Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 4

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
  • hochgeladen von Sara Handl

Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Als wir nach einer Weile unser Ziel erreicht hatten, war die Hose meines Vaters schon fast ganz trocken, aber hart wie Stein – wie mein Vater sagen würde: »brettlhart« – und später, beim Niedersetzen, fing sie an zu bröckeln.
Der Bauernhof in der Sulz war für uns Kinder immer wieder ein willkommenes Ziel, da wir hier nach Herzenslust in der Scheune im Stroh herumtollen durften. Die Kühe im Stall hatten alle Namen von Politikern, und eine, das weiß ich heute noch, hieß Kreisky nach dem früheren österreichischen Bundeskanzler.
Zur Stärkung gab es für die Erwachsenen »guadn« Most und für uns Kinder Süßmost, der dem Apfelsaft gleichkommt, sowie Schmalz-, Butter- und deftige Speckbrote. Vor allem der für diese Region bekannte Schafskäse, ein schnitt¬fester weißer, meist mit Schnittlach, Salz und Pfeffer servierter Mischkäse aus Kuh- und Schafsmilch, durfte bei keiner Jause fehlen. Nach dem Essen besuchte ich auch oft die kleine Hauskapelle. Das besondere an ihr war, dass da ständig laut quakende Frösche hin und her hüpften, die uns manchmal regelrecht ansprangen und einen ordentlichen Schreck verpassten. Zum andächtigen Beten vielleicht nicht der geeignetste Ort für mich, aber dafür ein umso lustigerer.
Wenn mein Vater später mit seinen Jugendfreunden beisammen saß, kamen in gemütlicher Runde auch wieder die Erinnerungen an die »gute alte Zeit« mit den ach so heißen Sommern und den so bitter kalten Wintern auf, wovon auch die nächste Anekdote handelt. Und ich muss zugeben, wenn man den Erzählungen aufmerksam lauschte, so kam die Redewendung »gute alte Zeit« nicht von ungefähr. Denn durch die Erlebnisse und den Zusammenhalt in dieser Epoche, auch – und vielleicht gerade – weil es eine Zeit der Entbehrung
war, kann die heutigen Zeit, die zum Teil durch Hektik und Isolation geprägt ist, diese nicht überflügeln. Diese, meine Wahrnehmung wird uns auch durch die nächste Geschichte meines Vaters wieder nahe gelegt:

Die Schneeburg

Im Jahr 1942 war einer der strengsten Winter, den ich je erlebt habe. Wochenlang hielt sich eine unheimliche Kälte. Es schneite unaufhörlich und es war keine Wetteränderung in Sicht. Für die an der Front befindlichen Soldaten wurde warme Kleidung gesammelt. Die Frauen in der Heimat strickten Pullover, Jacken, Fäustlinge und dicke Socken.
Doch Tausende von Soldaten erfroren dennoch qualvoll im frostigen russischen Winter. Der Schnee lag in der Stadt so hoch, dass man richtige Gänge schaufeln musste. Zu diesem Zweck wurde auch die Hitlerjugend eingesetzt. Der Schnee wurde auf Pferdewagen und Schlitten geladen und anschließend zur Ybbs oder zum Schwarzbach transportiert und dort hineingeschaufelt. Das Wasser schwemmte den Schnee hinweg und taute ihn gleichzeitig auf. Da nun so viel Schnee vorhanden war, entschlossen meine Freunde und ich uns dazu, eine Schneeburg zu bauen. Den richtigen Ort für unser Projekt hatten wir im Vorfeld schon gewählt. Meine Großeltern hatten einen großen Garten. Dort war auf der einen Seite der offene Fluder, eine Wasserrinne aus Holz, und auf der anderen Seite grenzte der Garten an eine Remise des Baugeschäftes.
Hier lagen jede Menge Pfosten, Bretter und Leitern, da der Betrieb nur noch dürftig florierte, zumal viele Arbeiter an der Front waren. Diese Hilfsmittel waren für unser Bestreben von größtem Nutzen, aber auch der Fluder war wichtig, da wir für unser Vorhaben unbedingt Wasser brauchten. So trafen wir Buben uns nach der Schule im Hof meiner Großeltern und suchten dann gemeinsam im Garten den geeignetsten Standplatz für unsere Schneeburg aus.
Anschließend wurde die Arbeitseinteilung vorgenommen. Der Wipperl wurde als Polier auserkoren. Der Sepp und der Tschiegerl waren die »Zureicher«. Ich wurde zum Transport der Schneeziegel abgeordnet. Es waren noch viele andere Buben dabei, die für bestimmte Aufgabenbereiche eingeteilt wurden und so ging unser Bauvorhaben zügig voran. Zwischendurch bekamen wir von meiner Großmutter ein warmes Getränk, damit wir uns von innen wieder aufwärmen konnten. Wie immer war sie fürsorglich und auch glücklich, dass wir Buben solch einen großen Spaß hatten. Nach der kurzen Pause ging es gleich weiter. Als die Schneewände eine Höhe von zwei Metern erreicht hatten, wurde ein Zwischendecke eingezogen. Nun kam das nächste Stockwerk an die Reihe. Der Wipperl war ein guter und schnell arbeitender Polier. Abends wurde die Burg mit Wasser abgespritzt. Am nächsten Morgen war alles gefroren und hart wie Beton. Jeden Abend vor dem Schlafengehen schaute ich noch einmal in den Garten hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Stolz, wie gut wir vorankamen, legte ich mich dann ins Bett. Auch mein Großvater, der Baumeister, war begeistert von unserem Tun, und dies rief eine besondere Zufriedenheit in uns Buben hervor. Nach einigen Tagen war unser Bauwerk schon so hoch, dass wir vom oberen Fenster der Remise einen Pfosten auf die Schneeburg herüberlegen konnten, um von dort aus auf sie zu gelangen. Mit Schießscharten und Zinnen ausgestattet, sah sie richtig eindrucksvoll aus.
Uns übermannte der Stolz, als unsere Aktion gelungen war. Da stand sie nun, unsere Festung. Sobald wir aus der Schule kamen und unsere Hausaufgaben verrichtet hatten, trafen wir uns bei mir im Garten. Hier spielten wir bis in die Abendstunden. Wir teilten uns zum Beispiel in zwei Gruppen auf – eine verteidigte die Schneeburg und die andere bestand aus den Angreifern, die die Burg durch Schneeballbeschuss erobern wollte. So hatten wir immer jede Menge Spaß. Stets waren wir durch kleine bauliche Ausbesserungsarbeiten und Veränderungen beschäftigt. Und da keine Bande von der Existenz unserer Burg wusste, brauchten wir nicht um sie zu bangen.
Doch es traute sich ohnehin kein fremder Bub auf unser Grundstück, da mein Großvater ein gefürchteter Mann war. Er war groß und stark von Statur, wie ein Bär, und wenn ich ihn rief, eilte er sofort mit seinem Stock herbei, um nach dem Rechten zu schauen. Ging er abends fort, hatte er stets seinen Degenstock dabei.
Das war ein Spazierstock, in dem ein Degen eingearbeitet war. Dieser war am Griff befestigt und konnte bei Bedarf aus dem Stock herausgezogen werden. Da hatte er immer eine Waffe zur Verteidigung – im wahrsten Sinne des Wortes – griffbereit. So war unsere Schneeburg vor Angriffen von außen gefeit, und wir hatten, bis die ersten warmen Sonnenstrahlen sie zu zerstören drohten, lange Freude daran.

Mühlstraßenbande:

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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