Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 20

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Erschrocken und zugleich auch ein wenig amüsiert eilten wir Buben zu ihr hinüber, um sie aus ihrer verzwickten Lage zu befreien. Die Rosl hatte recht lange Haare, welche sie stets zu einem dicken Zopf geflochten trug. Doch durch unser wildes Spiel hatte sich dieser allmählich gelöst und die umherfliegenden Haare verfingen sich in dem dichten Geäst. So hing sie nun strampelnd und kreischend oben im Baum. Wir versuchten sie zuerst einmal abzustützen. Nach einigen Fehlversuchen gelang uns das auch, und so waren wir als nächstes bemüht, die zerzausten Haare von den Zweigen abzulösen, um Rosl zu befreien. Doch bald entglitt sie uns wieder und hing erneut in der Luft. »Unternehmt was, unternehmt was, ich will hier herunter!«, schrie das Mädchen verzweifelt. Die einzige Möglichkeit, die uns blieb, war die Zweige abzusäbeln. Schnell zückten wir alle unsere Taschenmesser, die sogenannten »Feiteln«, und sägten so kraftvoll, wie wir konnten, an dem Geäst. Da einige von uns auf ein und demselben Ast saßen, fing dieser schon bedrohlich zu knarren an. Der Schurl, der etwas tiefer saß, um die Rosl abzustützen, wurde schon äußerst unruhig, da er jeden Moment damit rechnete, dass wir ihm samt dem Ast auf den Schädel fallen würden. Doch nach einiger Zeit hatten wir es gemeinsam geschafft, und die Rosl war aus ihrer prekären Situation befreit. Mit einigen Zweigen und Unrat im Haar kletterte sie schleunigst vom Baum, um sich auf dem sicheren Erdboden erst einmal von dem riesigen Schreck zu erholen. Als sie nun so dastand und aussah wie ein gerupftes Hühnchen, konnten wir Buben uns nicht mehr halten und prusteten lauthals los. Nichts konnte uns beruhigen, und selbst Rosl konnte allmählich der Sache etwas Lustiges abgewinnen. Nachdem wir uns dann aber doch wieder beruhigt hatten, widmeten wir uns dem Entwirren der langen Haare. Mit unseren schmutzigen und verharzten Fingern bemühten wir uns redlich, das Chaos auf Rosl Kopf zu beseitigen. Doch bei allem guten Willen, wir wurden der Sache nicht Herr. Also mussten wir die Zweige eben vorsichtig herausschneiden.
Als wir mit unserer Arbeit fertig waren, stand das Mädchen mit einem äußerst bizarren Haarschnitt vor uns. Da war Ärger seitens Rosls Mutter vorprogrammiert. Doch »mitgefangen – mitgehangen«. So zogen wir gemeinsam Richtung Heimat und je näher wir Rosls Elternhaus kamen, umso mulmiger war uns zumute. Zaghaft klopften wir an der Stubentür und warteten auf das »Herein« der Bäuerin. Als sie uns erspähte, schaute sie uns sprachlos mit aufgerissenen Augen an. Es dauerte eine Weile, bis sie sich sammelte und mit gedämpfter Stimme die erste Frage an uns richtete: »Um Himmels Willen, was ist denn mit euch passiert? Was hast du mit deinem Schopf gemacht, Rosemarie?«
Da standen wir nun, von oben bis unten mit Harz und Schmutz besudelt und rangen nach Worten. Mit größtem Fingerspitzengefühl versuchten wir die Ereignisse zu schildern. Doch wider Erwarten bekamen wir nach unserer salbungsvollen Rede keine Standpauke von Rosls Mutter, sondern wurden sogar für unser mutiges Eintreten gelobt. »Die Haare wachsen ja bald nach«, meinte sie, »die Hauptsach’ ist, euch ist nichts weiter bei eurem `wuiden Spui’ passiert. Das Roserl wollte ja gern mit euch mithalten, drum muss sie halt schauen, dass sie recht bald zum Haarschneiden kommt, damit sie wieder wem gleich schaut.«
Nachdem alles so unerwartet friedlich geklärt war, gab uns die Bäuerin noch etwas Brot, Speck und Süßmost zur Stärkung, und dann machten wir uns erleichtert wieder auf den Heimweg. Aber eines war uns allen klar – die Sache hätte auch weniger glimpflich ausgehen können. Da hatten wir wieder einmal richtiges Glück im Unglück. Die Rosl haben wir dann noch öfter mitgenommen zu unseren Unternehmungen – sie hatte sich ja schließlich durch ihre Schneid als würdiges Bandenmitglied bewährt.

Beileidsbekundung der Tochter eines Jugendfreundes meines Vaters

Danksagung

Mein besonderer Dank bei den Recherchen für mein Buch gilt Ernst Teufel, der mir viele Fotos der damaligen Zeit zur Verfügung gestellt hat und mir auch mit Rat und Tat zur Seite stand. Ebenso danke ich seinem Sohn Michael sowie seiner Gattin Traudel für ihre Unterstützung.
Weiterhin möchte ich mich herzlich bei Herbert und Hilde Teufel für ihre hilfreichen Ratschläge bedanken.
Meine liebe Cousine Jutta Schramböck stellte mir einige Familien¬fotos sowie familieninterne Informationen zur Ver¬fügung, darum auch ihr meinen ausdrücklichen Dank.
Durch Erläuterungen, zusätzliche Geschichten und seinen großen Erfahrungsschatz war mir Josef Ramsauer (verstorben 13.01.2014) eine große Hilfe und dafür ein herzliches »Vergelt’s Gott!«
Mein letzter Dank gilt der Familie des Bauernhauses ¬Mitterholzer, durch die ich viel über den Kesselflicker und seine Höhle in Erfahrung gebracht habe.
Bei all meinen Unternehmungen stand mir mein lieber Mann, Achim Fechner, stets hilfreich bei.

Epilog

Mein Vater, Franz Strasser, der »Brantner Franzl«, hatte ein erfülltes, jedoch viel zu kurzes Leben. Er war stets voller Optimismus und verstand es, mit seinem Enthusiasmus seine Umwelt anzustecken. Er war beliebt bei Alt und Jung, begeisterte mit seinen Geschichten und seiner Lebensphilosophie. Man bekam sprichwörtlich »das letzte Hemd« von ihm, er bestach durch Güte und Hilfsbereitschaft, wobei ihm selbst nichts im Leben geschenkt wurde. Er musste ohne seine Eltern aufwachsen, wurde um ein großes Erbe geprellt und litt unter einer langen, schweren Krankheit. Doch trotz all dieser Schicksalsschläge verlor er nie seinen Lebensmut, sondern sah in allem einen Neuanfang und tieferen Sinn. Sein Motto war: »Um glücklich zu sein, benötige ich kein Geld. Meine Familie und die Gesundheit ist alles, was ich zum Leben brauche.« Letztere hatte er viele Jahre nicht, aber er war trotzdem dankbar für jeden Moment seines Lebens, bis zu seinem letzten Atemzug. So kann ich nur abschließend mit großer Bewunderung und Ehrfurcht sagen: Mein Vater war ein Mensch, der es wirklich verstand, zu leben.

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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