Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 12

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
  • hochgeladen von Sara Handl

Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

Die verführerischen Schnitzel

Da mein Großvater ein sehr bekannter und bedeutender Unternehmer war, veranstaltete er dann und wann eine Gesellschaft, auf der wichtige und wohlgesittete Gäste erschienen. Zu diesem Zweck wurde immer besonders gut und reichlich aufgetischt. Meine Großmutter war eine sehr gute Köchin und ließ es sich somit trotz ihrer Bediensteten nicht nehmen, für solche Anlässe selbst etwas in der Küche zu zaubern. Und so roch es schon am Vorabend im ganzen Haus nach guter Suppe, Schnitzeln und Kuchen. Da lief einem das Wasser im Mund zusammen.
Als die ganze Familie dann zu später Stunde zu Bett gegangen war und ich noch immer nicht schlafen konnte, schlich ich mich leise in die Küche, um dort noch ein Glas Milch zu trinken. Unter einem sauberen weißen Geschirrtuch lagen auf einer schönen Porzellanplatte die fertigen Schnitzel appetitlich und un-widerstehlich angerichtet. Nachdem ich einen Blick auf sie geworfen hatte, war es um mich geschehen. Ich konnte einfach nicht widerstehen und zupfte mir ein wenig Panier von einem der Fleischstücke. Das war so wunderbar, dass ich ein zweites, ein drittes und ein viertes Mal zulangte. Und plötzlich, ehe ich mich versah, lagen auf der Platte nur noch ein paar »nackte«, unpanierte Fleischstücke. Der Schreck lag mir im wahrsten Sinne des Wortes »schwer im Magen«. Schnell deckte ich die Überreste zu und schlich wieder zurück in mein Zimmer. Jetzt konnte ich erst recht nicht mehr einschlafen. Am nächsten Morgen beim Frühstück spürte die Großmutter gleich, dass mit mir etwas nicht stimmte. Aber ich winkte nur ab und meinte, dass ich ein wenig schlecht Luft bekäme. Das stimmte auch, doch der Grund dafür sollte mein Geheimnis bleiben.
Gegen Mittag bat mich meine Großmutter, einen Krug in der nahen Gaststätte mit Bier füllen zu lassen. Das wollte ich gerne für sie tun, um mein schlechtes Gewissen zu erleichtern. Sie gab mir ein braunes, extra für diesen Zweck vorhandenes Steingutgefäß, und ich machte mich schnell auf den Weg. Ein ungutes Gefühl, dass die Großmutter inzwischen meine Schandtat entdeckt haben könnte, begleitete mich auf dem ganzen Weg hin und zurück. Und wie es der Teufel will, hob sie just in dem Moment, als ich wieder zur Tür hineinkam, das Geschirrtuch von den Schnitzeln und stieß einen lauten Schrei aus. Mit blassem Gesicht stand sie vor mir und konnte ihren Augen nicht trauen. Nun war es so weit – ich musste meiner Großmutter alles beichten. Doch wie immer beruhigte sie sich gleich wieder, lächelte lieb und meinte nur gütig: »Ach, Bub, hättest du nur gestern etwas gesagt, dann hätte ich dir doch ein Schnitzel ausgebacken.«
Jetzt musste sich die Großmutter schnell etwas anderes einfallen lassen. Nach einer kurzen Weile des Nachdenkens eilte sie in die Wohnstube und kam mit einem kleinen handgeknüpften Teppich wieder zum Vorschein. »Schau, Franzl, den nehmen wir jetzt und gehen zum Bauern, da bekommen wir sicher ein prächtiges Stück Fleisch dafür«, sagte sie mit beruhigender Stimme. Schnell zogen wir uns unsere Ausgehkleidung an und machten uns auf den Weg. Zügigen Schrittes marschierten wir zu dem Bauernhof, bei dem meine Großmutter schon oft Wertgegenstände gegen Lebensmittel ein-getauscht hatte. Geld hatte in der Nachkriegszeit kaum Wert und wer nichts zum Tauschen besaß, der musste oft große Hungersnot leiden. Auch unser Klavier und andere schöne Dinge waren uns zum Zweck der Nahrungsmittelbeschaffung von großem Nutzen. Als wir den Bauernhof erreichten und den Teppich zum Tausch anboten, schaute sich die Bäuerin das gute Stück zuerst einmal abwägend an. Nach einem kurzen Moment des Über¬legens schien sie recht zufrieden und gab der Großmutter ein großes Stück Fleisch. Damals war man wahrlich auf die Gunst der Bauern angewiesen. Es war, weiß Gott, keine einfache Lage. Aber meine Großmutter hatte es wieder einmal geschafft, meine Haut zu retten. Schnell sputeten wir uns nach Hause, sie legte das Fleisch in die Backröhre und nach zwei Stunden roch es im ganzen Haus köstlich nach Braten. Den Gästen mundete Großmutters Speise vorzüglich, nur Großvater wunderte sich ein wenig, weil er glaubte, am Vorabend die Großmutter beim Schnitzelbacken gesehen zu haben. Aber Irren ist menschlich. Wir haben ihn natürlich nicht aufgeklärt. Warum sollte er sich unnötig aufregen? Aus den nackten Schnitzeln machte meine Großmutter ein hervorragendes Gulasch für die Familie. Sie war einfach einmalig.

Badetag

Für uns war das Baden in unserer Unterkunft immer etwas ganz Besonderes, denn um heißes Wasser zu bekommen, musste mein Vater zuerst aus dem Keller kleine Holzscheite holen, um den Heizkessel anzufeuern. Dabei halfen wir ihm natürlich gerne, denn der Weg dorthin hatte etwas Abenteuerliches. Erst mussten wir durch mehrere dunkle Kellerräume, in denen es etwas gruselig rauschte, da unterhalb ein Fluder, eine Wasserrinne aus Holz, entlang führte. Irgendwann bog man dann rechts ab und betrat eine äußerst dunkle Räumlichkeit, in der sich das Brennholz befand, das man aufgrund des Lichtmangels nur erahnen konnte. Wir Kinder hatten hier unten stets ein etwas mulmiges Gefühl, waren aber auch sehr stolz, wenn wir unsere Aufgaben wie eine Art Mutprobe erfolgreich erfüllt hatten.Aber, ehrlich gesagt, alleine wäre ich nie in diese dunklen Katakomben gegangen.
War der Wasserkessel dann endlich erfolgreich angeheizt, gab es im Bad immer eine wohlige Wärme und wir freuten uns schon riesig auf den Badespaß in der alten Wanne, die noch auf vier schnörkeligen Zinkfüßen stand, und einen Hauch von Nostalgie verströmte. Dieser Raum mit seinen blauen Fliesen, dem Waschtisch mit den uralten Armaturen, den rauen, dunkelkarierten Handtüchern und dem eigentümlichen Gemisch aus Lavendelseifen- und Rasierwasseraroma hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. All das hatte etwas von »guter alter Zeit«, ja, man kann sagen, dort mussten irgendwann einmal die Uhren stehen geblieben sein.
Jedes Mal, nachdem wir unsere Badezeremonie hinter uns hatten, und uns anschließend noch eine Weile gemütlich in der Stube ausruhten, fiel unserem Vater wieder eine nette Episode aus seiner Jugendzeit ein. Das Schöne an seinen Geschichten war, dass immer ein anderer der Buben die Hauptrolle spielte, und man so von jedem seiner Freunde eine gewisse Vorstellung und ein eigenständiges Bild bekam. In diesem Fall ging es um seinen Freund Fritz und dessen Begabungen, die mein Vater uns durch seine Erzählung lebhaft näher brachte.

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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