13.11.2017, 15:05 Uhr

Stefan Denifl: „Ein Aufgeben gab es für mich nie!“

(Foto: Walter Andre)
Fulpmes: Fulpmes feierte Stefan Denifl |

Man muss eine Sucht für den Leistungssport entwickeln, schließlich braucht es den Profisport. 

Stefan Denifl feierte nach seiner Knieverletzung im Jahr 2017 sein großes Comeback. Er gewann die Gesamtwertung der Österreich Rundfahrt und eine Etappe der Vuelta a España 2017, das seit 82 Jahren keinem Österreicher mehr gelungen war. Zudem war es der erste Sieg für ein irisches Team überhaupt. Stefan Denifl fährt für das Aqua Blue Sport Team. Der Fulpmeser erzählt im Regionalsport Interview über seine Anfänge als Mountainbiker, was er über die Rad-WM in Tirol denkt und über seinen emotionalsten Sieg.

RSP.: Du bist in einer Radsportfamilie aufgewachsen. Wie verlief dein Weg zum Profisportler?
Stefan Denifl:
Mein Vater, Ernst, war Mountainbiker und fuhr bis 1996 aktiv bei Rennen mit. Ich wollte ihm immer nacheifern. Er hat mich dabei immer unterstützt ohne mir dabei einen Druck zu machen. Am Anfang fuhr ich noch Mountainbike. Martin Eder von den Innsbrucker Schwalben meinte, ich sollte mal ein Straßenrennen fahren, was ich machte. Bei der Berg-ÖM in Inzing belegte ich bei meinem ersten Rennen auf einem Rennrad den ersten Platz bei den u17. Ich bemerkte schnell, dass ich mit dem Straßenrad viel mehr Möglichkeiten habe und daher konzentrierte ich mich nur noch auf das Rennrad.

RSP.: Wann hast du dich entschieden Radprofi zu werden?
Stefan Denifl:
Das passierte einfach. Mit den Erfolgen wuchs ich in die Profischiene hinein. Viele gute Radfahrer hören auf, weil sie irgendwann kein Team mehr haben oder sie machen neben der Arbeit weiter, was meiner Ansicht nach nicht ideal ist. Es ist in Österreich schwer vom Radsport zu leben.

RSP.: Du hast dir als Jugendlicher bereits einen Plan-B geschmiedet?
Stefan Denifl:
Richtig. Ich wollte, falls es mit Radprofidasein nichts wird, nicht ohne Ausbildung oder Abschluss dastehen. Daher schloss ich die HTL in Fulpmes ab und wäre Maschinenbauer oder technischer Zeichner geworden.

RSP.: Was sind deine Lieblingsrennen?
Stefan Denifl:
Das sind einige Rennen in Belgien. Wie etwa das älteste Zwei-Tagesrennen der Welt. Das Passion Lich Rennen hat eine 110 Jahre alte Geschichte und ist für Bergfahrer wie ich es bin, ein tolles Rennen. Generell ist Belgien für Radfahrer empfehlenswert. Gut gefallen mir auch die Flandern Rundfahrt, wobei diese eher für Sprinter geeignet ist oder das Paris Roubaix Rennen.

RSP.: Was gefällt dir am Radsport generell?
Stefan Denifl:
Das Training ist sehr abwechslungsreich. Ich kann beinahe überall und zu jeder Jahreszeit trainieren. Sei es auf dem Ergometer, in der Natur, im Winter beim Langlaufen oder Skitouren gehen sowie in der Kraftkammer. Ich liebe es mich zu verausgaben und in fast keinem anderen Sport ist man den Fans bei einem Wettkampf so nahe wie bei einem Radrennen.

RSP.: Warum glaubst du, hat der Radsport in Tirol nicht diesen Stellenwert wie andere Sportarten?
Stefan Denifl:
Der Wintersport hat wegen der Gegebenheiten einen hohen Stellenwert. Dem Radsport fehlten in den letzten Jahrzehnten die guten Radsportler die es als Vorbildwirkung braucht.

