UnwetterWarnDienst
"Tornados sind auch in Rohrbach keine Seltenheit"

Thomas Gierlinger ist im gesamten Bezirk unterwegs, um Gewitterzellen zu beobachten.
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  • Thomas Gierlinger ist im gesamten Bezirk unterwegs, um Gewitterzellen zu beobachten.
  • Foto: UWWD Rohrbach
  • hochgeladen von Nina Meißl

In den vergangenen Wochen herrschte "Hochsaison" für den Unwetterwarndienst (UWWD) Rohrbach. "Stormchaser" Thomas Gierlinger im Interview über Superzellen und Tornados, warum es für sein Hobby eine gute Ausbildung braucht und welche Unwetter die schlimmsten waren, die er je erlebt hat.

BEZIRK ROHRBACH. Sturm, Hagel und Donner sind seine Elemente – Thomas Gierlinger ist ein "Stormchaser", ein Gewitterjäger. Er fotografiert Unwetter. Seine Faszination für die Wetterextreme nutzt er aber auch für die gute Sache. Mit seinem "Unwetterwarndienst Rohrbach" (UWWD Rohrbach) auf Facebook warnt er die Bevölkerung vor bevorstehenden Gewittern oder aktuellen Überflutungen.

BezirksRundschau: Die meisten Menschen bleiben bei Gewittern lieber zu Hause, dich zieht es dann wohl erst nach draussen. Woher kommt deine Leidenschaft für Wetterextreme?
Gierlinger: Es ist die Faszination an der komplexen Entstehung eines Gewitters – vom aufsteigenden Wasserdampf zur Wolke bis hin zur ausgebildeten Superzelle mit Tornado oder tennisball-großen Hagelkörnern. Wenn man die Entstehung solcher gigantischen Gewitterzellen versteht, kann man sich erst vorstellen, welch Kräfte die Natur hier entwickelt.

Wann hast du angefangen , dich intensiv mit Gewittern und Unwettern zu beschäftigen und warum?
Intensiv begonnen hat alles im Jahr 2010. Damals wurde ein von österreichischen Sturmjägern dokumentierter Tornado im Burgenland in den Nachrichten ausgestrahlt. Das Phänomen „Tornado in Österreich“ brachte mich dazu, einem österreichischen Sturmjägerverein beizutreten und mich intensiver mit Unwettern und Tornados zu beschäftigen.

Du betreust auf Facebook die Seite "UWWD Rohrbach". Was ist das genau?
Den UWWD Rohrbach habe ich selber ins Leben gerufen. UWWD steht als Abkürzung für UnWetterWarnDienst. Dieser entstand aus der Idee, nicht mehr wie viele meiner Kollegen in Österreich und sogar in ganz Mitteleuropa schweren Gewitterzellen nachzujagen, sondern regional das Wettergeschehen im Auge zu behalten.

Was ist die Aufgabe der regionalen Unwetterwarndienste?
Wir sind keine Laien in Sachen Unwetter, sondern ein von Meteorologen speziell ausgebildetes Team von Sturmjägern. Unsere Aufgabe besteht darin, Gewitter, die Unwetterpotential entwickeln können, noch bevor sie die gefährdete Region treffen, zu beobachten und einzuschätzen, um dann die Bevölkerung davor zu warnen. Wir sind quasi die Augen der Wetterdienste am Boden. Durch unsere Sichtungen und Meldungen an die staatlichen Wetterdienste kann die Intensivität einer Gewitterzelle noch besser eingeschätzt werden. Auch wir selbst schreiben Warnungen in unsere Social Media Seiten, um die Bevölkerung noch schneller informieren zu können. Nachdem ein Unwetter abgezogen ist, sind wir auch meistens die ersten, die auf den Straßen vor umgestürzten Bäumen oder Vermurungen zu stehen kommen. Unterstützend zu den Einsatzkräften der Feuerwehr, schneiden auch wir mit unseren mitgeführten Motorsägen die Straßen frei oder helfen Flutopfern bei den Aufräumarbeiten.

