ZukunftsRundschau
"Aufeinander zugehen"
- Die Linzer Experten sind sich einig: Ein gelingendes Miteinander kann es nur durch Einbeziehung aller geben.
- Foto: Caritas OÖ
- hochgeladen von Andreas Baumgartner
Die StadtRundschau hat bei Linzer Flüchtlingsorganisationen nachgefragt, wie Migration die Stadt verändert.
LINZ. Linz ist eine bunte Stadt. Mehr als 100 Sprachen werden in der Stahlstadt gesprochen, mehr als ein Viertel der Bevölkerung hat sogenannten Migrationshintergrund. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich das so rasch ändern wird, im Gegenteil: Christian Schörkhuber, Geschäftsführer der Volkshilfe Flüchtlings- und MigrantInnenbetreuung (FMB) prognostiziert:
"Während der ländliche Raum teils mit Stagnation und Abwanderung zu kämpfen hat, gewinnt der urbane Raum an Anziehungskraft. Linz wird daher noch bunter."
Evelina Glöckner, Leiterin der Abteilung Integration der Caritas OÖ, stimmt dem zu und fordert, Migration nicht als Problem zu sehen. "Integration braucht zunächst Offenheit als Haltung. Durch die Einbeziehung aller gelingt auch das Voneinander-Lernen."
Stadt der Vielfalt
Die Zukunft von Städten wie Linz sieht Schörkhuber "in den drei I – Integration, Interkultur und Internationalität. Kulturelle Vielfalt kann als Quelle für Kreativität dienen, ist aber auch verbunden mit Widersprüchen, Problemen und Konflikten." Neben den Herausforderungen, die mit dem Zuzug einhergehen, bringe die Migration der Stadt aber auch Vorteile: "Linz ist noch vielfältiger geworden und profitiert durch neue Impulse, die von Zugezogenen mit eingebracht werden", so Glöckner.
"Politik stellt Hürden in den Weg"
Gerade dieses Miteinander habe jedoch derzeit "absoluten Nachrang", stellt Sarah Kotopulos, Geschäftsführerin des Vereins SOS Menschenrechte, fest: "Die größten Hürden stellt uns die Politik in den Weg. Wir beobachten, dass die Gesellschaft bewusst gespaltet wird und irrationale Ängste geschürt werden." Als Voraussetzung für gelingende Integration betrachtet Kotopulos die Besinnung auf gemeinsame Werte und wünscht sich, dass die Linzer "mit ausgestreckter Hand aufeinander zugehen, nicht mit dem Zeigefinger." Mit dem Haus der Menschenrechte in der Rudolfstraße entstehen derzeit Räumlichkeiten, die ein solches "gerechtes Miteinander" fördern sollen.
Fragen an Linzer Migrations-Experten
Wie verändert sich die Stadt durch Migration?
Evelina Glöckner (Leiterin der Abteilung Integration der Caritas OÖ): Die Anzahl der Zugewanderten in der Stadt Linz ist in den letzten zehn Jahren weiterhin gewachsen: Während im Jahr 2009 insgesamt 27.205 Personen mit Migrationshintergrund in der Stadt lebten sind es derzeit 49.864 – 24,1 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt Linz aus 149 Nationen. Vor allem der Anteil an MigrantInnen aus der EU im Rahmen der Binnenmigration ist spürbar gewachsen. Spitzenreiter sind Rumänien mit 4.961 und Deutschland mit 3.421Personen). Migration ist ein vorwiegend ein urbanes Thema, in erster Linie, weil Städte mehr Jobmöglichkeiten bieten. Linz ist daher noch vielfältiger geworden und profitiert durch neue Impulse, die von Zugezogenen mit eingebracht werden. Es hat auch neue Herausforderungen mit sich gebracht, aber es nichts Neues, dass das Zusammenleben immer Gestaltung braucht, um zu gelingen.
Christian Schörkhuber (Geschäftsführer Volkshilfe Flüchtlings- und MigrantInnenbetreuung): Fremde, MigrantInnen, Flüchtlinge, Â Zugewanderte haben die Stadt in der Vergangenheit geprägt und werden dies auch, sehr wahrscheinlich noch mehr in der Zukunft tun. Während der ländliche Raum teils mit Stagnation und Abwanderung zu kämpfen hat, gewinnt der urbane Raum an Anziehungskraft. Linz wird daher noch bunter, vielfätiger, interkultureller, kosmopolitischer werden.