RSP.: Was müsste sich ändern, dass es wieder mehr Radnachwuchs in Tirol/Österreich gibt?
Stefan Denifl:
Da muss man bei den sechsjährigen Kindern ansetzen. Beinahe jedes Kind hat ein Rad zu Hause. Wenn es wie beim Skifahren an lässigen Rennen teilnehmen kann, die vielleicht spielerisch abgehalten werden, ist wieder mehr Bezug zum Radfahren vorhanden. Das Potential ist auf jedem Fall da. Zusätzlich ist der Radsport auch noch wegen seiner gelenkschonenden Art gesund.

RSP.: Warum bist du dem Aqua Blue Team aus Irland beigetreten?
Stefan Denifl:
Das war am Anfang nicht ganz freiwillig aber im Nachhinein die beste Entscheidung überhaupt. Kurz gesagt: Ich stand Ende 2016 ohne Team da und zwei Teams nahmen noch Fahrer auf. Ich unterschrieb bei den Iren.

RSP.: Du hast erzählt, dass das Aqua Blue Team anders sei als die anderen Teams?
Stefan Denifl:
Das ist korrekt. Das Aqua Blue Team möchte sich in ein paar Jahren refinanzieren und sich von selber tragen. Auf der Aqua Blue Sport Homepage können Hersteller von Radersatzteilen ihre Produkte verkaufen und das Team behält sich einen gewissen Prozentsatz. Kurz um; wir machen Werbung für uns und hoffen in ein paar Jahren uns selber zu erhalten.

RSP.: Du hattest ebenso großes Glück mit dem IAM Team zuvor?
Stefan Denifl:
Absolut. Die waren menschlich einfach top. Bei vielen Teams wäre ich auf Grund den wenigen Renneisätzen in einem Jahr wegen meiner Knieverletzung rausgeworfen worden oder hätte kein Geld mehr bekommen. Doch von Seiten des Teams hieß es immer: „Wir glauben an dich und wenn du bereit bist, kannst du wieder Rennen für uns fahren.“ Für mich war das sehr wichtig.

RSP.: Hast du jemals an das Aufhören gedacht?
Stefan Denifl:
Aufhören wollte ich nie, doch ich hatte das Gefühl, dass mein Knie nie wieder gut wird. Kein Arzt, Therapeut oder dergleichen konnte mir helfen. Erst Patrick Grassnig konnte mir Ende 2014 helfen mein Knie wieder fit und stabil zu machen.

RSP.: Bist du der Meinung, dass das Profisportlerdasein noch erstrebenswert ist?
Stefan Denifl:
Der Leistungssport in der Spitzenklasse ist sehr hart geworden. Viele Sportler die mit dem Profidasein aufhören haben danach Burn Out/Depressionen, mit Suchtmittel Probleme oder lassen sich scheiden. Nur denke ich mir, dass das normale Leben auch nicht immer einfach ist. Spitzensport ist mit Sicherheit auch nicht immer ganz gesund, trotzdem braucht es den Spitzensport um die Menschen für die Sport zu begeistern. Einige Menschen brauchen den Profisport um überhaupt Sport zu machen.

RSP.: Du bist vor kurzem Vater geworden. Was sagst du zu deinem Kind wenn es Profisportler werden möchte?
Stefan Denifl:
„Probiere es aus, wenn es das ist, was du machen willst.“ Ich denke es wäre falsch es zu unterbinden, denn jeder muss selber darauf kommen. Wenn es einer nicht will, dann hört er wieder von selber auf. Ich glaube auch, dass es in den Genen liegt, schließlich muss man das Leiden und an die Grenzen gehen mögen und eine gewisse Sucht dafür entwickeln. Entweder es liegt einem in Blut oder nicht.

