Blasmusik aus einer "anderen" Ecke betrachtet

Bernhard Sieberer ©privat
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Bernhard Sieberer wurde in Kitzbühel geboren. Er studierte Dirigieren bei Edgar Seipenbusch und besuchte Meisterkurse bei Sergiu Celibidache, Michael Gielen und bei Gustav Kuhn. 1986–1992 war er der musikalische Leiter des Europasommers in Fiecht. Aufführungen im Wiener Konzerthaus, Brucknerhaus Linz, beim Steirischen Herbst, bei den Salzburger Festspielen, den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck und den Tiroler Festspielen in Erl. Seine Arbeit mit verschiedenen Orchestern und Chören ist in zahlreichen CD-, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen dokumentiert. Er unterrichtet regelmäßig auf Kursen als Referent für Chorleitung und Dirigieren und war wiederholt der Leiter der zweijährigen Chorleiterausbildung des Tiroler Sängerbundes. Von 1995 bis 2001 war er bei den Salzburger Festspielen der musikalische Leiter der Bühnenmusik von Werner Pirchner zu Hugo von Hofmannsthals Jedermann am Salzburger Domplatz. 1990 bis 2008 leitete er den Kammerchor Collegium vocale Innsbruck und ist deren Leiter wiede seit 1990; ist ständiger Gastdirigent bei Jauna Muzika in Vilnius/Litauen und Kulturbeauftragter der Stadt Kufstein. 2008–2010 war er verantwortlich für nachhaltige musikalische Entwicklung in Sekem und in der Heliopolis Akademie in Kairo/Ägypten. Weiters leitete er 2010 das Cäcilienkonzert der Stadtmusikkapelle Kufstein als Gastdirigent.

FRAGE: Herr Sieberer, sie kommen eigentlich aus einer ganz anderen musikalischen Ecke. Warum neuerdings das Interesse an sinfonischer Blasmusik?
ANTWORT: Es gibt ja neben dem Interesse an der Musik in ihrer reinsten Form auch noch zahlreiche andere Aspekte, die zum Musizieren dazugehören. Pädagogische Ansätze, die Persönlichkeitsbildung beim Singen und Musizieren, soziale Gesichtspunkte… Das macht das Arbeiten mit einer Musikapelle sehr interessant. Und zudem gibt es einfach auch sehr gute Originalkompositionen und Arrangements für eine symphonische Besetzung mit Bläsern und Schlagwerk. Das empfinde ich schon auch als eine Bereicherung, mich mit dieser Literatur zu befassen.

FRAGE: Ein Blasmusikorchester ist anders besetzt als ein Symphonieorchester. Dadurch kommt es natürlich zu einem "ungewohnten Hören". War es eine große Umstellung?
ANTWORT: Ja, vor allem das chorische Musizieren der Bläser war und bin ich noch nicht so gewohnt. Der Streicherklang lebt davon, dass immer mehrere die gleiche Stimme spielen, im Chor ist es dasselbe. Die Bläserstimmen werden in der klassisch-romantischen Literatur immer nur von einzelnen Musiker/innen gespielt, eine Verdoppelung ist schon eher selten, aber dass 6 Klarinettisten oder 5 Trompeter die gleiche Stimme spielen wirft natürlich ganz neue Probleme in Bezug auf Intonation und Klangfarbe auf – öffnet aber auch neue Möglichkeiten etwa in der Phrasierung.

FRAGE: Fehlen Ihnen die Streicher?
ANTWORT: Nein, da dürfte ich mich nicht auf eine Arbeit mit einem Blasorchester einlassen. Und ja, insgesamt möchte ich die Streichinstrumente in meiner Arbeit nie missen!

