Doku über Demenz
"Der Film ist völlig unverstellt und zeigt, wie schön es war!"

Elfriede Roggenhofer mit ihrem Sohn Günter.

GURTEN. Der Münchner Günter Roggenhofer und seine Frau Anna Daller aus Osternach haben Roggenhofers Mama Elfriede aus Gurten sieben Jahre lang, von der Diagnose Demenz bis zum Tod, begleitet. Über diese intensive aber schönste Zeit in ihrem Leben haben die beiden mit Unterstützung des gebürtigen Lambrechtners Thomas Bogner einen Film gemacht.

Herr Roggenhofer. Ihr Film "Diagnose Demenz. Ein Schrecken ohne Gespenst" wird am 22. Dezember um 11.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing gezeigt. Wie ist der Film entstanden?
Roggenhofer. Da muss ich länger ausholen, denn der Film war überhaupt nicht geplant. Die Geschichte des Films hat 2007 begonnen, als meine Mama die Diagnose Demenz erhielt. Damals sind wir in ein tiefes Loch gefallen. Die Anzeichen waren natürlich vorher schon da, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Meine Frau Anna konnte damit besser umgehen. Ich denke, besonders für Männer ist es ein Riesenproblem, wenn die eigene Mutter, die bislang stärkste Frau im Leben, so eine Diagnose erhält. Ich habe in dieser Zeit wahnsinnig mit mir gekämpft.

Welche Anzeichen gab es vor der Diagnose?
Sie war oft sehr nervös, umtriebig und hat nicht mehr geschlafen. Anna und ich wohnen am Stadtrand von München. Als neben uns eine Wohnung frei wurde, haben wir meine Mama zu uns geholt. Sie war dann oft aggressiv und wurde auch handgreiflich. Einmal ist sie von zuhause davon gelaufen. Wir haben sie nicht mehr gefunden. Auf einmal hat sie bei einem Haus an die Tür geklopft und um Hilfe gebeten. Sie erzählte, dass meine Frau und ich sie vergiften wollen. Der Hausarzt hat sie dann ins Krankenhaus eingewiesen. Sie war fünf Wochen lang dort in der Psychiatrie. Als sich ihr Zustand rasant verschlechtert hat, habe ich realisiert, dass sie unser Leben nicht absichtlich schwer macht, sondern hilfsbedürftig ist. Ab diesem Zeitpunkt war für mich alles handelbar.

Wie ging es dann weiter?
Nach den fünf Wochen standen wir vor der Entscheidung: entweder eine 24-Stunden-Pflege zuhause, oder ins Heim. Obwohl zuerst ein Heim für Anna und mich nicht in Frage kam, haben wir dann einen Heimplatz für meine Mama gesucht. Zum Glück haben wir dann eines gefunden, das neu eröffnet hat und nur drei Kilometer von uns entfernt war. Direkt vom Krankenhaus haben wir meine Mama in dieses Heim gebracht. Ich habe sie angeschwindelt und gesagt, sie kommt einige Wochen auf Kur. Ich konnte ihr die Wahrheit nicht sagen. Aus diesen Wochen sind dann fünf Jahre geworden.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Sehr intensiv. Ich bin selbständig in der Multimediabranche tätig und habe dann auch später mein Büro in das Zimmer meiner Mama verlegt. Auch Anna war sehr viel bei meiner Mama. Eigentlich war fast immer wer da und das Heim war unser Lebensmittelpunkt. Anfangs kamen uns die anderen Bewohner und die Umstände vor Ort sehr befremdlich vor. Nach kurzer Zeit waren uns auch diesen Menschen wahnsinnig nah. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass das Akzeptieren und Annehmen der Krankheit letztendlich der Schlüssel zum Erfolg für die Bewältigung der großen Aufgaben war. Wir alle haben zuvor selten so viel miteinnander gelacht und Spaß gehabt wie in dieser Zeit. Im Zimmer meiner Mama waren oft an die zehn Bewohner, wir haben richtige Parties gefeiert. Auch wenn uns Freunde besucht haben, haben wir uns immer bei meiner Mama getroffen. Nach viereinhalb Jahren wurde meine Mama schwer krank und war stark erstickungsgefährdet. Das letzte halbe Jahr haben Anna und ich dann auch im Heim geschlafen, denn wir wollten dabei sein, wenn es passiert, was mir leider bei meinem Vater, der viel zu früh starb, verwehrt blieb.

Ist ihre Mutter im Heim gestorben?
Nein. Wir haben sie am 21. Dezember 2012 nach Hause geholt, damit sie daheim in Ruhe sterben kann. In unseren fünf Jahren im Heim hatten wir so viel gelernt und dann besonders im letzten halben Jahr fast die gesamte Pflege übernommen. Daher haben wir uns das zugetraut. Wir wollten einmal noch zuhause gemeinsam Weihnachten feiern. Im Endeffekt hat sie noch 21 Monate lang zuhause gelebt. Diese Zeit war das pure Glück. Wir wussten sie in Sicherheit und sie hatte Priorität Nummer eins.

Wie ist daraus ein Film entstanden?
Ich wollte unsere wunderbare Geschichte vor allem meinen Kunden mitteilen und mich so bei ihnen bedanken. Meine Kunden haben ja mitbekommen, dass wir sehr viel Zeit bei meiner Mama im Heim waren. Von dieser Seite kam auch vermehrt der Wunsch, diese Geschichte unbedingt niederzuschreiben.
Doch bei einem Buch hat jeder andere Bilder im Kopf. Ich dachte, wenn ich schon eine so persönliche Geschichte erzähle, dann sollen alle wissen, wie es wirklich war. Gemeinsam mit Annas Neffen Thomas Bogner aus Lambrechten haben wir dann entschieden, einen Film zu machen.

Mit welchem Material?

Ich hatte 2007, als alles losging, bereits das erste iPhone und so im Laufe der Jahre tonnenweise Fotos und Videos. Aus diesem Material entstand der Film, dank Thomas technisch in Kinoqualität. Moderiert wird die Filmdoku von dem Sänger, Moderator und Puppenspieler Albrecht von Weech. Den Titelsong “Vergessen“ hat Stefan Aaron für uns geschrieben. Hans Steinbichler, der zum Beispiel Regisseur beim Film "Das Tagebuch der Anne Frank" war, hat uns geholfen, dass unser Film am 19. Jänner im Rio Filmpalast in München meinen Kunden gezeigt werden konnte. Das Publikum war emotional sehr ergriffen. Wie schön, solche Freunde zu haben!

Wurde der Film auch schon öffentlich gezeigt?
Ja, bisher dreizehn Mal. Auch Fremde haben genauso auf den Film reagiert wie meine Kunden. Wir alle suchen ja nach dem Sinn des Lebens. Mit diesem Film zeigen wir, dass die Lösung oft so nah liegt. Sich Zeit für die Alten zu nehmen, bereichert enorm. Im Film wird auch deutlich, was das Pflegepersonal leistet. Der Film ist daher auch ein großes Dankeschön an die Menschen, die in der Pflege arbeiten, die leider nur zu selten gelobt werden.

Information

Der Film "Diagnose Demenz. Ein Schrecken ohne Gespenst" wird am 22. Dezember um 11.30 Uhr in der Filmgalerie Bad Füssing in der Sonnenstraße 4 gezeigt. Die Filmemacher sind bei einem anschließenden Filmgespräch anwesend. Kartenreservierung unter www.demenzdoku.de.

Autor:

Bernadette Wiesbauer aus Ried

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