RSP.: Was war dein ganz persönlich größter Sieg bisher?
Stefan Denifl:
2015 habe ich das Bergtrikot bei der Tour de Suis gewonnen. 2017 war der Vuelta-Etappen-Sieg überwältigend. Die Tour de Suis war das erste Rennen nach meiner Knieverletzung und das war dermaßen emotional für mich, dass ich nur noch am heulen war, vor allem als ich beinahe noch die Sölden-Etappe gewonnen hätte. Vom Stellenwert her war natürlich der Vuelta-Etappen-Sieg der größte für mich.

RSP.: Was ging dir während deiner Siegesetappe der Vuelta-Rundfahrt durch den Kopf?
Stefan Denifl:
Ich war extrem frei im Kopf. Ich habe nur zu mir gesagt, trinken, Essen und auf die Trittfrequenz achten. Klar, es ist kein tolles Gefühl, wenn du weißt, hinter dir fahren noch die großen Radstars, aber ich konnte meine Leistung perfekt abrufen und kontrolliert fahren.

RSP.: Nächstes Jahr wird in Tirol die Rad-WM ausgetragen und die Tour of the Alps wird zweimal in Tirol gestartet. Wirst du dort an den Start gehen?
Stefan Denifl:
Bei der Rad-WM auf jedem Fall. Bei der Tour of the Alps weiß ich es noch nicht genau, denn genau zu dieser Zeit finden gewisse „Rad-Klassiker“ statt. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich auf jedem Fall bei beiden Rennen dabei.

RSP.: Du hast dir die WM Strecke genau angeschaut, was sagst du dazu?
Stefan Denifl:
Die ist brutal schwer. Sechsmal von Innsbruck nach Igls und zum Schluss noch in die „Höll“ hinein zu fahren, mit der langen Anfahrt zuvor, dass ist Brutalität pur. Ich glaube, dass die WM von einigen unterschätzt wird, da es eine Anfahrt und dann erst einen Rundkurs gibt.

RSP.: Bei der Rad WM werden viele Zuschauer anwesend sein, vor allem aus dem benachbartem Ausland. Was müsste sich in Tirol oder Österreich bei den kleineren Rennen ändern, damit diese wieder attraktiver werden?
Stefan Denifl:
Mir fehlt bei den Radrennen noch das rundherum Programm, das auch diese Menschen kommen, die sich nicht ausschließlich für das Radrennen interessieren. Oder, dass immer ein Kinderrennen zuvor stattfindet, wo ein jedes Kind mitfahren kann. Oftmals funktioniert ein Erstkontakt nur durch die Sideevents.

RSP.: Es wird geredet, dass du bei der Tour de France teilnehmen wirst. Ist das korrekt?
Stefan Denifl:
Offiziell gibt es noch keine Stellungsnahme vom Team. Es kann sein, dass wir nächstes Jahr den Giro oder die Vuelta oder die Tour de France fahren. Eine große Tour werden wir sicher wieder fahren, eventuell noch eine zweite. Ich bevorzuge den Giro, denn dort kann mich wegen der Nähe nach Italien die Familie oft besuchen und die Fans sind der Hammer. Aus sportlicher Sicht wäre jetzt die Tour de France an der Reihe.

RSP.: Wie viele Rennen fährst du pro Jahr?
Stefan Denifl:
Ich habe im Schnitt 60-70 Renntage über das Jahr verteilt ohne An- und Abreise.

RSP.: Was sind deine nächsten Ziele?
Stefan Denifl:
Welche Rennen am Programm stehen, weiß ich Anfang des nächsten Jahres, es wird nämlich gemunkelt, dass mein Team und ich auch beim Paris Nizza Rennen teilnehmen werden. Jetzt, über den Winter versuche ich gesund zu bleiben und ideal zu trainieren. In den Wintermonaten legt ein jeder Radprofi den Grundstock für die kommenden Saison. Im Frühjahr möchte ich gut mitfahren und über die Sommermonat mich steigern sodass ich einen super Rennherbst habe. Natürlich möchte ich mich auch perfekt auf die Rad WM vorbereiten.
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