FRAGE: Sie haben u.a. Gesang studiert und konnten seither mit unterschiedlichen Chören arbeitet. Was ist der größte Unterschied bei Laien-/Hobbysänger bzw. -musiker zu Berufssänger und -musiker?
ANTWORT: LaiensängerInnen bestechen oft durch die Natürlichkeit im Klang.Dafür dauert das Erarbeiten eines Repertoires meist sehr lange. Die Amateurmusiker sind im Vergleich zu den Sängern meist recht gut ausgebildet. Zum Teil durch langjährige Mitgliedschaften bei Kapellen auch erfahren, und doch sind die Grenzen technisch und auch im musikalischen Erfassen oft bald erreicht. Aber da beginnt dann eben z. B. der oben angesprochenen soziale Aspekt zu greifen. Wenn MusikantInnen verschiedenen Alters miteinander Stücke erarbeiten, die jeden einzelnen bewegen und berühren, wenn man zu spüren beginnt, dass die Stärke des einen die Schwäche des anderen abfangen kann, dann ist das ein Wert, der nur in wenigen Bereichen in unserer Gesellschaft so direkt und lebensnah begriffen werden kann. Das ist sicher die Basis für eine ganz besondere Form von Gemeinschaftserlebnis.

FRAGE: In Berufsorchestern gibt es fixe Dienste. Bei einem Tiroler Blasorchester handelt es sich zumeist um Hobbymusikanten. Wie schwierig ist es, hier Probentermine festzulegen und zu koordinieren?
ANTWORT: Ja, das ist schwer. Bei allem Verständnis für die berufliche oder familiäre Situation jedes einzelnen leide ich beim Anblick eines jeden leeren Sessels in der Probe. Jedes Mal wieder. Trotzdem sehe ich auch mit viel Respekt, wie es den Leuten dann immer wieder gelingt, sich doch fei zu machen und auf die gemeinsame Arbeit einzulassen.

FRAGE: Gibt es viele Absagen bzw. Entschuldigungen?
ANTWORT: Ich könnte ein Buch schreiben über die besten Ausreden, die herzzerreißendsten Entschuldigungen und die elegantesten Absagen… und die dazugehörenden guten Vorsätze zur Besserung…

FRAGE: Als Kulturbeauftragter der Stadt Kufstein sind Sie verantwortlich für das von der Stadt organisierte musikalische Programm. Wie sehen Sie also ganzheitlich den Stellenwert der sinfonischen Blasmusik in der Stadt?
ANTWORT: Völlig unabhängig von der Kulturarbeit der Stadt Kufstein leisten die Stadtmusikkapelle und die Musikschule seit Jahrzehnten wichtige und wertvolle Arbeit, und die Musikkapelle ist in der Stadt nicht weg zu denken. Im Überblick aller repräsentativ vertretenen Musikrichtungen wie der Alten Musik, der Kirchenmusik, der klassisch-romantischen Musik, der Kammermusik, der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, des Jazz und Popp… nimmt die sinfonische Blasmusik natürlich nur einen Teilbereich ein. Weil Tirol aber immer noch ein Land der Bläser ist, und zwar bezogen auf die Vielzahl der SchülerInnen, die ein Blasinstrument erlernen, bezogen auf die die zahlreichen professionellen Bläser, die Tirol immer wieder hervorbringt, und bezogen auf das breite Interesse beim Publikum, so ist es schon ein berechtigter Ansatz, das Kulturprogramm traditionell mit dem „Bläserherbst“ zu starten.

FRAGE: Wurde das Cäcilienkonzert 2011 aus diesem Grund in den Tiroler Bläserherbst aufgenommen?
ANTWORT: Ja, das hatte mehrere Gründe, aber das ist sicher auch einmal eine Geste der Wertschätzung von Seiten der Stadt der wirklich fundierten musikalischen Arbeit der Musikkapelle gegenüber.

FRAGE: Sie waren heuer erstmals als Vortragender bei der Tiroler Bläserwoche am Grillhof. Eine Veranstaltung für Jugendliche vom Tiroler Blasmusikverband. Wie waren Ihre Erfahrungen?
ANTWORT: Das war wirklich ein Erlebnis… Cool! So viele junge Leute – und jung heißt in der Blasmusik zwischen 14 und 22. Meist gut ausgebildet, voller Energie und Musizierlaune, ein straff und bestens organisierter Kurs, das muss man so erst einmal auf die Beine stellen… Hat mich wirklich sehr beeindruckt!

FRAGE: Es wurde dabei das Projektorchester Tyrolean Winds gegründet. Sie stehen dem Orchester als musikalischer Leiter vor. Haben Sie die Jugendlichen die ganze Probenphase begleitet und wie wichtig ist das generell?
ANTWORT: Klar, man muss vom ersten Ton an dabei sein, das ist ganz wichtig. Bei der Bläserwoche am Grillhof war ja auch noch ein Referententeam mit 15 professionellen MusikerInnen, die in den Registern gearbeitet und geprobt haben. Das war wirklich paradiesisch für die TeilnehmerInnen, und ich glaube, das ging an niemandem, der diese Woche besucht hat, spurlos vorbei.

