23.08.2016, 17:14 Uhr

Darf ein Orchester den Dirigenten überholen?

Grandioses Schauspieler zur Eröffnung des 10jährigen Jubiläums Grafenegg (Foto: Lukas Beck)
Es geht die Mär um, dass Karl Böhm zum Ende seines Dirigenten-Lebens nur mehr Mozart-Kompositionen leiten durfte, weil Gefahr bestand, dass das Orchester den Maestro überholte. Soweit eine unbewiesene Schnurre. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Festivals Grafenegg erlebt das finale Hauptwerk von Ludwig van Beethoven, die neunte Symphonie, eine glanzvolle Aufführung. Yutaka Sado, der in anderen Werk-Interpretationen eher schleppt, führt das Tonkünstler Orchester Niederösterreich, verstärkt durch 22 der besten Nachwuchsmusiker Europas, allesamt Alumni des European Union Youth Orchestra, zu einer famosen Interpretation. Man hat fast den Eindruck, das Orchester gibt das Tempo vor, so enthusiastisch und spielfreudig zeigen sich die Tonkünstler. Camilla Nylund, Elena Zhidkova, Klaus Florian Vogt und René Pape (besonders ausgezeichnet) sind ausgesuchte Stars der Musikwelt. Nicht zu vergessen der blendend disponierte Wiener Singverein. „Freude, schöner Götterfunke“ ist Sehnsucht nach Frieden, Einheit, Freiheit - offen sein für Neues. Für zwei Stunden ist das Wagnis Wirklichkeit.

Spiritus Rector und Leiter des Festivals, Rudolf Buchbinder, kann sehr zufrieden sein. Mit seinen weltweiten Kontakten lockt er Spitzenorchester, Künstler von Weltformat und Talente mit Erfolgschancen nach Grafenegg. Heuer noch zu Gast: Cleveland-Orchestra unter Franz Welser-Möst, das Royal Concertgebouworchester Amsterdam mit Daniele Gatti und Sol Gabetta, das Mariinsky Orchester St. Petersburg unter Valery Gergiev, die Sächsische Staatskapelle Dresden mit Christian Thielemann und Solisten wie Hilary Hahn, Klaus Florian Vogt und Klaus Maria Brandauer. Seinen Abschluss findet das Grafenegg Festival am 11. September mit Rudolf Buchbinder und den Wiener Philharmonikern, die sich an diesem Tag allen Klavierkonzerten Beethovens widmen. Am 1.9. steht ein alter Bekannter am Pult der Tonkünstler: der frühere Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada.

„Ein Traum ist wahr geworden“ sagt Buchbinder sichtlich bewegt. „Das Festival strahlt über die Gemeinde Grafenegg hinaus, es ist eine Botschaft an Europa: Macht es so wie in der Musik - Einigkeit, Ehrlichkeit, eine bessere Welt schaffen.“ Ein Herzensanliegen Buchbinders ist die Förderung von zeitgenössischen Künstlern. 2016 ist es Christian Jost. Seine zwei Werke leiten das Festprogramm als Uraufführungen ein: Eine Fanfare für 9 Blechbläser sorgt für festliche Stimmung im Wolkenturm, zwar ein wenig verweht, aber immer noch passabel, und im Anschluss daran ein Auftragswerk von Grafenegg, RSO Berlin und Orchestre Philharmonique du Luxemburg, inspiriert von der zweiten Version des Beethoven-Liedes „An die Hoffnung“.

Was mich aber am Stärkstes beeindruckt: Der Abend wird mit einem Festakt eröffnet, einer Multimedia-Performance von (Burgtheater-Regisseur) und Intendant der Perchtoldsdorfer Sommerspiele Michael Sturminger. Eine Collage in Musik und Wort, sehr nah am Zustand der Welt. Ausgehend von Shakespeares Sonett 66 präsentieren die Burgschauspielerin Caroline Peters (aktuell zu sehen im Akademie-Theater in „John Gabriel Borkman“ von Henrik Ibsen) als „Landeshauptfrau“, der Bassbariton Florian Boesch (in der nächsten Saison oft im Wiener Konzerthaus zu hören) und Andreas Schrett sowie die Musikgruppe Franui charmant und humorvoll eine musikalische Zeitreise von der Renaissance bis in die Gegenwart. Es sind Visionen der Liebe und des Friedens. Dazu Michael Sturminger: „Ein Festakt über das Festhalten an Idealen, über das Scheitern eben dieser und über das Feiern in einer nicht idealen Welt.“ Tosender Applaus, vereinzelt auch Buhrufe, vermutlich von jenen, die dem Intellekt dieser grandiosen Schaustellung nicht folgen können.

Infos und Tickets: www.Grafenegg.com

Reinhard Hübl
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