Atommüll vor der Haustür - das könnte theoretisch Wirklichkeit werden

Diese sieben Standorte werden aktuell auf ihre Tauglichkeit als Atommüll-Endlager überprüft.
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BEZIRK (eju). Die Begeisterung von Rainer Hirschmann, dem Litschauer Stadtoberhaupt über das nur in 30 Kilometer Luftlinie entfernt angedachte tschechische Atommüll-Endlager ist enden wollend. Global 2000 hatte entsprechende Nachrichten aus dem Nachbarstaat publik gemacht. Eine zweite Möglichkeit denkt man im Raum von Laa an, insgesamt werden sieben Standorte geprüft. Die Pläne sind nicht neu, die tatsächliche Durchführung bis heute unklar, eine österreichische Einspruchsmöglichkeit ist (derzeit) nicht vorgesehen.

Hirschmann: Massive Ablehnung

"Uns haben die tschechischen Nachbarn über diese Pläne bisher nicht informiert. Wir haben vor einigen Jahren im Gemeinderat bereits einmal eine Resolution dagegen unterzeichnet. Für die nächste Gemeinderatssitzung werden wir die nächste Resolution vorbereiten und uns gegen ein Atommüll-Endlager aussprechen. Unsere Kleinregion ist Klima- und Energie-Modellregion, wir setzen auf erneuerbare Energie. Atomkraft widerspricht unseren Intentionen. Litschau ist Luftkurort, wir sind für nachhaltige Umweltthemen. Ich bin auch persönlich grundsätzlich gegen Atomkraft. Wir werden Kontakt mit der Landesregierung aufnehmen und unsere massive Ablehnung deponieren. Ich bin sicher, wir werden breite Unterstützung erhalten", so Hirschmann.

Hofbauer: "Lager kommt nie!"

VP-Landtagsabgeordneter Johann Hofbauer hingegen ortet eher den Wunsch nach Aufmerksamkeit hinter der Nachricht von Global 2000: "Ich bin davon überzeugt, dass es dieses Atommüllager nie geben wird. Es gibt immer wieder Hiobsbotschaften, die von jemand populistisch dargestellt werden. Dieses Lager wird es nie geben!" Auf die Frage, weswegen er so überzeugt sei, antwortet Hofbauer: "Ich weiß, dass auch die Tschechen in der Region es nicht haben wollen. Es stellt sich überhaupt die Frage, ob es in Tschechien ein Atommüllager geben wird. Seitens des Landes NÖ wird mit den entsprechenden tschechischen Abteilungen sehr konstruktiv gesprochen."

Brennstab-Ausbeute erhöhen

Grundsätzlich habe er mit Atomkraft keine Freude und sei auch seinerzeit gegen Zwentendorf gewesen, man müsse allerdings realistisch sein. Atomkraftwerke seien Realität. Die Ausbeute der Brennstäbe liege bei etwa 40 Prozent. Er halte es für sinnvoller, mittels neuer Technologien die Brennstäbe so gut wie möglich aufzubrauchen und dann die Kraftwerke zu schließen. Dann wäre ein Endmülllager vermutlich auch kein so großes Problem mehr.

Bodner: "Auf die Füße stellen!"

Ein weiteres, durchaus differenziertes "Njet" kommt von Michaela Bodner, der Grünen-Bezirksverantwortlichen: "Als im Waldviertel Lebende bin ich mit beiden Standortvorschlägen unglücklich. Solche Lager werden immer gern dort geplant, wo wenige Leute sind, weil man sich dort wenig Widerstand erhofft. Diese Vorgehensweise beschränkt sich nicht auf Tschechien allein. Dass Österreich als Nachbar nicht mitreden kann, ist inakzeptabel. Radioaktive Fracht macht ja nicht an der Grenze halt, nicht an der Schengen- und nicht an der Binnengrenze. Hier kann man nur hoffen, dass sich Bund und Land noch entsprechend auf die Füße stellen. Das Ganze zeigt einmal mehr die Problematik mit der Atomkraft. Denn dass Kernkraft nicht immer sicher ist, ist die eine Seite, aber das Endlager-Problem ist einfach nicht zu lösen. Das Material ist für tausende Jahre radioaktiv, egal, wo es hin getan wird, bleibt es problematisch."

