08.11.2016, 18:00 Uhr

60 Jahre Ungarnaufstand: Siegfried Potzmann erinnert sich an die dramatischen Ereignisse in Rechnitz

Siegfried Potzmann aus Ollersdorf erinnert sich an die Ereignisse in Rechnitz

Der damals 14-Jährige Sohn eines Zollwachbeamten lebte 1956 in Rechnitz, wo sein Vater stationiert war.

RECHNITZ (kv). Der Tod eines sowjetischen Soldaten am damaligen Zollhaus war ein besonders prägendes Erlebnis für den heute 74-jährigen Siegfried Potzmann aus Ollersdorf. "Ich habe mitangesehen, wie der Gendarm den flüchtigen Soldaten erschossen hat", erzählt Potzmann.

Flüchtlingswelle brachte Erinnerung zurück

Der Kampf um Freiheit
Österreich war frei, der Staatsvertag unterschrieben und die Zäune wurden niedergerissen. "Wir spürten die Erschütterungen in der Schule, als die Minenfelder an den Grenzen für deren Beseitigung gesprengt wurden." Unterdessen stand Ungarn nach wie vor unter der kommunistischen Herrschaft von Russland. Ein Jahr nach dem Staatsvertrag strömten 200.000 Flüchtlinge während des Ungarn-Aufstandes im Oktober 1956 in den Westen. Der Befreiungskampf forderte über 3.000 Menschenleben und rund 19.000 Verwundete.

Sowets und Kalaschnikows
Am 23. November 2016 hörten Siegfried Potzmann und sein Schulkamerad Schüsse fallen. "Wir waren jung und neugierig und wollten es genauer wissen." Der Sohn des Zollwachbeamten wusste genau, wo der Schlüssel zum Zollwachhaus liegt. Sie schlichen sich hinein und beobachteten mit einem Feldstecher die Rechnitzer Ebene Richtung ungarische Grenze. "Zwei sowjetische Soldaten verfolgten eine kleine Gruppe ungarischer Flüchtlinge. Sie wollten sich im Zollhaus verstecken, aber meine Mutter schickte sie in den Weingarten, dort könnten sie sich besser verstecken."

Entwaffnet und gesichert
Als die Mutter bemerkte, dass die Soldaten schwer bewaffnet waren, verständigte sie die Zollwache. Da die Sowjets mit Kalaschnikows ausgerüstet waren, schafften sie es nicht alleine, sie zu überwältigen. "Doch da kam die Gendarmerie, die vorher von den Beamten verständigt wurde, und konnte die Situation entschärfen."
Unterdessen hatte sich Siegfried Potzmann in der Nähe versteckt und das Geschehen heimlich beobachtet.

Ein Schuss - ein Treffer
"Der größere Russe riss sich vom Gendarmen los und lief Richtung Ungarn. Alle riefen, er solle stehenbleiben, sogar sein Kamerad, aber er lief weiter." Die Gendarmen eröffneten das Feuer, nach einer Ladehemmung griff sich einer von ihnen die Kalaschnikow und feuerte auf den flüchtenden Soldaten. "Ich sah nur noch, wie er einen Hechtsprung machte und zu Boden fiel. Man brachte ihn ins Krankenhaus Oberwart, aber der etwa 20-Jährige war nicht zu retten."

Große politische Verstrickungen

Ein erschossener Sowjet auf österreichischen Boden war im Jahr 1956 - ein Jahr nach Unterzeichnung des Staatsvertrages - ein mehr als heikles Thema. Es gab einige diplomatische Treffen, um die Angelegenheit zu bereinigen. Der Leichnam und der zweite russische Soldat wurden nach Ungarn gebracht.
"Die Sowjets stellten in Ungarn Lautsprecher auf, aus denen Drohungen gegen Österreich hinüberschallten. Wir sollten in Rechnitz evakuiert werden, aber wir ließen uns nicht vertreiben." Die Bürger halfen den ungarischen Flüchtlingen wo sie nur konnten, in der Volksschule Rechnitz wurde ein Auffanglager eingerichtet."

Viele Einzelschicksale

Geboren in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, ständige Wohnortwechsel bedingt durch den Beruf seines Vaters, die ständige Bedrohung aus Ungarn, damit erlebte der damals 14-jährige Siegfried mehr, als die meisten ihr ganzes Leben lang. "Angst hatte ich keine. Ich war jung und fühlte mich unbesiegbar und ich wusste mich zu verteidigen."
Emma Wanger war damals ebenfalls 14 Jahre alt. Sie flüchtete zu ihrem Onkel von Ungarn nach Rechnitz, doch ihre Eltern schafften es nicht mehr rechtzeitig nach Österreich. Noch heute weint sie, wenn sie sich an die täglichen Treffen mit ihren Eltern erinnert, getrennt durch einen unüberwindlichen Stacheldrahtzaun.
In der schwierigen Nachkriegszeit gab es tausende solcher Schicksale, die deren Leben bis heute prägen. Sie alle sehen die aktuelle Flüchtlingskrise wohl bestimmt mit ganz anderen Augen, als wir es je könnten.

Zeitzeugen berichten

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Kommentar: Brücken bauen und Zäune einreißen
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