Was reizt dich an der Gewitterjagd?
Es ist spannend, wenn man erlebt, wie sich jede einzelne Gewitterzelle entwickelt, wo sie hinzieht und welche "Gesichter" und Wolkenformen sie uns zeigt. Ob man vielleicht sogar einen Tornado von der Geburt bis hin zum Bodenkontakt erleben wird … Wer den Hollywood-Blockbuster „Twister“ von 1996 gesehen hat, kann sich vorstellen, wie es auch bei uns im echten Leben abgeht. Action, Spannung aber auch viel Leid und Schäden erlebt man dabei.

Ist es nicht auch gefährlich, Blitze, Stürme und Unwetter im Freien zu dokumentieren?
Ja, es ist sehr wohl sehr gefährlich. Doch wir Sturmjäger sind gut ausgebildet, um die Gefahren frühzeitig abschätzen zu können und ergreifen die Flucht, bevor es zu gefährlich wird. Dabei behalten wir stets unser Niederschlagsradar und die Blitzortungssysteme im Auge. Vor Blitzen ist man im Auto, dem sogenannten Faradayschen Käfig, am sichersten. Sobald wir vor einem annähernden Gewitter eine günstige Beobachtungsstelle bezogen haben, informieren wir uns über die Standorte nächstgelegener Tankstellen, um im Ernstfall vor großem Hagel Unterschlupf zu finden.

Wie reagiert dein Umfeld auf dein Hobby?
Wie bei jedem Ehrenamt gibt es welche, die nicht nachvollziehen können, warum man Zeit und Geld in etwas investiert, womit kein Geld verdient wird. Dann gibt es aber auch die Anderen, die so fasziniert sind, dass sie sich sogar ihrer Angst vor Gewittern stellen und durch unsere Informationen und Erlebnisse ihre Angst bekämpfen konnten und heute wertvolle Informanten für uns und den Wetterdienst wurden.

Wie viele Unwetter hast du geschätzt schon dokumentiert? Gibt es Erlebnisse, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Schätzen kann ich da nicht mehr. Viele, sehr viele … Die, die schwere Verwüstungen und Schäden anrichteten, waren zum Glück noch überschaubar. Erlebt habe ich etwa einen entstehenden Tornado aus einer rotierenden Superzelle im Jahr 2013 in Waizenkirchen. Ein paar Jahre später ließ ich mich in Altenfelden auf einem Feldweg von einer Gewitterzelle überrollen, um die Windgeschwindigkeit messen zu können. Sturmböen mit 123 km/h und ein Blitzeinschlag 50 Meter vor mir ließen mein Auto vibrieren und schaukeln. Infolgedessen mussten ein Kollege und ich samt der Feuerwehr die Straße vom Tierpark bis Altenfelden wieder frei machen, die durch umgestürzte Bäume versperrt war. Aber die schlimmsten Unwetter, die ich dokumentiert und vor ihrer Vernichtung des halben Mühlviertels beobachten konnte, waren die vom heurigen 24. und 29. Juni.
Solche Ausmaße an entstandenen Schäden in unseren Breitengraden waren selbst unserer älteren Generation nicht in Erinnnerung. Diese Tage gingen in die Geschichte einiger Gemeinden ein.

Du hast mehrfach von Tornados gesprochen. Da denkt man eigentlich eher an Amerika ...
Tornados sind auch bei uns im Bezirk Rohrbach keine Seltenheit. Meist sind sie jedoch kurzlebig. Erkennen kann man sie bei uns aufgrund des hügeligen Geländes, das einem die Sicht versperrt, erst am Schadensmuster, das sie hinterlassen. Jener Tornado, der kürzlich in Tschechien eine gesamte Ortschaft in Schutt legte, hätte an diesem Tag jederzeit in der Region von Bayern, Oberösterreich und Niederösterreich sein Unwesen treiben können. An diesem Tag wurde vom Europäischen Wetterdienst die höchste Warnstufe für Superzellen ausgerufen. Superzellen sind die schwerste Form einer Gewitterzelle, in der sich Tornados bilden, großer Hagel, dazu sintflutartiger Starkregen und eine gefährliche Blitzshow.

