04.09.2014, 10:52 Uhr

Musik aus üppiger Botanik

Irena Gulzarova - eine exzellente Pianistin
Ich friere, trotzdem besuche ich mit Christine, meiner strengen Lektorin, die Festspiele in Grafenegg. Mein Auto ist auf 25 Grad aufgeheizt.
In Wien Regen, in Grafenegg Sonnenschein. Kaum ein Wölkchen trübt die hübsche Stimmung. Die Nässe der vergangenen Tage lässt die Natur grünen. In Beethovens „Pastorale“ findet das auch musikalischen Ausdruck. Aber so weit sind wir noch nicht.

Der amerikanische Stardirigent Lawrence Foster, obwohl jenseits der 70 noch nicht in Altersteilzeit, das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und die 1982 in Taschkent geborene Pianistin Irena Gulzarova unternehmen eine Landpartie wie aus dem Bilderbuch: Auf Webers «Freischütz» folgt das zweite Klavierkonzert von Liszt, ein Werk voller romantischer Klanglandschaften und virtuoser Bilder. Im zweiten Teil erklingt schließlich Beethovens berühmtes «Pastorale» im Wolkenturm und erzählt auf mitreissende Weise vom Leben auf dem Land.

Schon nach den ersten Takten der Freischütz-Ouvertüre zeigt Foster energisch, wie die Partitur aus seiner Sicht zu spielen ist. Das Stück aus der romantischen Oper ist ein idealer Auftakt für einen gelungenen Konzertabend. Das Orchester zeigt sich kompakt, die Solostimmen, vor allem das Blech, bringen Spielfreude, Professionalität und Exaktheit zum Erklingen. Das Werk hat ein „Gespensterbuch“ als Grundlage, in dem ein Kampf zwischen Gut und Böse ausgetragen wird. Carl Maria von Weber vermittelt tiefe Einblicke in seine Inspiration, den Stoff musikalisch abzubilden.

Ganz anders gestrickt ist Liszts Konzert für Klavier und Orchester. Der Virtuose schafft ein Werk mit gediegener Handschrift und Anmut. Dass sein Schaffen mit einer sinfonischen Dichtung, dem "Les Préludes", politisch enteignet und dadurch in einen neuen Zusammenhang gestellt und korrumpiert wurde, ist die Tragik seines Künstlerleben. Zum Glück musste er das nicht persönlich erleben. Das war 1941, als die Nazis in Deutschland im Krieg gegen die Sowjetunion ein akustisches Signal für Wehrmachtsmeldungen brauchten. Während also die Deutschen Leningrad belagerten, zu dessen Drama Schostakowitsch seine siebente Sinfonie schrieb, bekamen die Deutschen in der Heimat am "Volksempfänger" mit einer Passage aus Liszts "Les Préludes" - der "Russland-Fanfare", wie man sie auch nannte - "Erfolgsmeldungen" von einem vermeintlich "siegbaren" Krieg. In Liszts Biographie hätte Gewalt sicher keinen Platz gehabt.

Bleiben wir beim A-Dur-Konzert. Mit Liszts ausgeprägter Hingabe zum Klavier erfüllte er sich schon als Wunderkind viele Träume, die dann in einem Höhenflug musikalischen Könnens einflossen. Seine NachfolgerInnen am Piano lassen seine Werke herrlich wiederauferstehen. Zum Beispiel Irena Gulzarova, von der Zubin Mehta sagt: "Ich hatte das große Vergnügen, sie zu hören. Es war sofort klar, dass dies eine Künstlerin ist, die ein ungewöhnliches pianistisches Talent hat sowie eine große musikalische Begabung. Ich denke, sie geht daran, eine wunderbare Karriere zu machen!" Der Intendant des Grafenegg Festivals, Rudolf Buchbinder, legt noch ein Schäuferl Lob nach: "Irena Gulzarova war der beste Schüler (die beste Schülerin, Herr Buchbinder), den ich je gehabt habe, eine der interessantesten Persönlichkeiten, ein unglaubliches Talent." Wer mit solchen Vorschusslorbeeren in ein Konzert geht, darf sich über hohe Erwartungshaltung nicht wundern. Sie bewältigt das aufs Beste. Die Harmonie zwischen Orchester, Pianistin und dem Dirigenten ist raumgreifend, erfüllt den Freiluftsaal mit Glückseligkeit. Mit Rachmaninows Preludes als Zugabe bedankt sie sich für die Ovationen und Blumensträuße. Ihr Spiel erinnert mich ein wenig an den grandiosen Auftritt von Khatia Buniatishvili 2013 in Grafenegg. Jüngst hat sie mit einem Waldkonzert in Berlin wieder aufhorchen lassen.

„Ludwig van Beethoven, suchte und fand..…bei privaten Problemen (zunehmende Hörschwäche) immer Zuflucht in der Natur“, schreibt Rainer Lepuschitz im Programm. Die Natur als musikalisches Empfinden kommt in der „Pastorale“ zum erfüllenden Ausdruck. In den Sätzen „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“, „Szenen am Bach“, „Lustiges Zusammensein der Landsleute“, „Gewitter und Sturm“ und Dankbarkeit, dem Naturunbill entgangen zu sein, erweist den sensiblen Künstler als erdverbunden Musikanten. Ich kann mich kaum an ein Werk erinnern, bei dem das Wollen des Komponisten sich für den Zuhörer so plastisch darstellt. Bei jeder Note weiß man, wo sich gerade der Hirte in Beethovens musikalischer Erzählung aufhält. Das Kopfkino sieht Musik aus üppiger Botanik. Empfindsam verneigen sich die Tonkünstler vor dem großen Gestalter lichtvoller Klangfarben, und der Altmeister am Pult gibt pastoralen Segen dazu.

Fazit des Sommers in Grafenegg:

Ein *****Festival war es allemal. Das Land, die Eigentümer des Schlosses, der Intendant Buchbinder, die Solisten, die Orchester, der Composer in Residence Jörg Widmann – alles stimmig, von ausgezeichneter Qualität. Und natürlich das treue Publikum, das, wenn junge Menschen auftreten, ein wenig offener sein sollte und die Künstler mit intensiverem Besuch beehren. Der Dirigent Juanjo Mena und der Tenor Ramon Vargas waren den anderen Künstlern nicht wirklich ebenbürtig. Eine kleine lässliche Sünde, die den Festspielen keine Delle zufügt.

Das Sommerfest geht weiter. Next Weekend: Drei kompositorische Giganten treffen an diesem Abend aufeinander, von denen jeder der Musikgeschichte seinen unverkennbaren Stempel aufdrückte: Ravel, Sibelius und Strawinsky werden am 6.9. im Wolkenturm von den NÖ Tonkünstlern unter der Leitung ihres Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada präsentiert.


Nun, ich begebe mich auf Urlaub. Ich schaue jeden Tag in meinen Laptop und sehe in „Wetter Kreta“ 30 Grad Lufttemperatur. Ich bin ganz fest überzeugt, Wien und Grafenegg für mehr als 14 Tage Adieu sagen zu können, ohne dass die – musikalische – Welt zusammenbricht. Danach müssen Sie mich ohnehin wieder ertragen. Mit Kulturberichten aus Wien. Eine Vorschau gab es gestern schon.

Ciao und Pollí̱ agápi̱ kai na sas doúme sýntoma .
Reinhard Hübl
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