Literaturland Kärnten 2019
Bachmannwettbewerb 2019 - 8 Fragen an Walter Pobaschnig, Literaturexperte aus Kärnten.
- Walter Pobaschnig, Literaturexperte, Literaturliebhaber. Selbstporträt.
- Foto: Walter Pobaschnig
- hochgeladen von Christine Trapp
Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2019, auch als „Bachmannwettbewerb“ bekannt, sind vorbei und es ist Zeit für eine Nachlese aus Kärntner Sicht. Den Beginn macht ein Interview mit einem ganz großen Kenner und Liebhaber der deutschsprachigen Literatur Walter Pobaschnig, gebürtig und aufgewachsen in Feldkirchen in Kärnten, mit festen Wohnsitz und Arbeitsplatz in Wien, der in den vergangenen Tagen ausführlich von den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ berichtet hat, es folgt einige Tage später ein Interview mit Julia Jost, ebenfalls in Feldkirchen in Kärnten aufgewachsen, jetzt aber mit Wohnsitz und Arbeitsplatz in Hamburg, die beim Bachmannwettbewerb den wichtigen Kelag-Preis für ihren Text „Unweit vom Schakaltal“ ausgezeichnet wurde.
Ein starker Auftritt für die deutschsprachige Literatur aus Kärnten Mitte (!) aus einer Kleinstadt, die kulturell oft belächelt im „Windschatten“ von Klagenfurt und Villach ist, denn wie wir alle als ‚gelernte Kärntner‘ wissen, zählt in Ktn. nur was aus Klagenfurt und Villach kommt (!). Dass beide das Weite gesucht haben ist bekannt, wie sagte der große Malcolm Mitchell Young von AC/DC so treffen: leave your village! (Verlasse dein Dorf!)
In diesem Sinn, ganz liebe Grüsse aus dem fernen Los Angeles und gute Unterhaltung mit einem Interview über 10.000 Kilometer hinweg mit meinem Gesprächspartner im schönen Kärnten, Eure Tini Trapp.
Am Wort ist Walter Pobaschnig, ein Literaturliebhaber:
Christine Trapp/Woche: Hi, Walter Pobaschnig, Du hast in den letzten Tagen sehr ausführlich über die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ im Netz berichtet, weiters betreibst du den Blog „Literatur outdoors – Worte sind Wege“ zu Neuerscheinungen von meistens österreichischen Autorinnen/Autoren. Du bist aus Feldkirchen/Ktn. und lebst jetzt in Wien. Kannst Du dich bitte für unsere Leser vorstellen:
Walter Pobaschnig: Hi, Tini! Ich bin in Feldkirchen/Ktn. geboren und aufgewachsen. Lebe und arbeite jetzt in Wien. Bücher haben mich schon im Elternhaus wie in der Schule immer umgeben. Auch Kunst hatte dort eine sehr engagierte Präsenz seitens der PädagogInnen. Es gab ein Marionettentheater in der Volksschule und auch Filmvorführungen.
In meiner Lehrerausbildung an der damaligen PÄDAK Klagenfurt (Deutsch/Geschichte) vertiefte ich mein Kunstinteresse. Es wurde damals schon sehr aktiv mit Kamerafeedback gearbeitet und auch innovative Schwerpunkte, etwa in der Fotografie, gesetzt. Ich habe dann Studien der Psychologie/Philosophie und evangelischen Theologie/Religionspädagogik in Klagenfurt und Wien an- und abgeschlossen und bin seit 25 Jahren in Wien in diesen Fächern an höheren Schulen als Professor tätig. Parallel zu meiner pädagogischen Tätigkeit habe ich verstärkt in Printmedien, etwa für den Evangelischen Pressedienst Österreich, zu Kunst und Kultur berichtet. Ich wurde dann auf die Möglichkeit eines Kulturblogs aufmerksam gemacht und bin dann vor fünf Jahren mit großem Engagement gestartet. Und die Begeisterung hält an.
