter zu verlassen ist ein mutiger Schritt“

Dagmar Andree, Vorsitzende des Linzer Frauenhauses
  • Dagmar Andree, Vorsitzende des Linzer Frauenhauses
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  • hochgeladen von Katharina Wurzer

Die jetzige Ausgangsbeschränkung könnte zu einer Zunahme häuslicher Gewalt führen.  Die Mitarbeiterinnen des Linzer Frauenhauses planen daher bereits eine zusätzliche Notunterkunft. Die StadtRundschau hat mit Dagmar Andree, Vorsitzende des Linzer Frauenhauses gesprochen.

Kommen in Zeiten der Ausgangsbeschränkung derzeit mehr Frauen ins Frauenhaus?
Andree:
Momentan ist das zum Glück nicht der Fall, für eine generelle Einschätzung ist es aber noch zu früh. Wir stellen jedenfalls bereits eine zusätzliche Notunterkunft auf. Wir haben mit der für uns zuständigen Landesrätin Birgit Gerstorfer Kontakt aufgenommen, die unser Vorhaben unterstützt.

Haben Sie bereits ein konkretes Gebäude dafür in Aussicht?
Ja, wir können freie Räume aus dem Asylbereich nutzen. Die bieten Platz für vier Frauen und deren Kinder und sind vorerst auf sechs Monate befristet.

Wann sollen die ersten Frauen einziehen können?
Ich hoffe nächste Woche.

Wie erklären Sie anderen ein Frauenhaus?
Das Frauenhaus ist eine Schutzeinrichtung. Bei uns sind Frauen untergebracht, die auf eine andere Art nicht vor dem Gewalttäter geschützt werden können.

Wie viele Frauen kommen in das Frauenhaus in Linz?

Wir haben Platz für 17 Frauen und deren Kinder. Damit sind wir das größte Frauenhaus in Oberösterreich. Im Schnitt kommen pro Jahr insgesamt zwischen 80 und 100 Frauen.

"Wir schicken keine Frau einfach weg"

Wie gehen Sie vor, wenn mehr als 17 Frauen zu Ihnen kommen?
Wir prüfen weitere Möglichkeiten, wie in einem der vier anderen Frauenhäuser. Ist eine Frau schon so weit, dass der Auszug beschleunigt werden kann oder gibt es kurzfristig eine andere Möglichkeit, etwa bei einer Schwester, wo sie sicher ist. Wir schicken keine Frau einfach weg, weil wir keinen Platz mehr haben.

Kommen bestimmte Personengruppen häufiger als andere ins Frauenhaus?
Unsere Hauptgruppe sind Frauen zwischen 25 und 45 Jahren, meistens mit Kindern. Viele von ihnen sind zu Hause, verfügen über kein eigenes Einkommen und sind am Arbeitsmarkt nicht integriert. Eine Wegweisung des Gewalttäters alleine bietet nicht immer Sicherheit.


"Sprache ist nicht das Problem"

Wie sieht der Ablauf aus, wenn eine Frau beim Frauenhaus anruft?
Oft nimmt die Polizei Kontakt mit uns auf. Dann wird zuerst geprüft, ob ein Schutzbedürfnis vorliegt und ob die Frau in der Lage ist, selbstständig bei uns zu wohnen. Eine Frau, die psychisch angeschlagen und akut suizidgefährdet ist, könnten wir nicht sofort aufnehmen. Die Sprache ist nicht das Problem, da arbeiten wir dann mit Dolmetscherinnen zusammen.

Wie gestaltet sich der Alltag im Frauenhaus?
Zurzeit ist die Betreuung reduzierter. Im Regelfall ist für jede Frau eine Sozialarbeiterin zuständig, mit der sie alles klärt, das Finanzielle, Unterhaltsanspruch, Kinderbetreuungsgeld, Arbeitslosengeld oder die Mindestsicherung. Die Frau wird unterstützt, wenn sie Klage einbringen will und beim Gerichtsverfahren begleitet. Wenn jemand Therapie benötigt, arbeiten wir mit anderen Institutionen zusammen. Auch mit den Kindern wird gearbeitet, wir haben Kinderpädagoginnen. Wenn die Frau wieder auszieht, soll sie all das, was sie bei uns aufgebaut hat, fortführen.


