Ein Jahr nach der Bankschließung
"Die Commerzialbank war wie die Titanic des Burgenlands"
- Zum 50. Geburtstag bekam Isabella Lichtenegger einen Silberbarren von der Commerzialbank Mattersburg überreicht.
- Foto: Isabella Lichtenegger
- hochgeladen von Doris Pichlbauer
Es ist bereits ein ganzes Jahr her, dass die Commerzialbank Mattersburg den Bezirk Mattersburg österreichweit ins Gespräch brachte. Heute, am 14. Juli kurz vor Mitternacht, jährt sich die offizielle Schließung der Bank durch die Finanzmarktaufsicht.
MATTERSBURG. Seit einem Jahr ist die Commerzialbank Mattersburg regelmäßig in den Schlagzeilen und wird das wohl noch geraume Zeit bleiben. Am Mittwoch, den 14. Juli jährt sich das Auffliegen der Machenschaften von Ex-Bankchef Martin Pucher zum ersten Mal.
Die Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft und der "SoKo Commerz" laufen gegen mehrere Beschuldigte. Im Untersuchungsausschuss zur Causa Commerzialbank, der über einen Zeitraum von 6 Monaten an insgesamt 23 Sitzungstagen abgehalten wurde, wurden insgesamt 63 Auskunftspersonen befragt. Für die Betroffenen der Bankpleite ist das Thema Commerzialbank Mattersburg noch lange nicht abgeschlossen.
Finanzmarktaufsicht brachte das Bankkonstrukt zum Sinken
Isabella Lichtenegger, Gründerin der "Selbsthilfegruppe der Commerzialbank-Mattersburg-Kunden" auf Facebook, zieht im Gespräch mit den Bezirksblättern Mattersburg ein Resümee: "Die Commerzialbank Mattersburg ist ein bisschen wie die Titanic des Burgenlandes."
Martin Pucher wäre dann wohl mit dem Schiffskapitän gleichzusetzen. Die Finanzmarktaufsicht (FMA) war vor einem Jahr der Eisberg an dem das, dem Untergang geweihte, Bankschiff letztlich zerschellte.
Sie beschäftigt sich intensiv mit der Commerzialbank-Pleite und arbeitet aktuell an einem Buch rund um die Causa. "Die Veröffentlichung meines Buches peile ich für Frühjahr 2022 an. Es wird sich mit den Themen Macht, Gier und Netzwerken rund um die Bank drehen", so die ehemalige Bankkundin.
- Isabella Lichtenegger gründete vor einem Jahr die "Selbsthilfegruppe der Commerzialbank-Mattersburg-Kunden". Sie zieht ein Jahr nach der Bankschließung Resümee.
- Foto: Isabella Lichtenegger
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"Plötzlich war die Bonität weg"
"Für mich privat war der finanzielle Schaden nicht so schlimm. Da habe ich nicht wirklich Geld verloren, weil nicht so viel da war. Aber der emotionale Schaden war und ist da", erzählt die Kommunikationstrainerin und selbstständige Journalistin.
"Ich habe mein Leben lang darauf geachtet eine gute Ausbildung zu machen. Habe mir ein Haus mit Garten erarbeitet und ein kleines Unternehmen aufgebaut. Ich war immer darauf bedacht mich finanziell nicht zu übernehmen", sagt Lichtenegger.
Dann kam der 15. Juli – ein Tag an den die Kommunikationstrainerin und selbstständige Journalistin sich noch sehr gut erinnern kann. "Plötzlich war meine Bonität weg. Die Gier und Selbstüberschätzung, die Freunderlwirtschaft und der Finanzbetrug rund um die Commerzialbank hat mich – und auch viele andere Betroffene – in die Situation gebracht, dass wir unverschuldet als nicht Kreditwürdig galten", berichtet sie.
Emotionaler Schaden auch noch ein Jahr später enorm
Das Schlimmste, auch nach einem Jahr, ist für viele der geschädigten Bankkunden der entstandene emotionale Schaden. Neben den finanziellen Einbußen, die viele Betroffene einstecken mussten, entstand durch den plötzlichen Wegfall der eigenen Bonität auch erheblicher emotionaler Schaden. Das Vertrauen in Bankinstitute hat gelitten.
"Für mich ist es als Firmenkunde fatal über keinen Überziehungsrahmen verfügen zu können. Für ein Unternehmen ist das eine Katastrophe", so Lichtenegger und weiter "Man hat ja als selbstständig tätige Person keinen Betrag X der regelmäßig, monatlich auf das Konto kommt. Einmal ist es mehr und dann mal weniger Umsatz. Die Fixkosten bleiben aber gleich."
Wirtschaftliche Flexibilität hat gelitten
Durch den Bankskandal rund um die Commerzialbank Mattersburg und die damit verbundene Schließung, in Kombination mit der Corona-Pandemie die die Situation für Unternehmer noch zusätzlich verschärft hat, hat die wirtschaftliche Flexibilität der Selbstständigen gelitten.