Politischer und ziviler Widerstand

Als Gegenmittel gebe es entweder den politischen Widerstand, sofern die österreichischen Politiker dabei mitwirkten. Falls aber Einspruchsinstrumente nicht vorgesehen seien, könne sich die österreichische Politik an der Grenze lautstark beschweren, was allerdings die tschechische Regierung nicht notwendigerweise beeindrucken müsse, so Bodner. Die andere Möglichkeit sei ziviler Widerstand in der Bevölkerung, ob dieser allerdings geeignet sei, wenn die Tschechen sich diesen Standort partout einbildeten, sei dahingestellt.

Tschechien muss Standort finden

Der Landes-Anti-Atom-Koordinator Peter Allen bringt Licht in die verwirrenden Nachrichten: "Alle EU-Mitgliedsstaaten müssen ein Endlager für ihre Atomabfälle errichten. Das gilt für alle, auch für Österreich. Auch wir haben aus der Medizin und Forschung Atomabfälle. Unterschieden wird in leichte, mittlere und hochradioaktive Abfälle. Wir haben nur die ersten beiden Kategorien. Österreich lagert und behandelt diese in Seibersdorf in einer europa- ja sogar weltweit modernsten Aufbereitungsanlage."

Sieben potentielle Standorte

Tschechien überlege seit Jahren, wo so ein Standort errichtet werden könnte. Dabei ginge es nicht um jenen Ort, der am nächsten zu einer Grenze gelegen ist, sondern um den bestmöglichen Standort, so der Anti-Atom-Experte. Derzeit gebe es sieben potentielle Standorte. Der Näheste sei Cihadlo. Diese Standorten würden nun in einem mehrstufigen Prozess auf ihre Eignung überprüft.
"Am Ende dieses Verfahrens, das viele Jahre dauert, werden die zwei bestgeeignetsten Standorte übrig bleiben und es ist die Entscheidung der tschechischen Regierung, welcher es werden wird", informiert Allen weiter.
Es gebe verbindliche, rechtsstaatliche Normen (Aarhus-Konvention), in denen vereinbart sei, wie mit der gegenseitigen Informations- und Einbindungspolitik in Umweltverfahren vorzugehen sei.

Mitsprache einfordern

"Unsere Landespolitiker sprechen sich seit Bekanntwerden der Pläne ganz klar gegen grenznahe Endlager aus. Außerdem soll Niederösterreich so früh wie möglich in diese Verfahren einbezogen werden, das sind wir noch nicht. Wir wollen nicht erst dann eingebunden werden, wenn der Zug schon abgefahren ist", so Allen weiter.
Auch in Tschechien gebe es enormen Widerstand gegen die Endlager der betroffenen Gemeinden bzw. ihrer Bürger.

500.000 Jahre sichere Lagerung nötig

Das Problem mit den alten Brennelementen sei, dass diese aktuell im Nahbereich rund um Atomkraftwerke gelagert würden. Bei den heutigen Sabotage-Möglichkeiten sei das keine endgültige und sichere Lösung. Die Lagerung des Atommülls solle in kompakten Grantikörpern erfolgen. Allerdings sei die Gebirgsbildung in Europa noch nicht abgeschlossen und damit die Gefahr von Erdbeben weiterhin gegeben. Sicher sei daher relativ. Man müsse ein Endlager finden, das auch in 500.000 Jahren noch Sicherheit biete. Das könne heutzutage niemand seriös abschätzen, ob das auf Dauer so bleibe. Also in Wahrheit eine nahezu unlösbare Aufgabe.

Global 2000 Presseaussendung zu den geplanten Atommüll-Endlagern

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