Welterbe am Steinhof
"Wahlpropaganda in Hinblick auf die Wiener Landtagswahl"

Im Falle des Otto-Wagner-Spitales sieht der Experte Christian Schuhböck politisches Kalkül und einen andauernden Wahlkampf. Die Welterbe-Würdigkeit sei seit Jahren gegeben.
2Bilder
  • Im Falle des Otto-Wagner-Spitales sieht der Experte Christian Schuhböck politisches Kalkül und einen andauernden Wahlkampf. Die Welterbe-Würdigkeit sei seit Jahren gegeben.
  • Foto: Alliance for Nature
  • hochgeladen von Elisabeth Schwenter

Anfang der 1990er Jahre hat der damalige Landschaftsökologie-Student und heutige Generalsekretär der Natur-, Kultur- und Landschaftsschutzorganisation „Alliance For Nature“, Christian Schuhböck, dafür Sorge getragen, dass die Republik Österreich der internationalen UNESCO-Welterbe-Konvention beigetreten ist. Für die Bürgerinitiative „Steinhof erhalten“ hat er 2012 die Welterbe-Würdigkeit des Otto-Wagner-Spitals Am Steinhof nachgewiesen. Ein Gespräch über den dauernden Wahlkampf am Steinhof. 

Herr Schuhböck, Sie sind Experte für Fragen rund um das Thema UNESCO-Welterbe. Wie ist Ihre Einschätzung zum Otto-Wagner-Spital (OWS). Wird es hier bald ein Welterbe geben?
CHRISTIAN SCHUHBÖCK: Vor rund zehn Jahren war die Welterbe-Würdigkeit des OWS noch gegeben, bestätigt auch von anderen Experten wie zum Beispiel Leslie Topp von der Universität London. Dies wurde der damaligen Stadtregierung unter Bürgermeister Michael Häupl auch schriftlich mitgeteilt. Carlo von Boog, Architekt der einstigen NÖ Landes-Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ wandte zur vorvorigen Jahrhundertwende das Pavillonsystem an, welches sich schon in Mauer-Öhling (Niederösterreich) bewährte – und heute, in Zeiten der Corona-Krise, sogar die besten Voraussetzungen im Sinne von Abstandshaltung der vom COVID-19-Virus betroffenen Lungenkranken hätte. Leider wurde jedoch die Absiedlung des Spitals beschlossen. Stattdessen werden derzeit Wohnblöcke errichtet, die architektonisch in keiner Weise zum Jugendstilensemble der zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Heil- und Pflegeanstalt passen. Authentizität und Integrität gehen somit sukzessiv verloren, welche aber Voraussetzungen für eine Welterbe-Nominierung eines Kulturgutes im Sinne der UNESCO-Welterbe-Konvention sind. Der sogenannte „outstanding universal value (Anm.: außergewöhnliche universelle Wert) geht nicht nur durch die Spitalsabsiedlung sondern auch durch die schrittweise Verbauung des OWS-Ostareals zunehmend verloren.

Aus welchem Grund ist das OWS nicht schon längst Welterbe?
CHRISTIAN SCHUHBÖCK: Zum einen gibt es seit Jahren ein ambivalentes Verhältnis der Wiener Stadtregierung zum UNESCO-Welterbe und dessen Durchführungsrichtlinien. Es geht nämlich um den Schutz und die Erhaltung unseres Kulturerbes und nicht bloß um eine Auszeichnung. Dies zeigt sich allein schon beim unverantwortlichen Umgang der Stadtregierung mit dem „Historischen Zentrum von Wien“, der sich in der Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Hochhaus-Projekt Am Heumarkt deutlich widerspiegelt. Die rot-grüne Stadtregierung lehnt eine Welterbe-Nominierung des OWS ab, was wiederum die schwarz-blaue Opposition über Jahre hindurch genutzt hat, um Stimmung gegen die Regierungsparteien zu machen.

Die ÖVP Penzing hat angekündigt, das OWS auf seine Welterbe-Würdigkeit prüfen zu lassen und dabei die Unterstützung der Bundesregierung zu haben. Sie kritisieren das. Warum?

