22.10.2014, 06:00 Uhr

"Runter muss immer der Lehrbub"

Kanalgeschichte: Die Zeit der Schatzsuche im Untergrund der Landeshauptstadt ist vorbei.

ST. PÖLTEN (jg). Deutlich wahrnehmbar steigt der Geruch von Fäkalien aus dem Kanal, nachdem Alois Neußner den Gullideckel in der Kranzbichlerstraße gehoben hat. „Die Kanalbefahrung geht nur, wenn es rein ist. Das ist wie bei der Darmspiegelung“, sagt er, während die Kamera langsam in den St. Pöltner Untergrund hinabgelassen wird. Die Straße knapp 50 Meter weiter bereitet ein Spülwagentrupp der städtischen Abwasserentsorgung die Reinigung des Kanals mittels Hochdruck vor.

Dienstbeginn war um Punkt sechs Uhr am Wirtschaftshof. Draußen ist es noch finster, als Michael Scheiblauer die Teams einteilt. Gestandene Männer wie Neußner sitzen im Tagraum, einige rauchen, andere haben eine Tageszeitung vor sich liegen. Viel zu sagen gibt es für Scheiblauer nicht. „Zu 80 Prozent wissen die Leute, welche Arbeiten sie zu erledigen haben“, sagt er. Nur wenn etwas dazwischenkommt, wenn es irgendwo ein Problem gibt, müsse man flexibel sein.

319 Kilometer Kanal

Heute ist das nicht der Fall. Normaler Dienst steht am Programm. Für Neußner und den Spülwagentrupp bedeutet das die intervallmäßige Reinigung eines Abschnittes des 319 Kilometer langen Kanalnetzes mit 8.000 Kanalschächten, die es neben 150 privaten Senkgruben in St. Pölten gibt. Während die einen Dreck aus dem Schacht spülen, kontrolliert Neußner mit der Kamera den Kanal auf Risse und hartnäckige Ablagerungen, um Probleme frühzeitig zu erkennen. Der Bildschirm zeigt, aus welchem Hausanschluss gerade Wasser läuft – ein Zeichen, dass geduscht wird. Links und rechts neben der Linse schwimmen Blätter vorbei, manchmal auch mehr: „Da schwimmt alles daher“, sagt Neußner. Haare etwa würden ein Problem darstellen, weil sie an der Kamera hängenbleiben.

Gewehre, Geld und Ratten

Früher, als die Kanäle noch händisch gereinigt wurden, fanden die Kanalarbeiter Schmuck und altes Geld, vereinzelt auch Gewehre und Pistolen aus dem Zweiten Weltkrieg. Seit Einführung der Hochdruckreinigung und der automatischen Absaugung ist das vorbei, erzählt Neußner, während er den Kanal unter der Kranzbichlerstraße über ein Computerprogramm, das als Symbol für einen Löschvorgang ein WC zeigt, penibel dokumentiert. In seinem TV-Wagen ist er umgeben von Technik, was ihn stört. Er komme oft den ganzen Tag nicht hinaus. Der Elektrosmog, irgendwann vielleicht Krebs, so Wagner.

Diesmal sauber zur Jause

Mit bis zu 170 bar sorgt der Wasserstrahl des Spülwagentrupps für Sauberkeit. „Man muss das im Gespür haben, wie stark man fährt. Weil sonst zerlegt man den Kanal“, sagt Karl Wagner, der Dienstälteste bei der Abwasserentsorgung. Schafft es die Spülkraft nicht, problematische Verkrustungen zu lösen, muss einer des Teams zu den Fäkalien, Klopapier und Speiseresten, die wiederum Ratten anlocken, hinabsteigen. Laut Wagner könne dies mitunter täglich vorkommen. „Runter muss immer der Lehrbub“, sagt Wagner und deutet mit verschmitztem Grinsen auf seinen Kollegen, der längst kein Lehrling mehr ist. Immer wieder komme es dabei vor, dass man im Kanal ausrutscht. Dann geht’s ab unter die Dusche, zurück zum Wirtschaftshof, wohin der Trupp nun zur Jause aufbricht. Diesmal sauber.
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