"Der Moment des Verlassens ist gefährlich"

Wie lange bleiben die Frauen durchschnittlich?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt drei Gruppen. Eine sind Frauen, die nur kurz zu uns kommen, weil sie nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll und die dann beispielsweise rasch eine Möglichkeit finden, woanders hinzugehen. Ein Teil glaubt auch den Versprechen des Partners, dass alles besser werde und geht zu ihm zurück. Da kommen leider sehr viele wieder, was sie aber auch dürfen. Das ist menschlich. Die zweite Gruppe braucht uns so zwei, drei Monate. Das sind die, die gut verankert sind und über ein eigenes Einkommen verfügen. Da geht es etwa darum Klage einzureichen oder eine Wohnung zu finden. Die dritte Gruppe hat mehrere Kinder, ist schlecht oder gar nicht am Arbeitsmarkt integriert, eventuell noch gesundheitlich angeschlagen. Die brauchen uns bis zu einem Jahr, weil unheimlich viel auf die Beine gestellt werden muss. Wir haben auch Hochrisikofrauen, wo gemeinsam mit der Polizei und anderen Organisationen entschieden wird, dass akute Mordgefahr besteht. Da wird geprüft, ob sie das Bundesland oder gänzlich das Land verlassen sollen, einen neuen Namen und damit eine neue Identität erhalten.

Was ist mit den Tätern?
Die Täter sind unterschiedlich. Manche sind durch ein Gerichtsverfahren einsichtig. Andere verfolgen die Frau und entführen Kinder, unabhängig davon, wie oft die Polizei aufmarschiert. Einen Gewalttäter zu verlassen ist ein mutiger Schritt. Der Moment des Verlassens ist einer der gefährlichsten in Gewaltbeziehungen. Viele Frauen schrecken genau deshalb davor zurück, weil sie ihren Partner ja kennen.


"Gewalt gehört auch so benannt"

Welche politischen Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um Frauen zu schützen?
Wir haben immer noch weiße Flecken, was Frauenhäuser betrifft. Außerdem sollten Frauenberatungseinrichtungen massiv und flächendeckend ausgebaut werden und wir haben noch so gut wie keine Täterarbeit. Die sollte sofort in dem Moment ansetzen, wo es zum Polizeieinsatz kommt. Wenn die Täter sehen, was sie angerichtet haben, sind sie am ehesten einsichtig. Wünschenswert wäre auch, dass Gerichtsverfahren schneller laufen und am Gericht mehr Erfahrung gesammelt wird, was der Unterschied zwischen häuslicher Gewalt und Gewalt im Wirtshaus beispielsweise ist. Wichtig ist, dass Gewalt in der Gesellschaft klar verurteilt und nicht verharmlost wird. Gewalt von einem Mann gegen die Frau ist kein Ehedrama oder ein Eifersuchtsdrama, sondern Gewalt, Vergewaltigung oder eine Körperverletzung. Das gehört auch so benannt. Es gibt keine Entschuldigung für Gewalt. Angst vor Arbeitslosigkeit beispielsweise ist nur eine Hintergrundinformation.

In den ersten zwei Monaten dieses Jahres sind bereits sechs Frauen ermordet worden in Österreich, fünf weitere Versuche kommen hinzu. Inwieweit ist dieses Thema Ihrer Einschätzung nach im Bewusstsein der Bevölkerung?
Es ist in den letzten Jahren mehr ins Bewusstsein gerückt, weil es auch medial sichtbarer wurde. Aber es wird noch in bestimmte Ecken geschoben, es müsste mehr in die Mitte der Gesellschaft.


75 Prozent schaffen nach Frauenhaus eigenen Weg

Häusliche Gewalt wird also bestimmten Gruppen zugeschrieben?
Genau. Es trifft in Linz nicht nur die Leute aus dem Franckviertel oder die Migrantin. Das ist absoluter Blödsinn. Unter den Morden im letzten Jahr waren Ärzte und Anwälte. Die höchste Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt liegt bei Frauen 45 plus in sehr gut situierten Familien, weil der Statusverlust dort ein enormer wäre.

Das Linzer Frauenhaus ist täglich und rund um die Uhr unter 0732/606700 erreichbar.

Autor:

Katharina Wurzer aus Linz

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