Zu Besuch bei den Hausbesetzern in der Noßbergerstraße

Lange ist es leergestanden, nun leben wieder Menschen in dem desolaten Haus.
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"Wir sind fast sicher, dass es immer die zwei gleichen Nachbarn sind, die die Polizei anrufen oder sich bei den Medien beschweren", sagen die Hausbesetzer in der Noßbergerstraße im Gespräch mit der StadtRundschau. Sie fühlen sich verleumdet und zu Unrecht beschuldigt. Seit Wochen gehen rund um das desolate Haus zwischen Wohnblocks und dem Stadtpark die Wogen hoch. Von "Zuständen, die Angst machen" ist zu lesen, die Anwohner würden kaum mehr auf die Straße gehen können, ohne belästigt zu werden. Die Kritik kommt in der Regel von Nachbarn, die anonym bleiben möchten. Mit den Hausbesetzern selbst hat aber noch kaum jemand gesprochen. Ausnahme ist ein Team vom Linzer Community-Sender dorftv, das im Mai eine Führung durch das Haus gemacht hat. Die damals entstandene Sendung "Hermann im Park" kann hier nachgesehen werden. Auch die StadtRundschau war nun vor Ort.

Keine politischen Aktivisten

Gleich mal vorweg: "Klassische" Hausbesetzer haben wir keine getroffen. In der Noßbergerstraße sind keine politischen Aktivisten, die gegen Immobilienspekulation und Gentrifizierung protestieren. Hier leben junge und nicht mehr ganz so junge Obdachlose, die einen Unterschlupf gefunden haben. Viele kommen aus der Punk-Szene, aber nicht alle. Der harte Kern ist seit Herbst letzten Jahres hier. Die Ersten sind aber sie nicht, bereits seit vielen Jahren finden immer wieder Obdachlose Unterschlupf in dem verlassenen Haus.

Räume werden entrümpelt

Im Unterschied zu ihren Vorgängern versucht die Gruppe jedoch die Situation im Haus zu verbessern. Ein Raum nach dem anderen wird entrümpelt und halbwegs wohnlich hergerichtet. Der Schutt, der teilweise noch im Hof lagert, war früher im Haus und wird nach und nach abtransportiert. Das Klo ist repariert und funktioniert mit Wasser, das in der Regentonne gesammelt oder von Nachbarn mit dem Gartenschlauch gespendet wird. Auch den Zaun haben sie notdürftig ausgebessert. Bis vor kurzem gab es noch Strom, der ist mittlerweile abgedreht. Gekocht wird wenig, höchstens mit einem Campingherd, ab und zu wird auch ein Lagerfeuer gemacht. Meist essen die Hausbesetzer aber auswärts, in Tageszentren oder ähnlichem.

"Lieber im Haus, als auf der Straße"

Sieben Leute leben zur Zeit fix in dem Haus, vier davon kommen aus Österreich, drei aus Ungarn. Dazu halten sich immer wieder Menschen auf der Durchreise dort auf. Die Bewohner sind lieber in dem Haus, als auf der Donaulände oder irgendwo auf der Straße zu schlafen. Zur Notschlafstelle haben sie keinen Zutritt, entweder weil sie den benötigten Anspruch auf Mindestsicherung nicht haben oder mit ihren Hunden sowieso nicht rein dürfen. 

"Lärm ist ein Problem"

Die meisten Vorwürfe aus den Medien weisen die Besetzer vehement zurück. Es gebe weder Belästigungen, noch Sachbeschädigungen, konsumiert werde nur Alkohol, aber keine illegalen Drogen. Seit über sie berichtet wird, werde ihnen aber alles angelastet, was in der Gegend passiert. Besonders absurd sei der Vorwurf, die Hausbesetzer würden sich in den umliegenden Stiegenhäusern erleichtern: "Das war keiner von uns", sind sich die Beschuldigten sicher. Die bisherigen Zeitungsberichte hätten "viele Zitate von wenigen Anrainern" gebracht, niemand habe sich aber die Mühe gemacht auch mit ihnen zu sprechen. In einem Punkt zeigen sie sich aber einsichtig: Manchmal sei es zu laut gewesen. Das werde auch untereinander diskutiert und man bemüht sich weniger Lärm zu machen, in dem man zum Beispiel am Abend ins Haus hineingeht und nicht mehr im Hof sitzt. Wenn sich Nachbarn beschweren, gehe man auf die Beschwerden ein. Überhaupt komme man mit den meisten Nachbarn gut aus, es gebe sogar welche, die regelmäßig vorbeikommen und ihnen etwas schenken. Schwierig sei es nur, wenn neue Leute im Haus auftauchen, einer habe zum Beispiel psychische Probleme und schreie manchmal, den wolle man deswegen aber nicht rausschmeißen. Lediglich einmal musste eine Person des Hauses verwiesen werden. Auch auf Facebook wehren sich die Hausbesetzer gegen die Anschuldigungen: "Wer mag nicht feiern? Wer trinkt nicht einige Bier mehr am Wochenende? Und wer kennt nicht die unzufriedene Nachbarin, die immer die Polizei anruft?", schreiben sie. "Wir sind nicht das Problem, die Probleme entstehen in unserer Gesellschaft." 

"Wir brauchen einen Platz"

Mit der Besitzerin gebe es keinen Kontakt, sollte das Haus irgendwann geräumt werden, dann sei das eben so. "Es ist nicht das erste Haus, und auch nicht das Letzte. Weil wir einen Platz brauchen", so die Hausbesetzer. Benannt ist die Noßbergerstraße übrigens nach dem Linzer Unternehmer Ferdinand Noßberger. Der Grund für die Ehrung: Er hat sein gesamtes Vermögen nach seinem Tod 1891 für die Armenpflege gestiftet.

Autor:

Christian Diabl aus Linz

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