Was sollte man als Laie beachten, wenn man beeindruckende Wetterereignisse beobachten oder fotografieren will?
Laien empfehlen wir ganz besonders bei Aufzug einer Gewitterfront, am besten zu Hause zu bleiben und von dort zu beobachten und zu fotografieren. Trotz der heutigen Wetter- und Radar-Apps am Handy kann keiner die Gefahren einschätzen, vor denen auch keine Smartphone-App warnen kann. Vor allem, wenn Blitze schon sehr nah einschlagen, sollte man überhaupt kein Risiko eingehen. Auf keinen Fall sollte man mit dem Auto noch spazieren fahren. Und falls man doch noch unterwegs sein sollte, und man auf ein Gewitter zufährt, gilt es, Waldstücke unbedingt zu meiden. Am besten ist es, eine überdachte Tankstelle aufzusuchen und das Gewitter abzuwarten. Auf der Straße wird's besonders gefährlich, da durch plötzliche Abwinde eines Gewitters Bäume umstürzen können, großer Hagel die Scheiben zerschmettern kann oder Aquaplaninggefahr herrscht, da man die Wassermassen auf Straßen nicht erkennen kann.

Das Beobachten und Fotografieren von Unwettern birgt auch Gefahren. Nicht selten müssen sich die Stormchaser vor großen Hagelkörner, Blitzen und Starkregen in Sicherheit bringen. Die Sturmjäger sind jedoch gut ausgebildet und wissen, wann es zu gefährlich wird.
  • Das Beobachten und Fotografieren von Unwettern birgt auch Gefahren. Nicht selten müssen sich die Stormchaser vor großen Hagelkörner, Blitzen und Starkregen in Sicherheit bringen. Die Sturmjäger sind jedoch gut ausgebildet und wissen, wann es zu gefährlich wird.
  • Foto: UWWD Rohrbach
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Stormchaser appelliert

Thomas Gierlinger vom UWWD Rohrbach appelliert vor allem an die Vernunft der Bevölkerung:

  • Vermeidet Autofahrten während eines Gewitters!
  • Vor allem Schaulustige, bleibt zu Hause! Man begibt sich selbst, andere und Einsatzkräfte in Lebensgefahr!!
  • Und wenn man schon unbedingt meint, Opfern eines Unwetters beim Aufräumen zusehen zu müssen, steckt eure Handys ein und helft mit!!

Hilfe für Flutopfer

Durch die Einsätze der vergangenen Woche haben Gierlinger und seine Kollegen mitbekommen, wie lange viele Flutopfer oft auf die Feuerwehr warten müssen, weil diese meist sehr viele Einsätze auf einmal haben. Das hat den UWWD Rohrbach auf eine neue Idee gebracht: "Es gibt seit einigen Jahren die sogenannte "Flutbox". Diese besteht aus einer Kiste mit einer Tauchpumpe und einem Feuerwehrschlauch. Da wir sowieso in den betroffenen Regionen im Einsatz sind, könnten wir einige solcher Flutboxen an die Opfer verleihen, um zumindest die Schäden einzudämmen und so gering wie möglich zu halten. Damit würden wir unterstützend zur Feuerwehr arbeiten." Für die Anschaffung der Pumpen wären allerdings Sponsoren nötig. Um die Ausgabe und Abholung der Geräte würde sich der UWWD Rohrbach kümmern.

Sponsoren, bereit wären, solche Flutboxen zur Verfügung zu stellen, können Kontakt aufnehmen unter unwetterwarndienst@gmail.com


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