09.09.2016, 15:26 Uhr

Aufreger: Karlskirche droht 1970er-Flair

Visualisierung: So sieht der Siegerentwurf des Architekturbüros Henke Schreieck aus. (Foto: Zürich Versicherungs-AG)

Das Winterthur-Gebäude neben der Karlskirche soll um zehn Meter aufgestockt werden. Die Wogen der Kritik gehen hoch, doch ist der Entwurf weder fixiert noch die für den Umbau erforderliche Änderung des Flächenwidmungsplanes beschlossen

WIEDEN. Der Büroklotz aus den frühen 1970er Jahren in der Mattiellistraße 2-4 ist definitiv kein Baujuwel. Verstärkt wird diese Optik noch durch den Gegensatz der barocken Karlskirche nebenan - eine der schönsten Kirchen der Stadt und Touristenmagnet. Bisher kann das Winterthur-Gebäude beim Betrachten der Kirche noch ausgeblendet werden, da es trotz aller Nüchternheit recht unauffällig und niedrig hinter Bäumen versteckt ist. Noch - denn nun wird ein Aufstocken des Hauses, das sich seit 14 Jahren in den Händen der Zürich-Versicherungs-Aktiengesellschaft befindet, um zwei Geschosse beantragt. Ein Vorhaben, das auf breite Kritik stößt.

So tobt etwa Johannes Pasquali, Klubobmann der ÖVP Wieden, dass die Karlskirche einen weiteren, ungewollten Seitenturm bekommen würde. Auch den geringen Abstand zur Kirche von drei Metern kritisiert Pasquali. Eine Kritik, die man im Büro der zuständigen Stadträtin Maria Vassilakou in dieser Form nicht gelten lässt. "Für den Entwurf wurde der Platz gesamtheitlich beachtet", so Vassilakou-Sprecher Patrik-Paul Volf zur bz. "Es gab einen Wettbewerb mit einer hochkarätig besetzten Fachjury, bei der auch die Stadt vertreten war. Der Entwurf des Architekturbüros Henke Schreieck ging als Sieger hervor."

Umbau nicht fix

Die Umsetzung dieses Entwurfes ist jedoch nicht fix, da für die Aufstockung um rund zehn Meter erst eine Änderung der Flächenwidmung im Gemeinderat beschlossen werden muss. "Der Antrag wird im Herbst in den Gemeinderat eingebracht." Ob der Plan Aussicht auf Verwirklichung hat, darüber möchte Volf nicht spekulieren. "Tatsache ist aber, dass man sich den Platz selbstverständlich aus der städtebaulichen Perspektive angesehen hat. Das Ensemble rechts von der Karlskirche ist auch recht hoch, und das Winterthur-Gebäude wäre auch nach der Aufstockung niedriger als die Karlskirche."

Persönlich hat Volf Verständnis für die Kritik. "Jedes Architekturprojekt hat Streitpotenzial, das birgt die Architektur in sich. Das Gebäude war nie unumstritten, deshalb wäre eine Umgestaltung ein Gewinn." Ein Gewinn für die Optik des Platzes ist auch die Umgestaltung des Wien Museums, das sich auf der anderen Seite des Winterthur-Gebäudes befindet. Derzeit ist das Museum noch durch eine Brücke mit dem Haus der Versicherung verbunden, die im Zuge des Umbaus abgebrochen wird. "Es werden zwei solitäre Gebäude geschaffen, die beide in Abstimmung neu gestaltet werden", so Volf.

Eine gestalterische Gesamtlösung des Platzes begrüßt auch der Direktor des Wien Museums, Matti Bunzl. "Der Entwurf von Henke Schreieck ist ein äußert gelungener Vorschlag, um die seit Jahren extrem unbefriedigende Situation endlich zu verbessern", so Bunzl. Über die kritische Diskussion rund um den Entwurf wundert sich der Direktor wenig: "Dass in einer derart sensiblen Zone wie dem Karlsplatz jede architektonische Intervention besonders kritisch diskutiert wird, liegt in der Natur der Sache. Tatsache ist: Der Karlsplatz ist auf dieser Seite enorm heruntergekommen – und wir haben jetzt endlich die Chance, ihn zu einem wirklichen Zentrum urbanen Lebens zu machen.“

Bauausschuss tagt nächste Woche

Dass eine Neugestaltung dem Platz gut tun würde, streitet auch Bezirksvorsteher Leo Plasch nicht ab. "Ich stehe den Plänen offen gegenüber, habe sie aber erst einmal gesehen und zur Kenntnis genommen", so der SPÖ-Politiker. Zur Kenntnis genommen heißt jedoch nicht abgesegnet: Die Pläne werden Plasch und den Bezirksparteien von der Zürich-Versicherung detailiert bei einem Bauausschuss diese Woche vorgestellt. Danach wird der Entwurf im Bauausschuss des Bezirks diskutiert. Für Plasch ist die Kritik nicht unberechtigt. "Man muss mit Kritik leben können. Wenn eine Mehrheit im Bauausschuss gegen das Projekt ist - also sieben von dreizehn Stimmen dagegen - werde ich mich mit der Stimme des Bauausschusses bei der Stadt melden", so Plasch.

Ob seine Stimme allerdings bei der Stadt Gehör findet, ist ungewiss. Der Bezirk kann Bedenken melden und Argumente gegen ein Bauprojekt vorbringen, hat aber bei übergeordneten Projekten kein Mitspracherecht. Für den Bezirkschef ist die Umsetzung des Entwurfes nicht fix. "Jetzt wird der Plan einmal vorgestellt und dann diskutiert. Ich gehe davon aus, dass das Projekt noch nicht gegessen ist."
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