12.02.2018, 16:03 Uhr

LESERBRIEF: Wie entsteht ein Amoklauf?

Zu "Amoklauf wegen Leberkässemmel"

Die Gemüter sind erhitzt: Jemand ist wegen einer Leberkässemmel ausgerastet. Dass dieser Mensch psychisch krank ist, stimmt mit Sicherheit, dieses kleine Detail hätte sonst auch in der letzten Zeile diverser Artikel keine Erwähnung gefunden.

Psychische Erkrankungen sind zweifellos im Vormarsch und man kann überall nachlesen, dass es verdammt hartnäckige davon gibt. Auch solche mit nur ganz geringen Aussichten auf Heilung, die einen schon im jungen Erwachsenenalter ereilen, unter anderem auch mit so massiven Wahrnehmungsstörungen, die sich ein Gesunder gar nicht vorstellen kann …

Betroffene Menschen – nennen wir sie Kranke, denn das sind sie die längste Zeit ihres Lebens – sind in manchen Lebensabschnitten Patienten oder Arbeitssuchende, aber was sie ganz sicher nicht sind: Beschäftigungslose. Zwischen ihren Zusammenbrüchen, wenn sie nach Monaten mit Krankenhausaufenthalten und Therapie wieder als arbeitsfähig eingestuft werden, sind die meisten verzweifelt auf Jobsuche – krank zu sein ist teuer. Das heißt Bewerbungen schreiben ohne Ende, mit dem Wissen, dass sie die Arbeit wohl kaum schaffen werden, sollte es überhaupt zu einem erfolgreichen Bewerbungsgespräch kommen. Firmen wollen sich im Allgemeinen keine Arbeitskräfte leisten, die nicht voll belastbar sind. Medikamente helfen zwar, die Krankheit in Schach zu halten, aber die Nebenwirkungen machen müde und träge, Konzentration auf eine Sache ist kaum möglich.

Es gibt sie noch: Soziale Unternehmer, die einem psychisch Kranken eine Chance geben. Die Freude ist groß, gleichzeitig entsteht ein neues Dilemma. Jeder weiß, wie schwer der Arbeitsplatz ohne Auto zu erreichen ist. Chronischer Geldmangel verhindert einen Autokauf, aber es muss ja sein, die Arbeit ist jetzt überlebenswichtig. Und ein 20 Jahre altes Modell tut es auch. Vielleicht sind ja noch ein, zwei Freunde übriggeblieben, die helfen wollen.

Alles scheint wunderbar zu laufen. Bis der Kranke merkt, dass es ihm besser geht. Er ist nicht mehr so müde, er ist ausgeglichener und unternehmungslustig und ihm fällt ein, dass er schon länger keine Medikamente genommen hat. Gehört er vielleicht wirklich zu den wenigen Prozent der Patienten, die auf Heilung hoffen dürfen?

Es geht ihm gut, er braucht die Medikamente nicht mehr. Längst hat – von ihm unbemerkt – wieder die Krankheit die Oberhand und er ist immer weniger Herr seiner Sinne. Der nächste Zusammenbruch bahnt sich an, zunächst nur schleichend, aber es gibt durchaus auch aggressive Stimmungen.

Und jetzt wieder zum Leberkässemmel-Fall: Der Kranke war anscheinend amtsbekannt. Er ist im Vorfeld schon auffällig geworden, Ausländerprobleme, Sachbeschädigung, was auch immer, es gab durchaus auch Anzeigen.

Der Kranke selbst ist uneinsichtig was seine Krankheit betrifft. Arzt und Krankenhaus sind die Hände gebunden, sie dürfen gegen den Willen eines Patienten nicht behandeln. Der Polizei sind die Hände gebunden: „Es ist ja nichts passiert“. Ist es wirklich so, dass man warten muss, bis Menschen in Gefahr sind und hoffen muss, dass genau dann ein couragierter Bürger zur Stelle ist und hilft, Schlimmeres zu verhindern?

Sollte man von der Polizei in derart offensichtlichen Situationen nicht erwarten dürfen, dass sie schon früher aktiv wird? Muss unbedingt nach Vorschrift gehandelt und abgewartet werden, wenn amtsbekannte Kranke wiederholt auffällig werden? Ein bisschen Eigeninitiative der Polizei hätte diesen und bestimmt noch so manch anderen Vorfall mit Sicherheit verhindern können.

Leserbrief von Anna M. Feirer

Zur Hintergrundgeschichte:
https://www.meinbezirk.at/braunau/lokales/kein-gel...
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