26.06.2017, 23:03 Uhr

"Doch beim letzten Verse stech´ ich!"

Ronja Forcher (Roxane), Felix Briegel (Christian), Klaus Windisch (Cyrano de Bergerac) und Brigitte Jaufenthaler (Gräfin Guiche) Alle Fotos: Julia Sparber-Ablinger
Hall in Tirol: Burg Hasegg | Regisseur Elmar Drexel inszeniert Edmond Rostand´s klassisches Mantel- und Degendrama:

Cyrano de Bergerac (Klaus Windisch) warnt seinen Rivalen, den unbeholfenen Valvert (Max Kaiser jun.). Die erste Fechtszene, ein eindringliches „Lektiönchen für das Muttersöhnchen.“ Und das dramatische Mantel- und Degenstück beginnt. Er selbst kommentiert seine überlange Nase einmal zudringlich, einmal pedantisch und gewinnt auch den verbalen Kampf. „Nur mir selbst erlaub´ ich mich zu foppen“ … Er kennt als begnadeter Fechter und Dichter seine Stärken, ist sich aber auch seiner optischen Schwächen bewusst. Das „Nasenungetüm“ beschränkt das zur Schau gestellte Selbstbewusstsein, macht ihn unsicher im Werben um die engelsgleiche Roxane (Ronja Forcher). Diese verliebt sich in das Antlitz des jungen Christian (Felix Briegel), der aber nie die richtigen Worte findet: „Du bietest saure Milch, ich aber will Sahne“, lässt die Angebetete enttäuscht von dannen ziehen. Genau da kommt wieder Cyrano, der dem wortkargen Schönling feurig-liebevolle Dialoge einflüstert. Selbstlos stellt sich Cyrano in den Dienst der romantischen Sache, schreibt sehnsuchtsvolle Briefe für den schlichten, aber goldigen Rivalen und erobert so für ihn das Herz von Roxane. Die Liebe scheint zu siegen, da lässt Gräfin Guiche (Brigitte Jaufenthaler) alle jungen Männer in den Krieg ziehen. Zu sehr wurde ihr Stolz verletzt, weil Sohn Valvert von der schönen Roxane verschmäht wird. Der Krieg bringt Unheil und Trauer über die Menschen in der Gascogne, auch der junge Christian stirbt. Roxane fällt in eine jahrelange Trauer. Erst nach 14 Jahren erfährt sie, dass sie sich in Herz und Geist des langnasigen Cyrano verliebt hatte, der eigentliche Schöpfer der wundersamen Liebesworte. Christian war nur das hübsche, aber leere Gesicht. Welch heldenmütiger Betrug. Cyrano de Bergerac bleibt als hässlicher, aber edler Held ungeschlagen und „die Kraft der Liebe trägt ihn an einen besseren Ort.“
Ein Fest für alle Sinne
Regisseur Elmar Drexel inszeniert Cyrano de Bergerac in der Burg Hasegg als textambitioniertes Versdrama. Professionelle Schauspieler und Laiendarsteller des „Haller Theaterhaufens“ erspielen das romantische Drama zum Fest für alle Sinne, in dem die inneren Werte die Hauptrolle spielen. Klaus Windisch begeistert als präziser, kräftiger Cyrano, der in die Vollen des Versdramas greift und variantenreiche Facetten hervorbringt. Er beherrscht die Textmassen mit beeindruckender Intensität. Brigitte Jaufenthaler geht in der Rolle der majestätischen Gräfin auf und brilliert mit selbst geschriebenen, pointierten Gesangseinlagen. Ronja Forcher gibt die liebreizende Roxane, die von ihrem stumpfsinnigen Helden schwärmt und erst in der Trauer zur wahren Liebe vordringt. Für die Laiendarsteller ist es ein Kraftakt, den sie meistern: Luis Vogelsberger als gewiefter Le Bret, Felix Briegel als naiver Jüngling, Barbara Moser als Carbon mit klarer Sprache. Besonders herzhaft kommt Maikel Mair als kleiner Taschendieb rüber und Lara Mair lässt als frecher Liniere großes Talent aufblitzen.
Loyalität und Anstand ohne Verstörung
Das heldenhafte Leben und traurige Sterben des mit einer großen Nase verunstalteten Cyrano, belässt Elmar Drexel für seine Version der Burg Hasegg durchaus traditionell. Gut so. Das Stück, das so direkt mit der Titelfigur verbunden ist, verträgt keine großen Veränderungen. Schlagzeug, Gitarre und Saxophon – live eingespielt von Petra Baldauf, Marco Birkner und Klaus Hofer – sind die musikalischen Begleiter des romantischen Heldendramas. Wortspielereien über das gewaltige Riechorgan bringen die richtige Portion Humor. Klaus Windisch schießt Wortkaskaden mit großen Bewegungen über die Bühne und stellt auch seine inneren Kämpfe zur Schau. Die Verse kommen akzentuiert, die Sprache erzählt die Handlung, nichts wird visuell aufgemotzt. Elmar Drexels Inszenierung kommt ohne Verstörung aus. Veronika Stemberger macht einen mit Rosen verzierten Bretterverschlag zur Bühne, spielt mit opulenten Kostümen in gedämpften Farben. Sie verpasste Cyrano auch den Nasenkolben, der wie ein gefährlicher Geierschnabel im Gesicht prangt. Ein Stück Hässlichkeit, das ihn trotz geistiger Brillanz zum tragischen Helden werden lässt. Das Stück Cyrano de Bergerac aus dem Jahre 1897 ist eines, das von Loyalität und Anstand erzählt. Daran kann man heutzutage nicht oft genug erinnern. Enthusiastischer Premieren-Applaus für die diesjährige Burgsommer-Produktion!
Text und Fotos: Julia Sparber-Ablinger

Weitere Aufführungen: Mi., 28.6., Do., 29.6., Fr., 30.6., Sa., 1.7., Mi., 5.7., Do., 6.7., Fr., 7.7., Sa., 8.7., jeweils um 20 Uhr
Bei Schlechtwetter im Salzlager Hall
Freie Platzwahl
Kartenreservierungen: www.burgsommer-hall.at
TVB Hall-Wattens: 05223/45544-0
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.