Christine Trapp/Woche: Du kommst aus Feldkirchen/Ktn, nicht gerade der Hotspot für Literatur in Ktn. Wann wurde Dein Interesse zum Lesen geweckt, bzw. wie wurde es gefördert:
Walter Pobaschnig: Feldkirchen ist literarisch nicht zu unterschätzen. Die aktuelle Kelag Preisträgerin der Literaturtage in Klagenfurt, Julia Jost, kommt ja aus Feldkirchen. Ebenso hat Maja Haderlap, Bachmannpreisträgerin 2011, Ferientage als Kind in Feldkirchen verbracht und auch diese Erlebnisse in ihr Schreiben einfließen lassen. Und auch der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein, wie ich im Amthofmuseum der Stadt gelernt habe, war vor Ort. Es gibt also schon kräftige literarische Spuren wie auch neue Wege hier, wie natürlich in Kärnten an sich.
Ebenso gab und gibt es in Feldkirchen eine umfangreiche Stadtbibliothek. Das war für mich immer ein besonderer Lesetreffpunkt. Erste Bücher, die ich da verschlungen habe, waren griechische Heldensagen von Auguste Lechner. Auch das Kärntner Burgen- Schlösserbuch von Valvasor war ein Anziehungspunkt für mich. Es war auch von der Architektur her ein besonderer Ort. Ein Langhaus mit Tonnengewölbe, das etwas sehr respektvolles, fast mystisches ausstrahlte. Der Zauber eines Buches war zu spüren. Die Leihgebühr betrug damals übrigens für ein Buch einen Schilling. Das war in den 1970er Jahren.
In der Hauptschule wurde ebenso kreatives Schreiben gefördert, im Oberstufengymnasium gab es eine Theater- und Kabarettgruppe. Literatur, Kunst war also in vielem präsent und da liegen wohl die Wurzeln für mein Interesse.
Christine Trapp/Woche: Wann hast Du dich entschieden, dich selbst so intensiv mit der Literatur zu befassen, dass du über Texte, Bücher, Autorinnen und Autoren schreibst:
Walter Pobaschnig: Das hat sich immer parallel von privatem Interesse und pädagogischer Berufstätigkeit entwickelt und vertieft. An der Universität habe ich Abschlussarbeiten zu Georg Trakl und Christine Lavant verfasst und dann darüber auch in der Evangelischen Kirchenzeitung Österreich SAAT geschrieben. Zuerst jeweils zu besonderen biographischen Gedenktagen oder Ereignissen. Dann kamen Buchbesprechungen hinzu und der Platz wurde dann redaktionell natürlich enger. Die Möglichkeiten der digitalen Präsentation haben dann auch da neue Türen und Wege geöffnet. Es ist eine Freiheit, welche der Printbereich in dieser umfassenden wie individuellen Form nicht so bieten kann.
Christine Trapp/Woche: Dein besonders Interesse gilt Ingeborg Bachmann, die Du, ich will es einmal unterstellen, besonders verehrst. Du organisierst z.B. auch eine literarische Spurensuche der Bachmann und machst mit den Teilnehmern einen Spanziergang durch Klagenfurt, nach dem Text „Drei Wege zum See“. Wann und wodurch wurde deine Begeisterung für Ingeborg Bachmann und ihre Texte geweckt:
Walter Pobaschnig: entfernte Verwandte wohnte in Klagenfurt um die Ecke zum Elternhaus von Ingeborg Bachmann. Da wurde auch über die Schriftstellerin gesprochen. Auch in den Zeitungen gab es viele Berichte. Ich war damals noch sehr jung, aber das Besondere der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann war schon zu spüren. Da liegen wohl die Wurzeln, die sich im späteren Lesen weiterentwickelten und eben auch in Gesprächen und Projektideen fortsetzten. Die szenische Wanderung „Drei Wege zum See“, in der wir Leben- und Erzählspuren der Dichterin in Klagenfurt folgen, ist seit 2015 ein Fixpunkt im Rahmenprogramm des Bachmannpreises. Das freut uns sehr und es gibt auch internationales Interesse.
Christine Trapp/Woche: Ingeborg Bachmann wäre heuer 93 Jahre alt, sie könnte durchaus deine Großmutter sein. Wieso gibt es Deiner Meinung nach diese große Verehrung gegenüber ihren Texten und an Ingeborg Bachmann, die, zumindest in Österreich, zur Kultfigur stilisiert worden ist?
