Kommentar
Der Sack Reis in China

Christian Marold
RZ-Chefredakteur

Der berühmte Sack Reis in China ist zum Symbolbild dafür geworden, dass etwas völlig Unwichtiges und Banales passiert ist und dies teilweise auch noch medial gepusht wurde. Hier ein sehr einfaches Beispiel: Die Sonne geht derzeit etwa zehn Minuten später auf als noch vor drei Wochen. Als Vergleich sagt man dann oft: „Und in China ist gerade ein Sack Reis umgefallen.“ Dies verwendet man also, wenn etwas völlig unwichtig erscheint. Eine Information ohne wirklichen Mehrwert.

Warum ist aber der Sack Reis in China derzeit doch recht interessant? Es hat etwas mit der Globalisierung zu tun. Mit dem weltweiten Handel, der Produktion und ganz ausschlaggebend mit der Abhängigkeit von China. Nach den vielen Lockdowns und Abriegelungen von der Außenwelt im letzten Jahr und teilweise noch Anfang 2021 sind einige große Häfen in China nach wie vor überfüllt mit bestellten Waren und Rohstoffen. Diese liegen zwar bereit, aber die Containerschiffe weltweit können diese Ware nicht so schnell abholen und zuliefern. Das ist eine Kettenreaktion, die sich global ausgewirkt hat und noch anhält. Manche Großkonzerne müssen zwangsweise in Kurzarbeit, nicht weil die Aufträge fehlen, sondern Einzelteile für die Gesamtproduktion. Das spüren auch Vorarlberger Unternehmen.

China ist einer der größten Chip-Hersteller und die elektronischen Endgeräte benötigen immer mehr und immer leistungsstärkere Computerchips. Durch den aktuellen Handelsstreit zwischen China und den USA kommt es zu enormen Engpässen und so mussten viele Konzerne, die von der Chipzulieferung abhängig sind, Produktionsstätten schließen. Der Bau alternativer Werke in anderen Ländern dauert oft zu lange, da ein Werk für die Chipproduktion die höchsten Anforderungen erfüllen muss, damit später bei der Chipproduktion alles steril abläuft. Ein komplexes Unterfangen und vor allem zeit- und kostenaufwendig.

China möchte in den kommenden Jahren den Anteil an Kohlekraftwerken stark reduzieren. Erneuerbare Energiequellen sollen die Alternative werden. Das Problem, das dabei entsteht, ist der enorme Energiebedarf, den die Chinesen für das alltägliche Leben und die industrielle Produktion benötigen. Dabei entstehen jetzt schon sogenannte Energielöcher - besser bekannt als Blackouts. Gibt es solche, dann steht erst einmal alles still. Und wieder entstehen Kettenreaktionen.

In den USA machen sich viele schon Sorgen um ihre berühmten Black Fridays und das bevorstehende Weihnachtsgeschäft. Da wir in Europa solche amerikanischen Verkaufstraditionen wie den Black Friday blind übernommen haben, kann es auch bei uns zu eingeschränkten Spitzen-Schnäppchen-Angeboten kommen. Was für eine Katastrophe!

Nein, richten wir den Blick wieder nach China. Wir müssten und sollten noch mehr aus der Pandemie-Krise lernen. Eine zu große Abhängigkeit von anderen Ländern kann dem Wirtschaftsstandort Vorarlberg und der gesamten EU als wirtschaftlicher Einheit langfristig mehr schaden als helfen. Perspektivisch gesehen sollten wir also darauf achten, dass wir eine stabile Lieferkette innerhalb der EU etablieren und weniger auf Gewinnmaximierung durch Billigimporte schielen. Dieses Thema ist wahrlich nicht neu, aber wie in vielen anderen Bereichen hat die Pandemie uns gezeigt, dass, wenn eine Abhängigkeit besteht und diese nicht oder nur wenig steuerbar ist, dann wackeln gleich mehrere sicher geglaubte wirtschaftliche Existenzen im eigenen Land.

Wenn also das Kind völlig enttäuscht unterm Weihnachtsbaum hochblickt, weil es keine Barbiepuppe oder keine neue Playstation gibt, dann wird plötzlich der Sack Reis in China zum Problem.

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