09.11.2016, 17:23 Uhr

"Das wird meine erste Damenbluse"

BADEN. "Das wird meine erste Damenbluse!", schmunzelt Obaidullah und nimmt an mir Maß. Der junge Mann kam vor neun Monaten aus Afghanistan nach Österreich. Er und seine komplette Familie waren Opfer politischer Verfolgung. In der Türkei verlor er den Kontakt zu seinen sieben Geschwistern und Eltern, die ebenfalls mit ihm geflüchtet waren.
Sein Weg führte ihn durch die Türkei, im Boot übers Mittelmeer und über Bulgarien nach Österreich, erst Graz und dann Traiskirchen. Heute lebt der junge Mann in einem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Der Mutter zugesehen

Aus Afghanistan bringt er Können mit: "Als Kind habe ich immer meiner Mutter zugesehen, wie sie Kleidung für uns Geschwister genäht hat", erzählt er in gebrochenem Deutsch, das er hier strebsam lernt. "Mit 12 Jahren sagte ich zu meinem Vater, dass ich Schneider werden möchte. Daraufhin schickte er mich zu einem guten Lehrmeister."

Frauen schneidern selbst

Obaidullah lernte Herrenhemden zu schneidern. Warum keine Damenblusen? "Ich bin in den Bergen nahe von Pakistan aufgewachsen. Dort schneidern sich die Frauen ihre Kleidung selbst, es war daher nie ein Bedarf an Damenkleidung. Aber hier will ich es lernen." Mit großem Interesse begutachtet er den runden Kragen auf meiner mitgebrachten Bluse. "Das kann ich noch nicht. Aber ich werde es lernen." Eine Wiener Schneiderin unterstützt Obaidullah jetzt beim Lernen. Bei einer Wiener Familie hat er seine Nähstube, und im Traiskirchner Garten der Begegnung betätigt er sich auch als Änderungsschneider.

Sinnvolle Beschäftigung

Für den jungen Mann ist die Schneiderei während seiner Wartezeit im Asylverfahren eine gute Möglichkeit sich sinnvoll zu betätigen. "Seit ich mit dem Schneidern in Österreich begonnen habe, habe ich schon ca. 30 Herrenhemden geschneidert." Einer seiner Kunden ist der Leiter des Badener Klimareferates Gerfried Koch. Er hat sich nun schon sein zweites Hemd "bestellt".
Geld verlangt Obaidullah für seine Näharbeiten nicht, wer will, kann ihm jedoch etwas spenden. Kontakt mit ihm nimmt man am besten über den Garten der Begegnung in Traiskirchen auf oder über Facebook.
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