Etikette zwischen Mensch und Hund
"Keine Sorge! Der tut nichts!"

Wer kennt das nicht? Jemand kommt mit einem nicht angeleinten Hund des Weges - und schon von Weitem ertönt der Ruf: "Keine Sorge! Der tut nichts!" Die mögliche Gegenfrage könnte lauten: "Und? Wen interessiert das?"

Zugegeben, das wäre etwas unhöflich - es ändert aber nichts daran, dass es bei Beantwortung der Frage, ob es jemandem angenehm ist, mit einem fremden Hund in Kontakt zu kommen, nicht zwangsläufig darum geht, ob dieser "etwas tut".

Es geht darum, ob der Mensch, der, in diesem Fall mit Hund, entgegen kommt, die Grundregeln der zwischenmenschlichen Kommunikation beherrscht.

WAS jemand tut, sagt nichts über das WARUM aus.

Denn bei genauer Betrachtung ist der Ausruf "Der tut nichts!" eine Nullerklärung. Ein Satz ohne Wert und Inhalt, weniger wohlmeinende Menschen würden vielleicht auch "intelligenzbefreit" dazu sagen.

Ganz einfach deshalb, weil wir die Beweggründe unseres Gegenübers niemals kennen können. Der Ausruf "Der tut nichts!" geht im Gegensatz dazu von der - durch nichts bewiesenen - Annahme aus, dass der oder die Entgegenkommende sich fürchten würde oder zumindest besorgt wäre.

Vielleicht ist es aber auch so, dass der andere Mensch sich sehr viel besser mit Hunden auskennt, als man selbst -  und schon von Weitem erkennt, dass der Hund, der hier gerade ohne Leine angetrabt kommt, ein liebenswertes Exemplar ist, das keinerlei "böse" Absichten hegt.

Vielleicht oder trotzdem hat der entgegen kommende Spaziergänger aber gerade keine Lust auf (menschliche oder tierische) Begegnungen, keine Zeit oder einen Mantel an, der (ungeachtet aller Tierliebe) erst gestern in der Reinigung war.

Die Gründe, warum jemand gerade keinen Kontakt möchte, sind daher so vielfältig, wie das Leben selbst. Und was jemand tut oder vermeiden will, sagt rein gar nichts darüber aus, warum das so ist.

Echte Begegnung oder unbewiesene Spekulation?

Natürlich kann man über die Beweggründe anderer spekulieren, von bloßen Vorannahmen ausgehen oder sinnige Nachbetrachtungen anstellen: Ohne Auseinandersetzung mit dem Gegenüber bleibt alles Spekulation. Zu einer echten Auseinandersetzung gehört allerdings die Bereitschaft, zuzuhören. Sich auf den anderen einzustimmen, mitzuschwingen und nicht das eigene Kopfkino für das Maß aller Dinge zu halten. 

Da aber im Alltag mit Fremden kaum einmal Zeit für diese Form von echter Begegnung - und "Auseinandersetzung" im besten Sinne - bleibt, ist es hilfreich, andere so zu behandeln, wie man selbst auch behandelt werden möchte. Und dazu gehört, jedem Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier, ein gewisses Maß an Respekt und Freiraum zuzugestehen.

Denn schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, seinen Kindern zu erlauben, fremde Waldspaziergänger mit Schneebällen bewerfen und dabei ein launiges "Keine Sorge! Ist ohnehin nur Wasser!" erschallen zu lassen. 

Etikette gibt es auch unter Hunden

Nicht zuletzt fällt dieser Satz natürlich auch, wenn Hundehalter einander begegnen. Er ist dann eine Art Freibrief dafür, den eigenen Hund nicht anleinen zu müssen. Doch auch hier gilt: Es mag sein, dass mein Hund "nichts tut" - doch wie sieht es mit dem anderen Tier aus? Ist das vielleicht krank, hat keinen Bock auf Artgenossen oder möchte einfach nur seine Ruhe haben?

Kann ich wirklich beurteilen, was der Grund dafür ist, dass ein fremder Hund an der Leine ist und sein Besitzer gerade nichts daran ändern kann oder möchte? 

Auch hier wäre es hilfreich, sich nicht nur an der eigenen Befindlichkeit zu orientieren. Denn vielleicht hat es ja einen Grund, warum der andere Hund an der Leine ist - und wenig erfreut darauf reagiert, von einem entgegen laufenden Artgenossen bedrängt und beschnüffelt zu werden, ohne selbst adäquat auf diesen (vollkommen natürlichen) Versuch der Kontaktaufnahme reagieren zu können.

Denn wenn ein Hund "frei" und der andere angeleint ist, gibt es meistens Stress. Tiere in freier Natur kennen diese erzwungene - und durch den Menschen reglementierte - Art der Begegnung einfach nicht. Das sind dann die, die - meist vollkommen zu Unrecht - als "unverträglich mit Artgenossen" bezeichnet werden. 

Kommunikation bedeutet Zuhören

Jeder, der daher bereit ist, auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, als das, was gerade im eigenen Kopf vor sich geht, leistet einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Unsere Mitmenschen (mit und ohne Hund) werden es uns danken. Die Hunde natürlich sowieso. Zum Glück sind sie nicht nachtragend.

Autor:

Gerlinde Ullmann aus Horn

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