28.06.2016, 10:06 Uhr

Schulprojekt in Eisenerz: Freiheit ist nicht selbstverständlich

Jugendliche der Neuen Mittelschule Eisenerz tragen sich in das Gedenkbuch beim Mahnmal auf dem Präbichl ein.
In einem Lebensmarsch gipfelte die Vergangenheitsbewältigung von Jugendlichen der NMS Eisenerz.

EISENERZ. "Beim Autofahren ist der Blick nach vorne wichtig. Aber genauso wichtig ist der Blick in den Rückspiegel, dieser beeinflusst, wie wir nach vorne fahren": Ein plakativer Vergleich von Andrea Wohltran, Lehrerin an der Neuen Mittelschule Eisenerz, mit dem sie ihre Schülerinnen und Schüler sensibilisieren will, aus der Vergangenheit zu lernen. Das NS-Massaker in Eisenerz (siehe Spalte links), bei dem am 7. April 1945 Volkssturmmänner mehr als 200 Menschen getötet haben, ist ein solcher Blick in den Rückspiegel. Im Jahr 2000 wurde ein beispielhaftes Gedenkprojekt gestartet, getragen von der Stadt Eisenerz, einem Personenkomitee und der Arbeitsgemeinschaft Jugend gegen Gewalt und Rassismus.
Eisenerzer Schulen sind eingebunden und zur Wahrnehmung der historischen Verantwortung herausgefordert. Im Jahr 2004 wurde auf der Präbichl-Paßhöhe ein nach Entwürfen der Jugendlichen gestaltetes Mahnmal enthüllt. Der Lehrer Gerhard Niederhofer war dabei einer der treibenden Kräfte. Er gestaltet seit zehn Jahren mit Schülern einen "Lebensmarsch". Dabei wird auf einem Teil der Straße gewandert, auf der 1945 der Todesmarsch stattfand. Ziel ist das Mahnmal, wo Niederhofer bei einer Gedenkfeier erinnerte: "Freiheit ist nicht selbstverständlich, die Demokratie wird uns nicht in die Wiege gelegt, die müssen wir uns erarbeiten."


Geschichtlicher Hintergrund

Der Todesmarsch ungarischer Juden zählt zu den letzten Kulminationspunkten nationalsozialistischer Barbarei. Ab März 1945 wurden tausende jüdische Arbeitssklaven auf einen Fußmarsch in das KZ Mauthausen geschickt. Dieser gestaltete sich zu einem tödlichen Spießrutenlauf; die Wacheskorten wechselten und wurden jeweils von lokalen Volkssturmeinheiten jener Gegenden gestellt, durch die die Marschkolonnen getrieben wurden. An der Organisation waren auch Polizei, Gendarmerie und SS beteiligt.
Das Maß der Entkräftung der Marschteilnehmer nahm immer katastrophalere Formen an. Menschen, die das Marschtempo nicht mehr halten konnten, wurden an Ort und Stelle ermordet. In 150 Gemeinden entlang der Route blieben Erschossene und vor Erschöpfung Gestorbene zurück. Darüber hinaus wurden zahlreiche sadistische Exzesse verübt.
Den Tiefpunkt bildete das Massaker, das am 7. April 1945 von Eisenerzer Volkssturmmännern am Präbichl angerichtet wurde: In einem Blutrausch wurde wahllos in die Menge geschossen und dabei über 200 Menschen getötet.
Ein britisches Militärgericht verurteilte 1946 zehn für diese Taten Hauptverantwortliche zum Tode.

Lesen Sie auch den Kommentar von Wolfgang Gaube.
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