08.01.2018, 00:00 Uhr

Wien-Favoriten: Geborgenheit für Babies und Kleinkinder

Christine Lapp mit Rosemarie Knoth, Jutta Reiterer und der kleinen Mary

Was 1847 mit einer ersten Kinderkrippe für arme, berufstätige Mütter begann, ist heute ein Zuhause für Kinder mit besonderen Bedürfnissen von Null bis Sechs. Übrigens die einzige derartige Einrichtung in Wien.

FAVORITEN. In der Laaerberger Wohngemeinschaft des Vereines BIWAK - die Abkürzung für Betreuung, Integration, Wohnen, Akzeptanz und Kompetenz -  werden 14 Babies und Kleinkinder in zwei Wohneinheiten rund um die Uhr betreut, jedes durch seine eigene Pflegerin. Viele kommen kurz nach der Geburt und direkt aus dem Spital hierher. "Eltern sind bei schweren Geburtsproblematiken und Behinderungen natürlich oft mit der Pflege daheim überfordert, bei manchen Kindern sind die Eltern überhaupt unbekannt", erklärt Jutta Reiterer, wirtschaftliche Leiterin von BIWAK und bereits seit 25 Jahren dabei.

Die Kinder werden über das Jugendamt an BIWAK vermittelt, haben Schäden durch Frühgeburt, einen genetischen Defekt, oder durch Drogenmissbrauch der Eltern, oder kommen hierher, weil sie zu Hause schlecht betreut werden. Sie erleben hier ein Miteinander wie in einer richtigen Familie.

Berührend!

"Es ist wunderschön und berührend, wenn die etwas Älteren merken, dass wir ein neues Bettchen vorbereitet haben, das heißt, es kommt Familienzuwachs, und sich dann auf das neue Baby freuen", so Reiterer. Damit die Kleinen ganz nach ihren individuellen Bedürfnissen betreut werden und eine echte Beziehung zu ihren Betreuern aufbauen können, wird schon im Dienstpan berücksichtigt, wer Tag-, oder Nachtdienst macht. Es sei wichtig, dass es hier keinen großen Wechsel gäbe, die Kinder bräuchten ja ihre eigene Bezugspersonen.

Dass es dann auch Tränen beim Abschied gibt - mit dem 6. Lebensjahr werden alle Kinder eingeschult und müssen die Einrichtung verlassen - ist verständlich. "Sie sind uns einfach ans Herz gewachsen, wie eigene Kinder", gesteht Rosemarie Knoth, diplomierte Kinderkrankenschwester, Ausbildungs- und Pflegedienstleiterin der Laaberger Wohngemeinschaft. 

Ein Eis aus Tee

"Es ist uns ganz wichtig, dass jedes Kind - bei allen unterschiedlichen Bedürfnissen - gleich behandelt wird", so Jutta Reiterer. "Alle machen die Ausflüge mit, kommen auf den Christkindlmarkt, oder nach Oberlaa, plantschen im Sommer in unserem kleinen Garten, gehen Eisessen, auf Besuch in den benachbarten Kindergarten, und sind bei unseren Feiern dabei." So auch der dreijährige Niklas, der wegen seiner epileptischen Anfälle keine normale Nahrung verträgt.

"Eine Betreuerin hat im letzten Sommer deshalb einen Kochkurs in ketogener Diät gemacht. Danach hat Niklas zum ersten Mal in seinem Leben ein spezielles Eißweißbrot mit Butter und ein Apferl bekommen und seine Augen haben geleuchtet vor Begeisterung, das vergisst man nie." Und dann bekam er sein erstes Eis. "Wir waren mit den Kindern im Eissalon und haben ein Stangerleis aus Tee für Nikolas vorbereitet und den Eisverkäufer gebeten, dass er ihm das überreicht. Und er durfte Eisschlecken wie alle anderen Kinder, das war fantastisch ", erzählt Knoth.

Oder die  knapp zweijährige Mary,die weder alleine sitzen, noch essen kann. "Wenn man sie am Arm wiegt, und sie lächelt glücklich, ist das das schönste Geschenk", sagt sie.

Aktives Miteinander

Geborgen und geliebt fühlen sich hier die Kleinen. Und so gar nicht abgeschoben, auch wenn nur ein Drittel von ihnen regelmäßig von ihrer Familie besucht wird. "Wir legen großen Wert auf den Kontakt mit den Eltern und Familien, haben ganz normale Besuchszeiten."

Aber viele Eltern fühlen sich überfordert, haben ein schlechtes Gewissen, was verständlich, aber nicht nötig sei. Denn hier bekommen die Kinder auch alle nur vorstellbaren Therapien, und wenn diese nicht von den Kassen bezahlt werden, macht der Verein BIWAK sie trotzdem möglich. Wie den jährlichen gemeinsamen Urlaub, zuletzt in einer Kindertherme. Dafür seien natürlich Spenden von Förderern nötig. "Was mich immer wieder begeistert, ist der Einsatz unserer Mitarbeiterinnen. Sie trauen den Kindern alles zu, ermöglichen ihnen ein normales Aufwachsen", sagt Jutta Reiterer. "Jedes Kind ist neugierig, will etwas können und ist stolz, wenn es klappt!" 

Zur Geschichte

Die Idee der Kinderkrippe stammt aus Frankreich. In Österreich gründete Ludwig Wilhelm Mautner - er ist auch Gründner des St. Anna Kinderspitals - am 29. November 1847 den "Centralverein für Kostkinder-Beaufsichtigung und Säuglingsbewahranstalten-Crèches". 400 Kinder wurden dort täglich betreut und verköstigt. Sechs weitere Krippen wurden in den nächsten Jahren errichtet.

1902 wurde der Ehrenschutz an Erzherzogin Maria Joseph übertragen, seither heißt er "Zentral-Krippenverein". In der Folge kamen Kinderheime und eine Pflegerinnenschule dazu. Nach 1945 dann die Neugründung in der Lainzer Straße 172, wo 100 gesunde Säuglinge betreut wurden. Seit 1973 wurden auf Wunsch der Gemeinde Wien auch behinderte Säuglinge aufgenommen, seit 1978 gab es Heilgymnastik und es wurden immer mehr Säuglinge aufgenommen, in deren Elternhaus es eine krisenhafte Situation gab. Obwohl sich die Aufgaben des Vereins längst von seinem Ursprungszweck weg entwickelt hatte, blieb in all den Jahren der 1902 gewählte Name gleich: Zentral-Krippenverein.

2003 dann die Umbenennung in BIWAK. 2004 zog der Verein in eine neu errichtete Wohnhausanlage am Laaerberg, in die Collmanngasse 5 und führt dort zwei Kinderwohngemeinschaften. Seit 2013 ist ist die ehemalige Nationalrätin und Sprecherin für behinderte Menschen Mag. Christina Lapp die Vorstandsvorsitzende des Vereins BIWAK. Info: www.biwak.org
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