Wenn der Kellner doppelt kassiert: Trinkgeld als Muss?

Michael Rauch gibt in der Regel Trinkgeld – doppelt will er sich jedoch nicht abkassieren lassen.
  • Michael Rauch gibt in der Regel Trinkgeld – doppelt will er sich jedoch nicht abkassieren lassen.
  • hochgeladen von Andreas Edler

INNERE STADT. Michael Rauch geht oft essen und gibt immer Trinkgeld – üblicherweise zehn Prozent. So auch an einem Abend im Mai, als sich Rauch im innerstädtischen Esterhazykeller gemeinsam mit seiner Frau ein Pfandl gönnte.
Beim Bezahlen verlangte der Kellner 44,60 Euro. Rauch erhöhte auf 48 Euro – im Vertrauen darauf, dass die Rechnung auch so stimme wie angekündigt.

Erst zu Hause warf der 77-Jährige einen Blick auf den Beleg und stellte erstaunt fest, dass bei den 44,60 Euro bereits vier Euro Trinkgeld eingerechnet wurden. Die eigentliche Rechnungssumme belief sich nämlich nur auf 40,60 Euro. "Der Kellner hat mich nicht darauf aufmerksam gemacht", sagt Rauch. "Wenn er etwas gesagt hätte, wäre das kein Thema gewesen." Er sei ja grundsätzlich bereit, zehn Prozent zu bezahlen. Aber die Trinkgeld-Politik im Esterhazykeller findet Rauch alles andere als fair. Detail am Rande: Rauch ist Wiener mit deutschem Akzent. Der Verdacht drängt sich auf, dass Touristen anders behandelt werden als Einheimische.

Trinkgeld muss freiwillig sein

Um Fairness geht es auch im Preisauszeichnungsgesetz. Das soll nämlich sicherstellen, dass der Gast im Voraus weiß, welcher Betrag auf ihn zukommt. "Da darf nichts überraschend dazugerechnet werden", sagt ein Sprecher der Wirtschaftskammer Wien. Mehr noch: Trinkgeld basiert auf absoluter Freiwilligkeit. Damit dieser Aufschlag steuerfrei bleibt, darf es weder Zwang noch einen Automatismus geben. "Wäre das Trinkgeld nicht freiwillig, so könnte es jedenfalls das Finanzamt interessieren", heißt es aus der Wirtschaftskammer. Man rate jedem Restaurant davon ab.

Kellner bereits gekündigt

Esterhazykeller-Chefin Monika Sagan weist die Vorwürfe zurück: "Das ist nicht üblich bei uns", sagt die Unternehmerin. Bei Gruppen würde manchmal das Trinkgeld automatisch einkalkuliert – sofern das so gewünscht sei. "Ich bin der Sache auf den Grund gegangen. Der betreffende Kellner ist aus verschiedenen Gründen am 25. Mai fristlos entlassen worden", sagt Sagan und spricht gleichzeitig eine Einladung für Michael Rauch aus: ein erneutes Essen plus Getränke auf Kosten des Hauses.

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