09.09.2016, 22:32 Uhr

Auf dem Weg nach Rom - die Mühen der Po-Ebene

Kurz vor Padua. Es gibt Tage, da kommt genau das, was man weiß, aber nicht will, dass es irgendwann kommen wird: Geschlossene Herbergen verlängern die Etappen, viel Asphalt, verbunden mit fast hautnahem Schwerverkehr, Laster rollen an dir ein bisschen zu nahe vorbei, und die Sonne zeigt noch einmal die ganze Kraft. Gut, Sonne ist immer besser als Regen. Dann - endlose Geraden. Mit dem heutigen Tag haben die Mühen der Poebene begonnen. Zuvor hat die Etappe so wunderschön begonnen, entlang der Brenta, die ein kleines Stück auch Grenzfluss in der österreichisch-ungarischen Monarchie war. Würde auch heute noch gut zu uns passen ;). Ein wunderschön schattiger Pfad. Noch einmal ein einladendes Tal mit Wiesen, ein sattes Grün, Obst und Wein. Das Wasser gibt der Luft Frische. Mit Bassano del Grappa endet abrupt das Tal und alles, was einem Schatten gönnt. Entlang von zahlreichen Bewässerungskanälen wurden offensichtlich die Straßen errichtet. Einen Kilometer gerade aus, dann rechts und wieder einen Kilometer, dann links und wieder wie gehabt. So geht das beinahe in Endlosschleife, manchmal geht man auch zwei Kilometer ohne Richtungsänderung.
Gerade bei der gestrigen Etappe, die dann unfreiwillig statt 26 Kilometer 40 betragen hat, bis ich ein Quartier gefunden habe, war ich stark mit Licht und Schatten beschäftigt. Am Morgen zu gehen, ist immer ein besonderes Schauspiel: Licht und Schatten, beide nähren sich gegenseitig, das eine gibt's ohne das andere nicht. Erst der Schatten gibt dem Licht die Konturen, das Gesicht. Wenn die Sonne frühmorgens als Streiflicht den Tag anbrechen und jeden Grashalm glänzen und glitzern lässt, und die Halme längere Schatten geben, als sie groß sind, wenn dazu die Frische des vollen Atems dem Leben ganz klare Klarheit gibt, dann stehst du da, vor dir dein eigener Schatten, ewig lang und all die Gegensätze, die gestern noch gekämpft haben, werden eins. Da sind die Länge der Etappe und der kommende Asphalt samt Verkehrslärm völlig nebensächlich. Nein, er muss kommen, damit das eine wirken kann. Licht und Schatten gehören zusammen. Definitiv. Und im Gehen merke ich, dass für mich als Pilger Glauben und Suchen genauso zusammengehören. Ich kann nicht einfach nur sagen: Ich glaube an Gott und pasta, nein, hinter dem Glauben ist immer ein Suchen, ein Suchen nach Licht, ein Suchen nach Leben. Glauben und Suchen sind wie Schwester und Bruder. Papst Franziskus hat letzten Sonntag Mutter Theresa heilig gesprochen und diese Heligsprechung als den Höhepunkt im Jahr der Barmherzigkeit bezeichnet. Sie war eine Frau, die aus dem Glauben heraus den Ärmsten unter den Armen Würde gegeben hat. Und sie selbst war als Glaubende immer wieder getrieben von einer Gottesfinsternis. Ich denke, der Glaube lebt vom Suchen. Wer zu suchen aufgehört hat, hat zu glauben aufgehört. Licht und Schatten, Glauben und Suchen: Sehr beeindruckend erlebe ich dieses Wechselspiel in den Kirchen, die ich besuche. Im Vorbeigehen lasse ich keine aus, so sie offen sind. Ein kurzes Gebet, ein Denken und Beten für Menschen, die mir nahe sind, für die ich auch ein bisschen Verantwortung in der Schule habe. Oft gehe ich im grellen Licht in eine Kirche, und dort wird es so angenehm kühl, und das Licht, das durch die Fenster kommt, schenkt eine eigene Stimmung, eine Stimmung, die mich zur Besinnung bringt. Und hin und wieder merke ich, dass man sich umdrehen muss, nach hinten schauen muss, um das Licht zu sehen. In der mystischen und geschichtsträchtigen Kathedrale von Trient kommt das Licht am frühen Abend durch die Rosette, unter der eine der unzähligen heiligen Pforten in diesem heiligen Jahr der Barmherzigkeit ist. Hin und wieder muss man sich umdrehen und zurückschauen. Irgendwo ist das Licht.
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