"Durch den nicht mehr vorhandenen Überziehungsrahmen auf dem neuen Bankkonto kann ich mich wirtschaftlich natürlich nicht mehr wie gewohnt bewegen. Wenn man jedesmal bei der Bank ansuchen muss, wenn man das Konto für eine kurze Zeitspanne überziehen möchte ist das Nervenaufreibend und vor allem auch mit horrenden Zinsen verbunden", erzählt die ehemalige Commerzialbank-Kundin die Verständnis dafür hat, dass eine neue Bank ihre Kunden erst kennenlernen will bevor sie Kontoüberziehungen unkompliziert einräumt.
"Ja, es gab Geschenke. Ich bekam selbst eines"
Den Untersuchungsausschuss zur Causa Commerzialbank sieht Isabella Lichtenegger kritisch: "Ich finde es heftig, dass man erst ewig brauchte, um den U-Ausschuss durchzubringen. Es wurden horende Summen in das Spektakel gesteckt und dann war nicht ein Kunde für eine Aussage geladen. Die Politik hat fleißig bestritten, dass es von Seiten der Bank Geschenke gegeben hat. Ich kann bestätigen, dass es zu Geburtstagen sehr wohl welche gab." "Alle die 50 geworden sind haben zum Beispiel einen Silberbarren von der Bank erhalten. Ich habe selbst einen solchen daheim. Wobei ich ja kein Politiker bin und somit dieses Geschenk auch annehmen durfte", lacht Lichtenegger.
Der Umstand, dass im Rahmen der Befragungen durch den U-Ausschuss nur bestimmte Fragen zulässig waren sorgt bei der ehemaligen Bankkundin für Kopfschütteln. "Was hat es für einen Sinn, wenn man jemanden zu einer solchen Sache befragt und ihm vorab bereits die Fragen zukommen lässt? Da ist doch klar, dass sich die Befragten minutiös auf den Termin mit ihrem Anwalt vorbereiten und am Ende nichts rauskommen kann", so die Ex-Commerzialbank-Bankkundin.
- Zum 50. Geburtstag bekam Isabella Lichtenegger einen Silberbarren von der Commerzialbank Mattersburg überreicht.
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"Die Commerzialbank treibt ehrliche Menschen zu kriminellen Akten"
So mancher Kunde der Pleitebank verlor große Geldsummen. Die Einlagensicherung deckte lediglich 100.000 Euro ab. Wer mehr Geld bei der Commerzialbank hatte sah durch die Finger. So kam es auch zu dem Fall einer burgenländischen Familie, die durch Falschangaben bei der Einlagensicherung, versuchte das verlorene Kapital doch noch zurück zu bekommen (die Bezirksblätter berichteten in "Familie wollte Einlagensicherung täuschen").
"Menschlich gesehen kann ich den Versuch die Einlagensicherung zu betrügen sehr gut nachvollziehen. Ich selbst hätt mich das aber absolut nicht getraut. Letztlich ist es eine Straftat und anderen Betroffenen gebenüber, die ihre Verluste ehrlich hingenommen haben, unfair", kann Isabella Lichtenegger die Verzweiflung der Betroffenen verstehen – heißt deren Vorgehensweise aber nicht gut.
"Am Ende begehen solche Menschen den gleichen Betrug, den die Commerzialbank an jenen begangen hat die trotz der Verluste ehrlich geblieben sind. Die Urheber der Malversationen haben damit ehrliche, rechtschaffene Menschen zu kriminellen Akten verleitet", so die Gründerin der Facebook-Selbsthilfegruppe die zahlreiche Schicksale nach der Bankpleite kennt.
"Mitwisser, bewusste Ignoranten und Nutznießer"
Eines steht für Isabella Lichtenegger fest: "Herr P. und Frau K. müssen in Zusammenhang mit der Commerzialbank von einem ziemlichen Netzwerk von Mitwissern, bewussten Ignoranten und Nutznießern umgebeben gewesen sein. Anders kann ich mir nicht vorstellen, dass Malversationen in einer solchen Größenordnung und über einen so langen Zeitraum möglich sind."
Und weiter "Es ist ein Jahr vergangen und gibt im Grunde keine Ergebnisse. Weder vom U-Ausschuss, noch von der Staatsanwaltschaft oder vom Nachlassverwalter. Herrn P's. Taten können mit Gerechtigkeit gar nicht aufgewogen werden aber es wäre endlich an der Zeit, dass es endlich zu einer richtigen Anklageerhebung kommt. Es würde vielen Betroffenen dabei helfen mit der Sache ein wenig abzuschließen, wenn hier ein Richter die Schuldigen für den Finanzbetrug verurteilen würde."
Commerzialbank verbindet Betroffene in Freundschaft
Isabella Lichtenegger wird mit ihrer "Selbsthilfegruppe der Commerzialbank-Mattersburg-Kunden" weiterhin – auf der Social Media-Plattform Facebook – mit Rat und Tat für andere Betroffene der Bankpleite da sein.
"Durch Corona waren uns persönliche Treffen jetzt lange Zeit nicht wirklich möglich, aber ich hoffe, dass wir jetzt bald wieder eine solche Zusammenkunft haben werden. Wir unterstützen uns gegenseitig. Es haben sich richtige Freundschaften entwickelt", freut sie sich über die finanzielle und emotionale Unterstützung die sich die Gruppenmitglieder gegenseitig bieten.
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