Simmeringer Lebenserinnerungen
Amalienbad - hin und zurück
- Amalienbad, Schwimmhalle, um 1926
- Foto: Wien Museum, online-Sammlung
- hochgeladen von Petra Leban
aus den Erinnerungen von Karl Eigner
Als Schüler hatten wir einen Schülerausweis zur sicheren Dokumentation unserer Identität erhalten. Das beeindruckte uns allerdings nicht sehr, aber auf der Hinterseite war ein schmaler Platz ausgespart zum Aufkleben der Bädermarke. Sie berechtigte zum Besuch der städtischen Bäder zu stark ermäßigten Eintrittspreisen. Natürlich dachten wir nicht an das Tröpferlbad, das notgedrungen besucht werden musste, denn Badezimmer hatte es damals auch in den neuen Gemeindebauten noch nicht gegeben. Sondern unser Ziel war das Amalienbad auf dem Reumannplatz in Favoriten.
Unterwegs
Der Weg vom Simmeringer Markt, im 11. Wiener Bezirk, wo wir uns immer trafen, bis zum Amalienbad, im 10. Wiener Bezirk, ist ein langer. Und Fahrgeld für eine Straßenbahnfahrkarte hatten wir nicht. Also zogen wir zu Fuß los, die schnurgerade Geiselbergstraße entlang. Sie steigt beständig an - endlos lang. Aber damals machte uns das nichts aus. Zuerst kamen wir am Tröpferlbad vorbei, danach an den „Eisenbahnerhäusern“. Große graue Wohnblöcke und ob dort wirklich nur Eisenbahner wohnten, war ungewiss. Unübersehbar tauchte dann die große rote Fabrik vom „Zuckerl- Schmidt“ auf - Victor Schmidt & Söhne, der Süßwarenhersteller. Beim Vorbeigehen konnte man durch vergitterte Fenster ins Untergeschoß schauen. Da blieben wir meistens stehen. Unten standen große Bottiche, in denen sich Rührwerke drehten und Schokolademasse mischten. Durch einige kleine Lüftungsfenster strömte intensiver Schokoladenduft.
Richtung Favoriten
Anschließend lag ein großes, unbebautes Feld über das diagonal hinweg ein Trampelpfad zum Ostbahn- Steg führte. Den benützen wir meistens auf unserem Heimweg vom Amalienbad. Wir aber gingen die Geiselbergstraße gerade weiter, sie hatte am Gräßlplatz ihren höchsten Punkt erreicht. Dann kam die Unterführung unter den vielen Gleisen der Ostbahn, beiderseits eingefasst von fast senkrechten Steinmauern. Auf der Favoritner Seite, im 10. Wiener Bezirk gelegen, gab es einen Stiegenabgang, dort wartete immer der Rudi aus unserer Klasse. Seine Eltern hatten in den oben liegenden Häusern – die „Kreta“ hieß dieses Viertel - eine Dampfbäckerei. Sobald er uns kommen sah, lief er die Stufen herunter und schloss sich uns an.
So marschierten wir weiter, die ebenso lange und gerade Gudrunstraße entlang. Vorbei am Wasserreservoir, an Gemeindebauten und, von der Gudrunstraße abzweigend, vorbei an der tschechischen Komensky-Schule. In Favoriten leben viele tschechische Familien, die in der Monarchie hergezogen waren, um in den Ziegelfabriken zu arbeiten.
Bald sahen wir die Bäume auf dem Vorplatz des Amalienbades. Das Ziel war erreicht und das Badevergnügen konnte beginnen!
Karl Eigner wuchs in Simmering der 1920er und 1930er Jahre auf.
Text gekürzt, aus: Simmeringer Museumsblätter, Heft 75, April 2006
AUSSTELLUNGS-TIPPS:
Bezirksmuseum Favoriten
„Wasser – Natur und Kultur – Frauen!
…von A wie Amalienbad bis Z wie Ziegelteich“
Donnerstag, 25.6./2.7., 16 -19 Uhr
Ada-Christen-Gasse 2b (im Haus der Begegnung), 1100 Wien
Eintritt frei!
Bezirksmuseum Simmering
„Wassergeschichte(n) & Wiener Neustädter Kanal“
Freitag, 26.6./ 3.7., 14-17 Uhr und Sonntag, 28.6., 10-12 Uhr
Enkplatz 2, 1110 Wien
Eintritt frei!
www.bezirksmuseum.at
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