CHRISTIAN SCHUHBÖCK: Die Welterbe-Würdigkeit wurde, wie schon erwähnt, vor mehr als einem halben Jahrzehnt nachgewiesen. Doch die Gelegenheit zur Welterbe-Nominierung dieses bedeutenden Kulturerbes Österreichs wurde aufgrund parteipolitischen Kalküls und innerstaatlicher Auseinandersetzungen nicht wahrgenommen. Allein schon die Anstaltskirche „Hl. Leopold“, die Otto Wagner auf der Anhöhe des heutigen Otto-Wagner-Spitals errichten ließ, entspricht den Kriterien der UNESCO-Welterbe-Konvention. Die ÖVP Penzing hat schon mehrmals Petitionen zum OWS eingebracht, ohne damit nur irgend etwas Substanzielles erreicht zu haben. Das ist schlicht und einfach nur Wahlpropaganda in Hinblick auf die Wiener Landtagswahl.

Was muss der Bund machen, damit es endlich soweit ist?

CHRISTIAN SCHUHBÖCK: Gemäß UNESCO-Welterbe-Richtlinien muss ein Natur- oder Kulturgut erst auf die Vorschlagsliste gesetzt werden, damit es für die Eintragung in die UNESCO-Welterbe-Liste nominiert werden kann. Dazu sind allein die Vertragsstaaten, nicht jedoch Städte oder Kommunen, zuständig. Im Falle des OWS ist dies die Republik Österreich, vertreten durch das zuständige Kulturministerium in Verbindung mit dem Außenministerium. Während der türkis-blauen Bundesregierung hätte der damalige Kulturminister Gernot Blümel von der ÖVP das OWS auf die Vorschlagsliste und damit ein deutliches Signal in Richtung Welterbe-Nominierung setzen können. Doch diese Gelegenheit hat er nicht wahrgenommen.

Oft hört man, die Stadt Wien würde das verhindern beziehungsweise zuständig sein. Stimmt das?
CHRISTIAN SCHUHBÖCK: In weiterer Folge muss natürlich auch die Stadt Wien als Verwalter der Stätte wie auch andere Beteiligte in den Schutz und die Erhaltung dieses Kulturerbes einbezogen werden. Dazu sind entsprechende Gesetze, Verordnungen oder sonstige Vorschriften auf nationaler und lokaler Ebene zu erlassen. Doch wie man anhand bereits bestehender Welterbestätten Österreichs erkennt, ist man da in Österreich äußerst säumig – siehe „Historisches Zentrum von Wien“, welches bereits seit 2017 auf der Roten Liste gefährdeter Welterbestätten geführt wird. Durch diese politisch bedingte Fehlentwicklung steht die Republik Österreich am Pranger der internationalen Staatengemeinschaft – in einer Reihe mit Ländern wie Afghanistan, Irak, Jemen, Libyen und Syrien.

Was müsste Ihrer Meinung getan werden, um diese politische Fehlentwicklung bezüglich Österreichs Welterbestätten wieder in Ordnung zu bringen?
CHRISTIAN SCHUHBÖCK: Zu allererst müsste endlich die falsche Übersetzung der UNESCO-Welterbe-Konvention im Bundesgesetzblatt (Anm. BGBl 60/1993) korrigiert werden. Denn es ist nicht nur Aufgabe sondern Pflicht jedes Vertragsstaaten, für den Schutz und die Erhaltung seines Welterbes Sorge zu tragen. Österreich hat die fehlerhafte Übersetzung von der Bundesrepublik Deutschland übernommen. Deshalb ist Deutschland ja ebenfalls schon mehrmals auf der Roten Liste gefährdeter Welterbestätten gelandet. Dem Dresdner Elbtal wurde aufgrund des Baues einer Verkehrsbrücke über die Elbe sogar der Welterbe-Status aberkannt.

Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem OWS als potentielles UNESCO-Welterbe?
CHRISTIAN SCHUHBÖCK: Im Auftrag der Bürgerinitiative „Steinhof erhalten“ habe ich 2012 die Vergleichs- und Machbarkeitsstudie erstellt und konnte infolgedessen die Welterbe-Würdigkeit des OWS nachweisen – u.a. durch den Vergleich mit den bereits anerkannten UNESCO-Welterbe-Spitalsanstalten „Hospital de la Santa Creu i Sant Pau“ in Barcelona (Spanien) und Cabañas-Hospiz in Guadalajara (Mexiko). Im Jahr 2013 erschien sodann mein Buch „Otto-Wagner-Spital Am Steinhof“, welches das OWS und dessen Welterbe-Würdigkeit ausführlich beschreibt und illustriert. Durch eine weitere Dokumentation meinerseits im Jahr 2015 hat ICOMOS die Welterbe-Würdigkeit des OWS bestätigt und sodann den internationalen „Heritage Alert“ aufgrund der einsetzenden Verbauung des OWS-Ostareals ausgelöst.

Wie funktioniert Ihre Arbeit als Non-Profitorganisation (NPO) in Zeiten von Corona?
CHRISTIAN SCHUHBÖCK: „Alliance For Nature“ ist eine gemäß § 19 UVP-G 2000 anerkannte Umweltorganisation und zählt somit zu den NPOs Österreichs. Mit Anbruch der Corona-Krise sind die Spenden rapid zurückgegangen, weil die Leute sodann ganz andere Sorgen hatten und sich selbst um ihr eigenes Fortkommen kümmern mussten. Somit war es schwierig, die notwendigen Geldmittel für die rechtsanwaltspflichtigen und kostenintensiven Revisionen aufzubringen. Auch wurden trotz bekanntwerdender Ausgangsbeschränkungen mündliche Verhandlungen für UVP-pflichtige Vorhaben anberaumt – wenn auch dann wieder abberaumt und auf einen späteren Termin verschoben.

Die Regierung hat ein Hilfspaket von 700 Millionen Euro für Kunst- und Kulturvereine ebenso wie für Sportvereine, Organisationen des sozialen Bereichs oder auch der Entwicklungsarbeit präsentiert. Das ist viel Geld…
CHRISTIAN SCHUHBÖCK: Tatsächlich? Im Vergleich zu den Hilfspaketen, die die Regierung für die Wirtschaft geschnürt hat, sind die von Ihnen angesprochenen 700 Millionen Euro für den gesamten Kunst-, Kultur-, Sport- und Umweltbereich ein – sagen wir ‘mal – „äußerst bescheidenes Hilfspaketchen“. Wenn allein für ein Unternehmen wie die Austrian Airlines, das noch dazu zu einem ausländischen Unternehmen, nämlich der Lufthansa gehört, über ein Hilfspaket von rund 767 Millionen Euro diskutiert und verhandelt wird, so erkennen Sie, welchen Stellenwert die Bundesregierung den Kunst-, Kultur- und Umweltvereinen sowie sonstigen sozialen und gesellschaftlichen Organisationen, die einen fixen und äußerst wichtigen Bestandteil unsere Gesellschaft bilden, einräumt. Will Österreich seinen guten Ruf als Natur- und Kulturnation nicht verlieren, wird das derzeit vorgesehene Hilfspaket für die Kulturschaffenden sowie für all die vorhin genannten Vereine und Organisationen wohl um ein Vielfaches aufgestockt werden müssen.

Im Falle des Otto-Wagner-Spitales sieht der Experte Christian Schuhböck politisches Kalkül und einen andauernden Wahlkampf. Die Welterbe-Würdigkeit sei seit Jahren gegeben.
Im Falle des Otto-Wagner-Spitales sieht der Experte Christian Schuhböck politisches Kalkül und einen andauernden Wahlkampf. Die Welterbe-Würdigkeit sei seit Jahren gegeben.
Autor:

Elisabeth Schwenter aus Penzing

following

Du möchtest diesem Profil folgen?

Verpasse nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melde Dich an, um neuen Inhalten von Profilen und Bezirken in Deinem persönlichen Feed zu folgen.

13 folgen diesem Profil

11 Kommentare

online discussion

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Regionaut werden!

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Werde Regionaut!

Regionaut werden!



Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Du möchtest selbst beitragen?

Melde Dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen