Missbrauchsfälle im Bezirk Melk
„Die Scham muss die Seite wechseln“
- Autorin Birgit Steindl mit ihrem Buch "Zwischen mir und der Welt"
- Foto: Steindl
- hochgeladen von Philipp Pöchmann
Autorin Birgit Steindl über Missbrauch, Schweigen – und den Weg, ihre Geschichte öffentlich zu machen
BEZIRK MELK. Jahrzehntelang schwieg sie über das, was ihr in der Kindheit angetan wurde. Heute spricht Birgit Steindl offen über organisierten sexuellen Missbrauch – auch darüber, dass es solche Strukturen in der Vergangenheit im Bezirk Melk gab und gibt. In ihrem Buch „Zwischen mir und der Welt“ verarbeitet sie ihre Geschichte und möchte Betroffene darin bestärken, Tabus zu durchbrechen und Verantwortung dorthin zu bringen, wo sie hingehört. Bei ihrer Präsentation im April 2025 in Maria Taferl erhielt sie Unterstützung von Musiker Otto Lechner und Autorin Gabriele Vasak. Im Interview mit MeinBezirk Melk spricht Steindl über den Entschluss, öffentlich zu werden, den Schreibprozess und die Reaktionen auf ihr Buch.
Was war für Sie der entscheidende Moment, an dem Sie beschlossen haben, Ihre Geschichte öffentlich zu machen?
Steindl: Das Thema Missbrauch kommt immer wieder in den Medien vor. Ich wurde sprachlos, versteinerte – und brachte nicht über meine Lippen: Ich bin eine Betroffene. Das darüber „schweigen müssen“, das Tabu, ist sehr stark und wirkt auch körperlich, es kam nichts durch meinen Hals und meine Lippen. Auch im täglichen Leben war und bin ich immer wieder von diesen Erlebnissen beeinträchtigt – und konnte niemandem etwas erklären. Nur einige Freundinnen und Freunde wussten von meiner Geschichte – hier musste ich nicht mehr versteinern, hier war ich entspannter. Missbrauchserfahrungen haben einen großen Einfluss auf das alltägliche Leben. Daher gab es ständig Geheimnisse zwischen mir und der Welt. Diese Erfahrung machen viele Menschen, die in und mit einem Tabuthema leben. Mit meinem Buch möchte ich andere ermutigen, das Schweigen zu brechen und Verantwortlichkeiten an die richtigen Stellen zu rücken.
Was möchten Sie mit Ihrem Buch in der Debatte rund um Missbrauch und institutionelles Versagen bewirken?
Ich möchte Menschen darin bestärken, sich selbst zu vertrauen. Ich möchte ihnen helfen, ihre schlechten Erfahrungen anzuerkennen und sich selbst zu glauben. Und ich möchte sie darin unterstützen, hinzusehen und mit anderen darüber sprechen zu lernen. Das bringt Heilung.
Ich wünsche mir, dass Menschen ihre Augen öffnen und ihre Umgebung achtsam beobachten. Gegenseitige, heilsame Einmischung wäre wichtig.
Wie haben Sie den Schreibprozess erlebt – eher belastend oder befreiend?
Schreiben hilft mir, mich zu ordnen und mich zu finden. Ich hatte viele Zettel und Notizen. Immer wieder begann ich von Neuem, mein Buch zu schreiben. Ich habe großes Glück: Eine Freundin von mir ist Schriftstellerin. Sie half mir, meine vielen Notizen in ein zusammenhängendes Buch zu gießen.
Welche Reaktionen aus Ihrem Umfeld oder von Leserinnen und Lesern haben Sie besonders berührt oder bestärkt?
Ich erlebe viel Mitgefühl. Das freut, berührt und bestärkt mich. Viele Menschen sind bestürzt, denn sie kennen diese Realität nicht, andere wiederum erzählen von ihren Erfahrungen. Jede Rückmeldung ist auf ihre Weise einzigartig – das ist das Schöne und Besondere an Begegnungen und Austausch.
Was braucht es Ihrer Meinung nach heute, damit Betroffene sicher sprechen können und Verantwortliche wirklich zur Rechenschaft gezogen werden?
Ich finde, es braucht Zivilcourage und innere Stärke. Wir müssen Ungerechtigkeiten aushalten und sehen können. Wir müssen sie beseitigen wollen. Dann entsteht ein Klima, in dem das Sprechen erwünscht ist. Gemeinsam können wir Opfer und Täter helfen.
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