04.10.2017, 20:00 Uhr

"Zukunftsberufe in Technik und Gewerbe"

Glaubt man den Prognosen aus der Wirtschaft, wird sich der Facharbeitermangel weiter zuspitzen. (Foto: panthermedia.net/auremar)

Fehlende Lehrlinge: Worin die Gründe liegen und wie man dieser Entwicklung gegensteuern kann.

BEZIRK (mikö). "Der Betrieb meines Mannes sucht seit einem dreiviertel Jahr einen Maurer und es geht anderen auch so. Wir müssen die Lehre aufwerten und die überbordende Bürokratie ausmerzen", spricht Windhaags Vizebürgermeisterin Bettina Bernhart die aktuelle Situation an. "Wenn wir die Trendumkehr nicht schaffen, wird der Facharbeitermangel noch dramatischer", bestätigt Wirtschaftskammer-Bezirksobmann Wolfgang Wimmer. Er will am Dogma rütteln, dass die höhere Schule bessere Berufschancen biete. "Es muss ein Umdenken stattfinden, was den Stellenwert der Lehre betrifft. Einhergehend mit einer starken Aufwertung des Gewerbes. Wir müssen nur schauen, wo die Berufe der Zukunft liegen: In der Technik und im Gewerbe. Viele Berufsgruppen wie Sachbearbeiter werden verschwinden." Perg ist im Mühlviertel der Bezirk mit den meisten Lehrlingen. "Wir haben attraktive Arbeitgeber und legen das Augenmerk auf die Ausbildung", so Wimmer. Einige Betriebe hätten aufgrund der schwierigen Suche aber aufgegeben. Außerdem würden die Rahmenbedingungen in ein Korsett zwingen: "Wenn du einen nicht gut geeigneten Lehrling erwischst, ist das schwer zu lösen." Wimmer glaubt nicht, dass der Lehrlingsmangel mit der Bezahlung zusammenhängt: "Ein Lehrling im 3. Lehrjahr verdient ordentliches Geld. Viele Unternehmer haben aber erkannt, dass man sich mit Anreizen attraktiver machen kann. Wesentlich ist aber, dass generell der Stellenwert erhöht wird." Auf was er hofft: Dass Betriebe mehr mit Schulen zusammenarbeiten.

Beruf muss Spaß machen

Nach wie vor herrscht eine große Diskrepanz zwischen Wünschen der Jugendlichen und den Angeboten des Arbeitsmarkts. "Aus unserer Erfahrung ist eine externe Motivation für einen bestimmten Lehrberuf schwierig. Wir informieren umfassend. Allerdings steht bei der Entscheidung des Jugendlichen für eine bestimmte Ausbildung nicht der Verdienst im Vordergrund, sondern, dass der Beruf Spaß machen muss", weiß AMS-Perg-Chefin Christa Hochgatterer. Das AMS unterstützt durch Berufsorientierung, Interessenstets, Technik-Rallye für Mädchen und vieles mehr.
Wichtig sei es, schon jetzt mit der Lehrstellen-Suche zu beginnen: Denn die Unternehmen entscheiden sich wegen des Wettbewerbs um die Besten immer früher. Außerdem haben manche öffentliche Institutionen Bewerbungsfristen bis November. Für junge Menschen die arbeiten wollen aber keinen Lehrplatz finden, bieten AMS und Land OÖ Kurse an.

Lehrstellenangebot und -nachfrage

Mit Stand 31. August gab es im Bezirk 111 offene Lehrstellen. Dem stehen 39 Lehrstellensuchende gegenüber. Die meisten Lehrlinge fehlen in den Bereichen Metall/Elektro, Handel, Gastgewerbe und Bau. "Die Statistik zeigt, dass eine beträchtliche Anzahl von Ausbildungsplätzen unbesetzt bleibt. Und dass rein rechnerisch jeder Lehrstellensuchende einen Platz finden müsste", sagt AMS-Perg-Chefin Christa Hochgatterer. In der Praxis zeige sich allerdings, dass Faktoren wie ein schlechtes Zeugnis, mangelnde Mobilität, psychische und physische Einschränkungen und Fixierung auf einen Wunschberuf einer Vermittlung im Weg stehen.

Zur Sache

Im Bezirk Perg gibt es aktuell 1.051 Lehrlinge (Stand 1. 1. 2017). Die Zahl ist in den vergangenen Jahren gesunken. In den Mühlviertler Bezirken Rohrbach (797), Urfahr-Umgebung (568) und Freistadt (599) werden deutlich weniger Lehrlinge ausgebildet. Spitzenreiter nach Gemeinden ist Perg (311) vor Schwertberg (281). Die Anzahl der Lehrbetriebe nimmt ab, momentan bilden 273 Firmen im Bezirk aus. Insgesamt können mehr als 120 Lehrberufe und -kombinationen erlernt werden. Etwa die Hälfte der Lehrlinge kommt aus Polytechnischen Schulen, die anderen aus Neuen Mittelschulen oder mittleren/höheren Schulen. Zwei von drei Lehrlingen sind männlich. Mehr als jeder Zehnte absolviert bereits die "Lehre mit Matura". Kurios: Viele Betriebe bekommen nicht die notwendigen Lehrlinge, es pendeln aber gleichzeitig fast 400 Auszubildende aus.
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