Zwei Pandas und ein Löwentanz -
Gästeehrung im Tiergarten Schönbrunn

1. Roter Tanzlöwe  | Foto: Cristina Silvano
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Angekommen in Österreich sind sie am 23. April 2025. Inoffiziell sozusagen, denn zunächst ging es gleich nach dem Einchecken ins ‚Hotel Tiergarten Schönbrunn’ in die Quarantäne. Ruhe und bequeme Entspannung bei Wasser und reichlich frischem Bambus. Denn Dame „Lan Yun“ und Herr „He Feng“ sind, wie ihre Speisekarte besagt, Bambusbären, besser bekannt als „Große Pandas“

Die beiden etwa knapp fünfjährigen Tiere wurden, in Fortsetzung einer seit 2003 bestehenden Forschungskooperation mit der China Wildlife Conservation Association (CWCA) als freundliche Leihgabe für 10 Jahre an den Tiergarten Schönbrunn gesandt - Nachfolger des im Vorjahr in die wohlverdiente ‚Pension’ heimgekehrten Pärchens. Ziel der Kooperationen zwischen der CWCA und Tiergärten wie Schönbrunn ist es, durch Entsendung von Zuchtpaaren in sichere, artgerechte und sorgfältig betreute Haltung zu möglichst zahlreichem Nachwuchs zu gelangen.

Vor etwa 45 Jahren war die Population der rot gelisteten letzten Pandas in ursprünglichen Lebensräumen auf knapp 1100 Tiere gesunken. Dank strenger Schutzmaßnahmen und kooperativer Zuchtprogramme zählt man mittlerweile wieder rund 1900 frei lebende Tiere. Diese ersten Erfolge in der Erhaltung einer extrem gefährdeten, einzigartigen Tierart müssen im Interesse dauerhafter Wirkung fortgesetzt werden, und Tiergartendirektor Dr. Stephan Hering-Hagenbeck freut sich, über die im Juni 2024 vereinbarte Fortsetzung der Kooperation für weitere 10 Jahre..

Nach Ende der Quarantäne am 14. des Wonnemonats Mai, gerade richtig für ein hoffentlich werdendes Liebespaar, konnte dieses sein neu gestaltetes Domizil zur Gänze und damit auch zur Freude des Publikums sichtbar in Besitz nehmen. Solch kostbaren weitgereisten Gästen kommt natürlich nach guter Tradition auch ein entsprechendes Zeremoniell zu, welches sowohl ihrer Bedeutung als auch ihren Sympathiewerten Rechnung trägt.

Und so fand sich denn am 14. Mai dieses Jahres gemeinsam mit Vertretern des CWCA - einschließlich des Bundespräsidenten und Bundeskanzlers - die gesamte österreichische Regierungsspitze nahe des Panda-Geheges ein, um das zur Ehrung der Bambusbären vollführte Ritual zu bestaunen - den ‚Löwentanz’.

Die vierbeinig elegant tänzelnden bis kunstvoll springenden Löwen bestehen aus jeweils zwei motorisch perfekt aufeinander abgestimmten (männlichen) Menschen in einem prächtigen gelb- oder rotgoldenen Löwenkostüm. In beeindruckender Pantomime legt sich der Menschenpaarlöwe nieder, nimmt ein gerolltes Band ins Maul, springt auf und lässt es sich beim Aufreißen des Maules entrollen, wobei auf rotem Grund goldene chinesische Schriftzeichen sichtbar werden - es sind gute Wünsche für Glück und Wohlergehen.

Dass Kooperationen dieser Art zwischen unterschiedlichen Staaten und Völkern noch weit mehr Potential in sich tragen als Natur- und Artenschutz, brachte kein Geringerer als Bundespräsident Alexander van der Bellen in einer kleinen Ansprache zum Ausdruck: Die Großen Pandas seien „Symbol der chinesisch-österreichischen Partnerschaft.“ und „Kooperationen wie diese schaffen Vertrauen und bringen Nationen näher zusammen. Es gibt immer gemeinsame Anliegen, die uns verbinden. Es stimmt mich optimistisch, dass konstruktive Zusammenarbeit immer möglich ist. Seit mehr als 20 Jahren lassen die Großen Pandas aus China die Herzen großer und kleiner Tierfreunde in Wien höher schlagen.. Im vergangenen September reiste das letzte Panda-Paar in den wohlverdienten Ruhestand nach China. Seither werden die neuen Jungtiere sehnsüchtig erwartet. Ich freue mich daher sehr, dass wir heute diese sympathischen, von wahrscheinlich allen Kindern geliebten Brückenbauer in ihrem neu gestalteten Zuhause offiziell begrüßen dürfen.“

Und Bundeskanzler Dr. Christian Stocker fügte hinzu: „Die Ankunft des neuen Großen Panda-Paares in Österreich ist weit mehr als ein freudiger Moment für den Tiergarten Schönbrunn und seine rund zwei Millionen Besucherinnen und Besucher jährlich – sie ist ein sichtbares Zeichen einer langjährigen, vertrauensvollen Forschungspartnerschaft zwischen Österreich und China. Dieses Projekt vereint Artenschutz mit Forschung, Tradition mit Zukunft und bringt die Menschen unserer beiden Länder im Sinne internationaler Verständigung zusammen. Es ist ein herausragendes Beispiel gelebter internationaler Zusammenarbeit und Ausdruck unseres gemeinsamen Bekenntnisses zum Schutz bedrohter Arten. Die enge Kooperation auf diesem sensiblen Gebiet zeigt: Nachhaltigkeit, Wissenschaft und Diplomatie gehen Hand in Hand – und müssen es gerade in herausfordernden Zeiten auch tun. Mit der neu gestalteten Panda-Anlage schaffen wir nicht nur optimale Lebensbedingungen für die Tiere, sondern auch einen Ort der Begegnung, des Lernens und der ökologischen Verantwortung – für jetzige und künftige Generationen“

Ergänzt wurden die Kommentare zum österreichischen Panda-Willkomm von der chinesischen Botschafterin Qi Mei, welche die besondere Rolle der liebenswerten schwarz-weißen Bärenexoten als Brückenbauer herorhebt: „Die Großen Pandas verbinden Länder, Kulturen und Menschen. Die chinesisch-österreichische Zusammenarbeit im Bereich des Schutzes und der Forschung zum Großen Panda ist eine glanzvolle Visitenkarte der strategischen Partnerschaft zwischen beiden Ländern. Seit Beginn dieser Zusammenarbeit im Jahr 2003 sind bedeutende Erfolge in den Bereichen Schutz und Zucht des Großen Pandas, wissenschaftliche Forschung, technischer Austausch, Ausbildung von Fachkräften sowie öffentliche Aufklärung erzielt worden. Dies hat einen wichtigen Beitrag zum Schutz der globalen Artenvielfalt und zur Vertiefung der Freundschaft zwischen den Völkern beider Länder geleistet.“

Dass sich überdies in den Namen der beiden gefeierten Ankömmlinge ein bezauberndes Beispiel der traditionellen und durchaus auch romantischen chinesischen Poesie verbirgt, macht deren Übersetzung ins Deutsche offenbar: „Lan Yun“,der Name des Weibchens, bedeutet „Anmut einer Orchidee“ und der des Männchens „He Feng“ in zartfühlender Ergänzung einen „Hauch von Lotus“