FRAGE: Der Weg bis zum Berufsmusiker ist oft steinig und schwer. Es ist ein Auswahlverfahren. Wie haben Sie Ihren Einstieg in die Welt der Musik empfunden? Was hat Sie damals besonders geprägt und wirkt heute noch nach?
ANTWORT: Man macht das, weil man es innerlich machen muss, sonst würde man es nicht tun. Aber ich bin froh, dass es so gekommen ist, empfinde es als Privileg für die Musik und für Menschen arbeiten zu dürfen, die bereit sind, sich dem Wesen der Musik zu öffnen.

FRAGE: "… von Alten lernen." Wie bildet sich ein Dirigent weiter. Schauen Sie Konzerte, Probenarbeite von Kollegen an?
ANTWORT: Aber sicher! Auch von Jungen kann man lernen, keine Frage… Schauen, hören, möglichst unbefangen, immer wieder in Frage stellen und neu überdenken…

FRAGE: Inspiriert Sie dann der Charakter oder das Handwerk? Was steht für Sie im Vordergrund. Schlagtechnik oder Charisma?
ANTWORT: Das darf man nicht so scharf trennen! Wenn ich etwas zu sagen habe, dann hilft mir die handwerkliche Fertigkeit und wenn ich mich bescheiden mit dem Handwerk beschäftige, bekommt die Aussage Struktur und damit auch Charakter.

FRAGE: Wer ist/war ihr größtes Vorbild?
ANTWORT: So kann ich das nicht sagen. Musikalisch und menschlich haben mich ganz viele Menschen geprägt oder berührt. Lehrer, Komponisten, Solisten, Konzertmeister, Orchestermitglieder, Chorsänger – ich möchte gar keine Namen nennen, aber eines war allen gemein: je größer sie im musikalischen Sinn waren, umso unkomplizierter waren sie im menschlichen Umgang.

FRAGE: Wenn man von Schlagtechnik spricht kommt man unweigerlich zu dem Thema "Vorausdirigieren". Warum ist es in einem Symphonieorchester nicht wegzudenken und selten bei ausgebildeten Blasorchesterdirigenten zu sehen?
ANTWORT: Naja, voraus muss man immer sein, egal was oder wen man dirigiert, im Denken und im Zeigen. Die Tatsache aber, dass ein Orchester sehr spät reagiert, wird heute eher als Unsitte gesehen, weil es unter Umständen an Genauigkeit verliert, obwohl es für den Klang sehr reizvoll sein kann… Wir bewegen uns ja immer in diesem Spannungsfeld zwischen Disziplin und Leidenschaft, zwischen Genauigkeit im Detail und dem großen Bogen, beides ist wichtig, und was der einen Seite nützt muss man oft von der anderen nehmen…

FRAGE: Sie leiten auch heuer wieder das Cäcilienkonzert der Stadtmusikkapelle Kufstein. Lassen sich Ihre Ideen mit dem Verein gut umsetzen?
ANTWORT: Ich versuche das ganz pragmatisch zu sehen, weil übersteigerte Erwartungen weder mir noch der Kapelle noch den Zuhörern etwas bringen würden. In dem Rahmen, in dem wir uns jetzt bewegen, lassen sich viele Ideen umsetzen, und mit unerbittlicher Kleinarbeit auf dem Weg und auf der Suche, dem Wesen der Stücke näher zu kommen, und mit Spielfreude und Klangfantasie glaube ich, dass wir auch wieder den ein oder anderen im Publikum erreichen werden…

FRAGE: Wird es weitere Projekte zwischen Ihnen und der Stadtmusikkapelle geben?
ANTWORT: Wir werden sehen, zumindest wird eine starke Verbundenheit bleiben.

FRAGE: Abschließend noch: Was geben Sie den Tiroler Blasmusikkapellen mit auf Ihren Weg?
ANTWORT: Nein, nein, da gibt es von mir nichts mitzugeben. Da steh ich mit offenem Mund davor und kann nur lernen…

Danke für das Gespräch.

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