05.12.2017, 15:50 Uhr

11. Europäischer Mediengipfel in Lech: Im Zeichen des digitalen Wandels

Sebastian Loudon (Journalist und Österreich-Repräsentant des Hamburger Zeit-Verlags, 3. v.l.) diskutierte mit Michael Fleischhacker (Addendum), Clemens Pig (Vorsitzender der Geschäftsführung der APA - Austria Presse Agentur), Herman Petz (Vorstandsvorsitzender der Moser Holding und der APA – Austria Presse Agentur), Rainer Schüller (stellvertretender Chefredakteur „Der Standard“) und Nana Siebert (Woman, v.r.). (Foto: ProMedia/APA-Fotoservice/Lechner)

Das alljährliche Medienforum im Zuge des Europäischen Mediengipfels in Lech war geprägt von der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf Medien. Gerhard Fehr eröffnete die Podiumsdiskussion mit verhaltensökonomischen Lösungsansätzen für neue Geschäftsmodelle. Im Anschluss diskutierten hochkarätige Gäste beim alljährlichen Europäischen Medienforum über ihre Erfahrungen und Einschätzungen der Digitalisierung im Journalismus. Digitalisierungsexperte Gerald Lembke rundete die Diskussion mit seiner Keynote zum Thema „Das Digitale darf das Soziale nicht verdrängen“ ab.

LECH. Zum Auftakt des diesjährigen Medienforums am Freitagmorgen brachte Verhaltensökonom Gerhard Fehr die Krise des digitalen Journalismus auf den Punkt: „Menschen haben ein begrenztes mentales Budget und sind immer weniger dazu bereit, für digitalen Content zu bezahlen.“ Paywalls schreibt er deshalb für die Zukunft nur wenig Wirkung zu. Auch erfahrene Medienmanager müssten sich an den Usern orientieren und unterschiedliche Experimente für die Etablierung neuer Geschäftsmodelle durchführen. Für ein neues Business Modell seien im Durchschnitt 10.000 Experimente nötig. Die Regel, dass für die Erwerbung professioneller Skills 10.000 Stunden nötig sind, gelte demnach nur in bestimmten Bereichen – nicht aber in der Geschäftswelt. Branchenkenntnis sieht er dabei ebenso nicht unbedingt als Vorteil: „Langjährige Medienerfahrung ist möglicherweise sogar ein Hindernis, um aus dem Status Quo auszubrechen und mit aktuellen Herausforderungen umzugehen.“

Digitalisierung verändert Journalismus

Im darauffolgenden Medienforum unter der Leitung von Sebastian Loudon (Journalist und Österreich-Repräsentant des Hamburger Zeit-Verlags) stand vor allem die Frage im Fokus, wie die anwesenden Medienexperten den digitalen Wandel wahrnehmen. Rainer Schüller (stellvertretender Chefredakteur „Der Standard“) kam dabei auf die User-Orientierung zurück: „Medienunternehmen beharren gerne auf Gewohntem. Aber es ist an der Zeit, sich den Usern zu widmen und sich zu fragen, was sie wirklich wollen.“ Vor allem die Empathie gegenüber den Lesern ist seiner Meinung nach ein zentrales Erfolgsmerkmal. Michael Fleischhacker (Addendum) stimmt dem zu, betont aber gleichzeitig die Wichtigkeit einer gewissen Distanz zwischen Medienunternehmen und Konsumenten: „Mit der Digitalisierung ist ein Rückkanal entstanden, durch den auch Konsumenten zu Produzenten werden können. Deshalb ist es sehr wichtig geworden, die Haltung als qualitativ hochwertiger, geprüfter Journalismus und eine gewisse Distanz zu den Usern zu bewahren“ Eine ähnliche Perspektive vertritt Clemens Pig (Vorsitzender der Geschäftsführung der APA - Austria Presse Agentur): „Es gibt ein massives Werteproblem im Journalismus. Wir müssen uns immer wieder fragen, worin wir uns unterscheiden und auf quellenbasierte Informationen und geprüfte Informationen setzten.“ Eine klare Abgrenzung und Definition von Qualitätsjournalismus wird seiner Meinung nach immer relevanter. Herman Petz, Vorstandsvorsitzender der Moser Holding und der APA – Austria Presse Agentur, ergänzt: „Es wird heutzutage vollkommen anders produziert, aber auch durch die Vielfalt der Quellen kommt eine große Herausforderung auf uns zu.“ Auch Nana Siebert (Woman) betont die Herausforderungen durch neue Kanäle: „Das Handwerk junger Redakteure und Redakteurinnen hat sich stark verändert. Sie müssen nicht nur einen Artikel produzieren, sondern auch wissen, wie sie diesen auf Social Media verbreiten und auf anderen Plattformen Geschichten erzählen.“

Digitalisierung – eine soziale Gefahr?

Im Anschluss auf die angeregte Diskussionsrunde brachte Gerald Lembke (Digitalisierungsexperte) einen weiteren Digitalisierungsaspekt mit ein. In seiner Rede sprach er sich vor allem für die Relevanz von Empathie und Sozialkompetenz in sozialen Netzwerken aus. „Gefühle spielen in der digitalen Welt meistens nur eine geringe Rolle.“ Außerdem warnt er vor potenziellen Gefahren der Digitalisierung: „Die Nutzung von digitalen Medien steht wissenschaftlich bewiesen in Zusammenhang mit der Persönlichkeitsentwicklung.“ Vor allem bei Kindern könnte ein zu hoher Konsum demnach zur Vernachlässigung von sozialer Kommunikation und zu familiären Problemen führen.

Auch die Abschlussdiskussion des Vormittags beleuchtete Digitalisierung aus einer gesellschaftlichen Perspektive. Roman Pletter (stv. Ressortleiter Wirtschaft „Die Zeit“) diskutierte im Gespräch mit Matthias Sutter (Volkswirt, int. Experte im Bereich der Experimentellen Wirtschaftsforschung), Andreas Altmann (Rektor MCI – Management Center Innsbruck), Melike Wulfgramm (Danish Center for Welfare Studies) und Martin Schröder (Soziologe Uni Marburg) zu den Themen Einkommensverteilung, Betrug und Gerechtigkeit.

Der Europäische Mediengipfel in Lech findet bereits zum 11. Mal statt. Noch bis Samstag diskutieren Experten aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft zu dem Generalthema „Die neue Welt(un)ordnung – Auswege aus der Überforderung der Eliten“. Den Abschluss des heurigen Mediengipfels bildet die Diskussionsrunde „Internationale Presseclub“ unter der Leitung des Medienexperten Markus Spillmann.
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