Natürlich sollten sich nicht nur im öffentlichen Interesse stehende, sondern auch große und kleine private Pandafreunde an dem kunstvollen Löwentanz erfreuen können, weshalb dieser auch im Rahmen der insgesamt vier „Tierischen Sommerabende“ zwischen 27.Juni und 18.Juli gezeigt wurde. Zu weiteren Programmattraktionen zählten u. a. gekonnt dahinstakende Stelzengeher in außergewöhnlichen Tierkostümen, oder das Streichtrio des Schloss Schönbrunn Orchesters, welches beim Kaiserpavillon für klassische Klänge sorgte. Am 4. Juli waren mit dem Konfuziusinstitut und dem Österreichischen Journalisten Club (ÖJC) auch wieder Wissenschaft und Presse Begleiter beim Löwentanz. Wobei der Löwe, während „Die Anmut der Orchidee“ und „Der Hauch von Lotos“ hitzebedingt schon selig schlummerten, diesmal in Rot tanzte. (Bild 1 und 2. „Roter Tanzlöwe“; Bild 3: „John Herzog, Vizepräsident des ÖJC, geht auch mit Löwen auf Tuchfühlung“

Das von den Zuschauern bewunderte farbenprächtig fantastische Ritual entstammt keiner aktuellen Choreographie, sondern hat seine über zwet Jahrtausende zurückreichenden Wurzeln im Buddhismus, wie Dr. Padraig Lysaght, Direktor des Konfuzius-Institutes an der Universität Wien, zu berichten weiß. Auch das Yin-Yang-Prinzip findet hierbei seinen Niederschlag. Bei Statuen von Löwenpaaren, so Dr. Lysaght, würde der männliche Yang-Löwe seine Tatze über eine Kugel, die weibliche Yin-Löwin über ein Jungtier halten. (Bild 4. Yanglöwe)

Inspirierend für Vorstellungen vom Ursprung der Löwe-Symbolik könnte noch eine der zahlreichen Buddha-Legenden gewirkt haben. Dieser nach sei Buddha von zwei Hündchen begleitet worden, welche sich bei Gefahr in zwei Löwen verwandelt hätten. Womit noch ein weiterer liebenswerter China-Repräsentant ehrwürdigen Alters ins Spiel kommt – der (exakt Pekingese genannte) Pekinese .(Bild 5.)

Vor vielen Jahrhunderten als in Personalunion ebenso liebevoll anhänglicher wie mutiger Wächterhund für Kaiserhaus und hochrangige Adelsfamilien gezüchtet, galt die Rasse als so kostbar, dass sich kein/e einem dieser Stände Zugehörige/r von solch einem Hund getrennt hätte. Diese exklusiven, auch Palasthunde genannten Vierbeiner könnten, wie an Hand mancher Quellen angenommen wird, den Gesichtsproportionen etlicher der in besonders in China weit verbreiteten steinernen ‚Wächterlöwen’ wie auch den Löwentanzkostümköpfen einen markanten Akzent beschert haben. Denn während der Afrikanische Löwe durch brutale antike Tierhetzen, danach durch Jagdtrophäen diverser Ängehöriger von Kolonialmächten oder auch nicht eben tierfreundliche Zirkusschauen den Europäern bis in die Gegenwart vertraut blieb, gelangte seine kleinere, genetisch und neurologisch marginal unterschiedliche Unterart, der Asiatische Löwe vermutlich nur bis Indien. Was erklären könnte, dass es zu Beginn der chinesischen Geschichte mangels optischen Vorbildes keine Steinlöwen gab.

Das änderte sich mit der Ausbreitung des Buddhismus auch in China etwa ab dem 3.Jhdt. Manche Historiker gehen davon aus, dass die chinesischen Steinmetze ihre möglicherweise mangelhafte Vorstellung einer klassischen Löwenphysiognomie durch Attribute des ebenfalls langhaarig bemähnten Pekinesengesichtes ergänzten. Was jedoch der hierarchiespezifischen Gestaltung der Steinlöwen vor den Eingängen des Kaiserpalastes wie auch vor den Häusern höhergestellter Persönlichkeiten. keinen Abbruch tat (Bild 6. Wächterlöwe). Aufschluss über die Ranghöhe des Hauseigners gab die Anzahl der Locken, aus denen die Mähne bestand; 13 davon hatten die Löwen der Beamten höchsten Ranges, und mit jedem Grad, den der Rang des Beamten sank, sank auch die Anzahl der Locken. Beamten unter dem siebten Grad durften jedoch gar keine Löwen vor ihren Häusern aufstellen. (Bild 7. „Pekinesenlöwe?“)

