„Die Freiwilligkeit bleibt ein Märchen“

AK-Präsident Gerhard Michalitsch erwartet massive Verschlechterungen für die Arbeitnehmer.
  • AK-Präsident Gerhard Michalitsch erwartet massive Verschlechterungen für die Arbeitnehmer.
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  • hochgeladen von Christian Uchann

Vergangene Woche wurde das neue Arbeitszeitgesetz beschlossen. Was sind die Hauptkritikpunkte der Arbeiterkammer?
12-Stunden-Tage, 60-Stunden-Wochen werden von der raren Ausnahme zum Normalfall. Wir wissen auch, dass lange Arbeitszeiten extrem gesundheitsbelastend sind. Und es ist kein Geheimnis, dass das Familienleben und die Freizeit auf der Strecke bleiben. Es wird auch das Vereinsleben darunter leiden.

Wie oft kann ein Arbeitnehmer nein sagen? Einmal? Zweimal? Beim dritten Mal kann er sich einen neuen Job suchen.

Aber die 12 Stunden am Tag wird es doch nur auf freiwilliger Basis geben?
Die Freiwilligkeit ist und bleibt ein Märchen, weit weg von der Realität. Wie oft kann ein Arbeitnehmer nein sagen? Einmal? Zweimal? Beim dritten Mal kann er sich einen neuen Job suchen.

In vielen Bereichen ist der 12-Stunden-Tag bereits Realität – und funktioniert ohne Probleme. Warum also die Aufregung?
Es war bislang genau geregelt, unter welchen Umständen ich zwölf Stunden arbeiten kann. Der Unternehmer musste nachweisen, dass es wirtschaftlich notwendig ist. Jetzt wurde es umgedreht. Der Dienstgeber sagt einfach, ich brauche dich 12 Stunden am Tag und 60 Stunden in der Woche, und das ohne Zustimmung des Betriebsrates und ohne den Nachweis, dass es für das Unternehmen wirtschaftlich notwendig ist.

95 Prozent waren dafür, dass der 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche auch künftig die Ausnahme bleiben und sämtliche Zuschläge erhalten bleiben sollen.

Die Arbeitszeit war auch ein Thema einer großen Umfrage von AK und ÖGB, die unter dem Titel „Wie soll Arbeit?“ lief.
Diese Initiative ist mehr als eine Umfrage. Uns war es wichtig, mit den Mitgliedern in Dialog zu treten. Einerseits wollten wir wissen, welche inhaltlichen Themen wir stark vertreten sollen. Andererseits wollten wir unser Serviceangebot überprüfen.
Das Ergebnis beim Thema Arbeitszeit?
Das war eindeutig: 95 Prozent waren dafür, dass der 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche auch künftig die Ausnahme bleiben und sämtliche Zuschläge erhalten bleiben sollen.

Und was meinten die Mitglieder zum Serviceangebot der Arbeiterkammer?
Sie zeigen sich mit den derzeitigen Leistungen sehr zufrieden, wünschen sich aber einen Ausbau des Serviceangebotes in drei Bereichen: Gesundheit und Pflege, Bildung und Wohnen. Ein bestimmendes Thema, das auch in unser Zukunftsprogramm einfließt, ist die Digitalisierung.

In welcher Form?

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und damit auch die Arbeitsplätze. Aus diesem Grund antworten wir in unserem Zukunftsprogramm mit einem sogenannten Digitalisierungsfonds. Damit sollen Weiterbildungsmaßnahmen für Arbeitnehmer finanziert werden, die von den Auswirkungen der Digitalisierung betroffen sind.

Die Sozialpartnerschaft lebt davon, dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen. Im Burgenland funktioniert das sehr gut.

Eine Frage zur Sozialpartnerschaft. Sehen Sie diese aufgrund der aktuellen politischen Ereignisse gefährdet?
Die Sozialpartnerschaft lebt davon, dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen. Im Burgenland funktioniert das sehr gut. Es gibt auch viele Bereiche, wo wir ein gemeinsames Interesse haben. Etwa die Bekämpfung von Lohn- und Sozialdumping, oder beim Thema Fachkräfte.
Dort, wo wir uns nicht einigen können, bleibt es beim Status quo.

War das nicht genau das Problem bei der Arbeitszeitflexibilisierung? Die Sozialpartner konnten dazu kein Ergebnis liefern und nun hat die Bundesregierung das Heft in die Hand genommen …
Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wäre ein Kompromiss der Sozialpartner möglich gewesen. Was wir aber nicht konnten: einer Arbeitszeitverlängerung zustimmen, die zugunsten der Wirtschaft geht und den Arbeitnehmern nur Nachteile bringt.

Kommentar von Chefredakteur Christian Uchann

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