Fasten neu denken
Ersetzen statt verzichten – Ernährung zwischen Trends und Alltag
- Andrea Kastinger, Geschäftsführerin des Biobauernladens in Kirchdorf/Krems, und Allgemeinmediziner Herbert Bronnenmayer.
- Foto: Weymayer
- hochgeladen von Martina Weymayer
„Wir haben heute weniger ein Mangelproblem als ein Überangebot“, sagt der Micheldorfer Allgemeinmediziner Herbert Bronnenmayer – und meint damit unsere Teller. Rund um die Fastenzeit sieht er eine Gelegenheit, Gewohnheiten neu zu ordnen. Gemeinsam mit Andrea Kastinger vom BioBauernladen Kremstal zeigt er, wie Gesundheitsaufbau im Alltag gelingen kann.
KIRCHDORF/KREMS. Zu Beginn verweist Bronnenmayer auf die WHO-Definitionvon Gesundheit als körperliches, seelisches, soziales und ökologisches Wohlbefinden. „Nicht krank sein ist nicht automatisch gesund“, betont der Mediziner. „Gesundheit entsteht nicht erst in der Ordination. Sie entsteht im Alltag – vor allem über das, was wir täglich essen.“
In seiner ärztlichen Tätigkeit beobachtet er seit Jahren eine Zunahme ernährungsbedingter Beschwerden. „Wir haben heute weniger ein Mangelproblem als ein Überangebot an hochverarbeiteten Lebensmitteln. Dazu kommen große Mengen an schnell verfügbaren
Kohlenhydraten – etwa aus Weißmehlprodukten oder stark raffinierten Teigwaren. Auch das wirkt im Körper letztlich wie Zucker.“ Auch gängige Ernährungsnarrative hinterfragt Bronnenmayer. Traditionelle Fette wie Butter pauschal abzuwerten, greife zu kurz.
„Entscheidend ist nicht ein einzelner Nährstoff, sondern das gesamte Ernährungsmuster. Gesundheitsaufbau beginnt nicht mit Extremen, sondern mit ausgewogenen Gewohnheiten.“
Herbert Bronnenmayer
Der Darm als Schlüsselorgan
Auch die Rolle des Mikrobioms spielt für ihn eine wichtige Rolle. DerDarm sei weit mehr als ein Verdauungsschlauch, sondern ein eigenständiges System mit Einfluss auf Immunreaktionen,
Entzündungsprozesse und Stoffwechsel. Probleme entstünden häufig durch einseitige Ernährung und zu wenig pflanzliche Faserstoffe. Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte
bilden die Grundlage. Fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut oder Kefir könnten diese Basis sinnvoll ergänzen. Einzelne Präparate sieht er dagegen kritisch. „In einer Gabel rohem Sauerkraut sind mehr Bakterien als in einer ganzen Dose Probiotika.“
- Je farbiger ein Teller ist, desto breiter ist meist das Spektrum angesundheitsrelevanten Inhaltsstoffen.
- Foto: FBFH/fotokerschi/Markus Hauser
- hochgeladen von Martina Weymayer
Orientierung am „bunten Teller“
Als einfache Alltagshilfe empfiehlt Bronnenmayer Vielfalt über Farben.
• Blau und violett wie Heidelbeeren oder Auberginen stehen für Zellschutz, Gedächtnisleistung und gesundes Altern.
• Grüne Lebensmittel wie Brokkoli oder Blattgemüse liefern wichtige Pflanzenstoffe für Sehkraft, Knochen und das Immunsystem.
• Weiße Sorten wie Knoblauch, Zwiebeln oder Pilze werden mit Herzgesundheit und einem stabilen Cholesterinspiegel in Verbindung gebracht.
• Gelb-orange Lebensmittel wie Karotten, Zitrusfrüchte oder Kürbis unterstützen Immunsystem und Augengesundheit.
• Rote Lebensmittel wie Beeren, Tomaten oder rote Rübenstehen besonders für Herz- und Gefäßschutz.
Interesse an Ernährungsthemen wächst
Andrea Kastinger, Geschäftsführerin des BioBauernladens Kremstal in Kirchdorf und Vorstandsmitglied im Forum Biofachhandel, erlebt täglich, dass das Interesse an Ernährungsthemen wächst. „Die Menschen kommen mit sehr konkreten Fragen – etwa zur Darmgesundheit oder dazu, wie sie mehr Vielfalt in den Alltag bringen können.“ Beratung sei dabei zentral. „Oft geht es um einfache Schritte – saisonales Gemüse, traditionelle Zubereitungsformen oder fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut und Kimchi.“
Viele dieser Themen spiegelten sich auch auf der diesjährigen BIOFACH-Messe in Nürnberg wider.
„Auffällig war der Fokus aufFermentation, Darmgesundheit und natürliche Vielfalt. Gleichzeitig suchen viele nach nachvollziehbaren Lösungen statt nach immer neuen
Trends.“
Andrea Kastinger
Moralische Appelle verlieren an Wirkung
Gefragt sind greifbare Mehrwerte und persönliche Zugänge. „Es geht stärker um die Frage: Was bringt mir das ganz konkret?“ Auch inhaltlich verschiebt sich der Fokus: weg von „weniger schlecht“, hin zu regenerativen Ansätzen, die aktiv zur Gesundheit von Mensch und
Umwelt beitragen.
- Foto: FBFH/fotokerschi/Markus Hauser
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Organic Development Goals (ODGs)
Genau hier setzen die sogenannten Organic Development Goals (ODGs) an. Das Forum Biofachhandel hat dafür einen Rahmen entwickelt, der den Beitrag des Biofachhandels für Gesundheit, Umwelt und regionale Wirtschaft sichtbar machen soll. Andrea Kastinger
engagiert sich dort ehrenamtlich im Vorstand. Die 15 ODGs beschreiben Werte und Wirkungsbereiche entlang der gesamten Wirkungskette – von Gesundheit und Umwelt über soziale Aspekte bis hin zu regionaler Wertschöpfung. Der aktuelle Quartalsschwerpunkt „Gesundheit und Wohlbefinden“ stellt den Zusammenhang zwischen Ernährung, Lebensstil und Umwelt in den Mittelpunkt.
Über das Forum Biofachhandel
Neben großen Handelsketten mit Bio-Angeboten stehen unabhängige Biofachläden oft weniger im Rampenlicht. Das Forum Biofachhandel mit knapp 40 Mitgliedsbetrieben aus ganz Österreich versteht sich als Initiative, die dieser Branche eine gemeinsame Stimme geben möchte.
Nähere Infos finden Sie hier: https://www.forumbiofachhandel.at/
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