Etwa zeitgleich mit den Wächterlöwen dürfte der Löwentanz aufgekommen sein. Einer weiteren Legende nach geht er auf den Traum eines chinesischen Kaisers zurück, in welchem diesem ein Löwe mit einem Horn auf dem Kopf erschienen sei. Ungeachtet des nicht ganz geklärten Ursprunges und einiger Unterschiede zwischen nord- und südchinesischen Tanzformen gilt der Löwe und der in seiner Gestalt aufgeführte Tanz, der unter anderem auch in chinesischen Löwentanzschulen unterrichtet wird, als Glück bringende und böse Geister abwehrende Zeremonie, welche sowohl zum chinesischen Neujahr als auch bei der Einweihung gesellschaftlich relevanter Gebäude und Veranstaltungen aufgeführt wird. Je nach Anlass können weibliche Löwen in Grün und/ oder männliche Löwen in kaiserlichem Rot und Gelb auftreten. Zum Dank erhalten sie von den Zuschauern kleine, geldgefüllte Papiertäschchen ins aufgerissene Maul gesteckt. Variationen des Löwentanzes finden sich u.a. auch in weiteren südostasiatischen Ländren wie Japan, Korea oder Vietnam. (Bild 7. „Sechs männliche Götter tanzen den Löwentanz“)

Bleibt die Frage: Kommt die als spirituell positiv angenommene Wirkung des Löwentanzes auch dem gefährdeten Großen Panda zu Gute? Laut WWF-Berichten ist die bisherige Bilanz eine gemischte: Die größten Sorgen bereitet – wie auch in Europa – die sowohl den genetischen Austausch wie auch die ergiebige Futtersuche verhindernde fortschreitende Zerschneidung ursprünglicher Lebensräume durch Straßenbau und andere menschliche Infrastrukturprojekte. Große Pandas sind extreme Spezialisten, deren Nahrung zu rund 99% aus rund 60 unterschiedlichen Bambussorten besteht. Weibchen gebären während ihres Lebens etwa 6 – 7mal Zwillinge, von welchen jedoch stets nur ein Junges aufgezogen wird. Dennoch besteht Hoffnung. Zum einen auf Grund der bisher auf rund 2000 Tiere angewachsenen und stabil gebliebenen Populationen in freier Wildbahn, zum anderen angesichts der intensiven Bemühungen der chinesischen Regierung, verbliebene Lebensräume durch strenge Schutzmaßnahmen zu erhalten, durch Aufforstungen wieder zu verbinden und nach Möglichkeit auch zu erweitern. Möge die spirituelle Kraft des Löwentanzes diese Vorhaben begünstigen!

Die Welt ist bekanntermaßen klein. Wie Beispiel zeigt, wird der Löwe auch in Europa, wo man ihn seit dem Mittelalter vielerorts als König der Tiere bezeichnete, als Wächter verstanden, was ebenso wie in China seinen Niederschlag in der Architektur gefunden hat. Solch in aller Stille völkerverbindenden Symbolen nachzuspüren, wie auch, wenn nötig, im Fall zu enger Grenzen diese in Richtung des jeweils Anderen zu überschreiten, könnte ein subtiles und dennoch wirkmächtiges Mittel zu gegenseitigem Verständnis und daraus resultierender Freundschaft sein. Bild 6. „ ‚Wachterlöwe hüben vor dem Kaiserpalast in Peking und drüben im 7. Wiener Gemeindebezirk in der Lindengasse Nr. 8

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