07.10.2016, 17:27 Uhr

Das Hemd ist näher als der Rock

Das Ensemble von "Zur schönen Aussicht” spielt im TPZ Hall (Foto: TPZ Hall)

Risikofreudige & gelungene Satire mit “Zur schönen Aussicht” im Projekttheater Hall
Theaterbesprechung von Peter Teyml

HALL. Deutschland um 1926: Die triste Empfangshalle im Hotel „Zur schönen Aussicht“ hat außer der passablen Sicht auf die Botanik wenig zu bieten. Weder der abgetakelte Ober & Concierge Max, noch der Chauffeur Karl und auch nicht der Direktor Strasser vermögen Zuversicht und Geschäftssinn auszustrahlen. Auch wenn Zarah Leanders Durchhaltelied historisch gesehen erst später entstand, hat die Regie (routiniert & elegant von Altmeister H. Freudenschuss) mit diesem Einleitungssong geschickt die Atmosphäre dieser Jahre eingefangen, der Autor Ödon von Horvath hätte sicher anerkennend genickt.
Eine leicht verrückte und dem Alkohol frönende Baronin ist vorerst einziger Gast in der traurigen Herberge, bis ein Herr Müller und etwas später eine Frau Christine die kleine Schar erweitern. Die junge Frau möchte gerne bleiben, weil sie vom Direktor ein Kind erwartet, sie erfährt aber nur Ablehnung, auch die anderen Menschen im Haus behandeln sie schäbig – bis sie von einem möglichen Vermögen von ihr erfahren. Nun buhlen alle um sie, aber sie verlässt das Haus und dessen charakterlose Bewohner.
Hanspeter Höllriegl und Wolfgang Viertl sind die eloquenten und beweglichen Bediensteten, Kurt Benkovic kann der Figur des Vertreters Müller interessante Facetten abgewinnen, Erich Thummer ist ein spielfreudiger und komödiantisch geschickter Freiherr von Stetten. Peter Holzer gibt souverän den kalten und berechnenden Strasser, auf Augenhöhe dazu Doris Kogler als Freifrau von Stetten, die den schwierigen Part der meist Betrunkenen durchgehend bewältigt. Auch Eva Kuster kann als Christine, blass, ausgeliefert, aber dann klar entschieden, überzeugen.
Ein Stück, das Horvath als Komödie bezeichnet, scheinbar leichtfüßig, aber in Wirklichkeit eine Tragödie und Metapher für den morschen Zustand der Gesellschaft in den Krisenjahren vor dem großen Crash. Keine leichte Aufgabe, diesem Stück gerecht zu werden, hier im TPZ mit Elan & Phantasie wunschlos über die Bretter gebracht, auch Bühne, Kostüme, Musik und Licht liefern klare optische und akustische Zitate. Bis 23. Oktober
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