Walter Pobaschnig: Ingeborg Bachmanns Schreiben hat immer einen Anspruch. Es geht um Individualität und Freiheit. Um Wahrheit und Menschenrecht in allen Lebensbereichen. Ihr Schreiben umgreift da Generationen im Erkennen, und Einstehen für Wahrheit wie auch im Festhalten von Hoffnung und Utopie. Die Dichterin ist zu Recht eine „Kultfigur“, wenn es darum geht Schein und Sein in der Gesellschaft zu unterscheiden und zu benennen. Sie ist eine der besten und wird es immer bleiben.
Christine Trapp/Woche: Wenn man den Bachmannwettbewerb von außen verfolgte, ich bin in Los Angeles, hatte man den Eindruck, dass hier in erster Linie Autorinnen/Autoren mit einem akademischen Zugang zur Literatur lasen. Alles klang schwer nach „Schreibschule“, perfekt formuliert, Wortakrobatik, fabulieren um zu fabulieren, das Inhaltliche spielte kaum eine Rolle, wieso gibt es nicht mehr Texte zu handfesten Themen, wie Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Immigration, Klimawandel, Kapitalismus, die Jörg Haider-Jahre, Bankskandale, Neoliberalismus usw., (Zwei Texte gab es, der von Julia Jost und auch der von Birgit Birnbacher aus diesem Themenkreis):
Walter Pobaschnig: Die Texte waren insgesamt sehr abwechslungsreich, engagiert und spannend. Das Formbewusstsein spielt natürlich eine Rolle, aber es war auch viel an literarischem Experiment zu hören, etwa bei Ines Birkhan, Katharina Schultens oder auch Daniel Heitzler. Ebenso gab es Textmontagen, etwa bei Martin Beyer, die mutige Wege, nicht zuletzt im inhaltlichen Anspruch, gingen. Thematisch gab es eine große Bandbreite von Generationenfragen (Andrea Gerster), persönlichen Lebensentscheidungen (Yannic Han Biao Federer, Leander Fischer), Spurensuche in zeitgenössischer Kriegsgewalt (Ronya Othmann) bis hin zu existentieller Krise und Bewältigung (Tom Kummer). Julia Jost und Birgit Birnbacher stellten ebenso in ihren Texten wesentliche Fragen zu Gesellschaft, Geschichte und Gegenwart.
Für mich war es ein sehr kräftiges Aufzeigen der Kraft und der Aufmerksamkeit von moderner Literatur. Da ist eine Generation, von der noch sehr viel zu erwarten ist. Wir dürfen uns freuen und gespannt sein.
Christine Trapp/Woche: In Kärnten hat sich in den letzten Jahren sehr viel in der Literatur getan. Es gibt viele neue Autorinnen und Autoren, Gerald Eschenauer mit seinem Literaturverein Buch13 arbeitet unermüdlich an einer Erneuerung der Literatur im Land. Wie ist Dein Verhältnis zur neuen Literatur aus Ktn., besonders mit dem Blick von außen, aus der Distanz, da du als Kärntner in Wien lebst:
Walter Pobaschnig: Es gibt viele Initiativen und Treffpunkte in Kärnten, dies ist sehr zu begrüßen und anzuerkennen. Da ist viel Bewegung und Engagement von allen Seiten. SchriftstellerInnen und Schriftsteller aus Kärnten sind weit über die Grenzen präsent und geschätzt. Der online Bereich ermöglicht hier natürlich auch viel an Vernetzung.
Christine Trapp/Woche: Letzte Frage, wenn man sich so intensiv mit Literatur beschäftigt, wann kommt ein Buch von Dir?
Walter Pobaschnig: Ich wurde jetzt in Klagenfurt auf ein mögliches Buchprojekt zu Lebensorten von SchriftstellerInnen angesprochen. Eine schöne Resonanz zu meinen Fotoberichten dazu. Konkretes ist aber nicht geplant.
Ich bedanke mich für das Gespräch. Viel Erfolg für Dich und ich/wir freuen uns auf weitere interessante Neuigkeiten zur deutschsprachigen Literatur von Dir!
Christine Trapp, Los Angeles, USA
Ich danke Dir für das Gespräch und auch für Deine Berichte, Informationen und Engagement zu und für Kunst und Kultur!
Walter Pobaschnig, Feldkirchen/Wien
Link:
Blog von Walter Pobaschnig: Literatur outdoors – Worte sind Wege
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