Sarah Kotopulos (Geschäftsführerin Verein SOS-Menschenrechte): Linz ist in den vergangenen Jahren zweifellos bunter geworden. Die Stadt ist aber schon lange Ort und Ziel von Migration gewesen. Binnen 50 Jahren hat sich die Bevölkerung verdoppelt. Wir erkennen die Bereicherung durch den Zuzug. Nicht nur im Kühlschrank! (lacht) Vielfalt beflügelt alle Lebensbereiche – Sport, Kunst und Kultur, Technik, Wirtschaft, den Pflegebereich... In Linz werden mehr als 100 Sprachen gesprochen. Für uns ist das ein Schatz.
Was sind Voraussetzungen für gelingende Integration?
Glöckner: Das Thema Integration braucht zunächst grundsätzlich „Offenheit“ als Haltung – quer durch alle Lebensbereiche. Es geht darum, Teilhabemöglichkeiten für alle zu eröffnen. Sei es im Bildungs-, Gesundheits-, Wohn- und Arbeitsmarktbereich. Durch die Einbeziehung aller gelingt auch das Voneinander-Lernen. Wenn Menschen Zugehörigkeit und Teilhabe erleben, Chancen und Perspektiven im Leben erhalten, verbessert dies die Beteiligung der Personen und reduziert die Gefahr von Isolierung, Bildung geschlossener Communitys oder gar Radikalisierungstendenzen. Und natürlich braucht es leistbare und bedarfsorientierte Bildungsangebote zum Spracherwerb und zur Weiter-Qualifizierung, um Möglichkeiten und Chancen zu eröffnen.
Schörkhuber: Grundvoraussetzung für gelingende Integration ist, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Zu- und Abwanderung ist normaler Bestandteil städtischen Lebens. Stellen wir uns also darauf ein, dass Migration eine historische Normalität ist. Steuerung der Migration wird schwieriger werden. Also bedarf es keiner starren, sondern einer flexiblen Integrationspolitik.
Kotopulos: Ganz wichtig ist uns: Wir wollen mit ausgestreckter Hand aufeinander zugehen, nicht mit dem Zeigefinger. Wir betrachten die Menschenrechte als unsere gemeinsamen Werte, dafür engagieren wir uns mit aller Kraft. Darin liegt auch die Aufgabe der Integration begründet und das gilt für die Ankommenden genauso wie für die Ansässigen. Das Haus der Menschenrechte richten wir ganz in diesem Sinne ein: individuelle Vielfalt und gerechtes Miteinander.
Welche Herausforderungen stellen sich, was erhoffen Sie sich für die Zukunft?
Glöckner: Migration sollte nicht als Problem gesehen werden, das es zu lösen gilt, sondern als eine Realität, mit der man sich auseinandersetzen und einen nachhaltigen und guten Umgang finden muss. Es geht dabei um eine aktive Gestaltung unseres Zusammenlebens – in allen Bereichen des Lebens. Es ist keine Frage, dass das Herausforderungen mit sich bringt. Wir denken aber, dass diese bewältigbar sind, wenn man besonnen daran arbeitet und sich mit geeinten Kräften auf die Umsetzung gezielter Maßnahmen konzentriert. Genau das würde den Menschen auch ein ganzes Stück weit ihre Sorgen und Ängste nehmen. Die Maßnahmen sollten aber nicht, wie es derzeit zumeist geschieht, in Form zeitlich befristeter Projekte umgesetzt werden, die in der Finanzierung auf wackeligen Beinen stehen. Es braucht Verbindlichkeit und Kontinuität.
Schörkhuber: Namhafte Migrationsforscher meinen, die Zukunft von Städten wie Linz liegt in den "drei I" – Integration, Interkultur und Internationalität. Die Stadt ist ein Mikrokosmos der Vereinten Nationen. Dieses  miteinander und Nebeneinander verschiedener Lebensstile und sozialer Lebenswelten wird eine gewaltige Herausforderung. Kulturelle Vielfalt kann als Quelle für Kreativität dienen, ist aber auch verbunden mit Widerspüchen, Problemen und Konflikten. Ich erhoffe mir, dass wir diese Herausforderungen offen, mutig und mit Zuversicht und Visionen angehen.
Kotopulos: Die größten Hürden stellt uns gerade die Politik in den Weg. Das Miteinander hat absoluten Nachrang, das zeigt uns schon alleine ihr Umgang mit Lehrlingen. Der Hungerlohn für Asylwerbende, die sich engagieren wollen. Die Kürzung der Familienbeihilfe für MindestsicherungsbezieherInnen. Jetzt sollen bedürftigen Familien davon auch noch die Spenden abgezogen werden, die sie von „Licht ins Dunkel“ oder ähnlichen Institutionen bekommen. Wir beobachten, dass die Gesellschaft hier bewusst gespaltet wird und irrationale Ängste geschürt werden. Dabei gäbe es dringende Herausforderungen, etwa die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt, Reformen bei der Bildungspolitik, in der Pflege, beim Wohnbau.
Aktuelle Nachrichten aus Linz auf
Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.