05.10.2014, 16:41 Uhr

Die Kartoffel, Zugereiste und Flüchtlinge

Die Kartoffel - eine Verschleppte, eine Fremde und Zugereiste

- Gedanken am Erntedanksonntag in Fließ -

Erntedank stand an. In diesem Jahr wissen wir, dass wieder Flüchtlinge ins Dorf kommen werden. Wer ist schon glücklich darüber? Leid und Elend, Fremdheit und Exotik, Unsicherheit und andere Verhaltensweisen sind am Fernsehbildschirm leichter abzuhandeln als live – vor Ort… Erntedank und ein ganzes Flüchtlingsjahr, vielleicht viele Jahre liegen vor uns. Als Pfarrer soll ich Seelsorger für alle sein. Auch für die Angsterfüllten und Zornigen, denen jahrelang eingeredet wurde, dass die Ausländer eine Gefahr darstellen.
Drogenhändler und Kriminelle, Diebe und Messerstecher sollen sie alle sein - diese Asylanten. Schon beim Aufzählen müsste einem die Verrücktheit solcher Stammtisch-Dummheit auffallen.
Vor 32 Jahren bin ich mit einem Koffer zum Studium nach Österreich gekommen. Für ein Jahr sollte es sein - das obligate Außenjahr als Priesterseminarist.
Auch ich bin geblieben – zugereist vom mehr gelittenen als geliebten Nachbarn im Norden. Die Vorsehung wollte es, dass mit einer polnischen Großmutter und einer ungarischen, einem bayrischen Großvater und einem volksdeutschen aus der Slowakei, ich schließlich eine deutsche Geburtsurkunde bekam. Und nun bin ich seit über 26 Jahren Priester in Österreich.
Das Multi-Kulti-Land im Herzen Europas, in dem jeder zweite einen nicht „deutsch“ klingenden Namen hat, steht immer wieder verunsichert vor der eigenen Geschichte. Ungezählte Volksgruppen und Stämme vereinte die Monarchie einst in diesem europäischen Zentralland. Freilich nicht ohne Auseinandersetzungen und Krisen – und doch!
Das kleine und überschaubare Österreich heute:
Es ist eines der reichsten Länder dieser Erde.
Bevorzugt auf vielerlei Weise
und wie es die Nationalhymne besingt:
Land der Berge, Land am Strome,
Land der Äcker, Land der Dome,
Land der Hämmer, zukunftsreich!

Erntedank stand an!
Und Flüchtlinge werden kommen.
Bei uns im Dorf und überall im Land.
Da habe ich mir die Kartoffel zur Betrachtung mit den Kindern ausgesucht. Gerade einmal 400 Jahre gehört sie zur österreichischen Kultur. Die Kolonialherren der iberischen Halbinsel hatten sie von Südamerika nach Europa mitgebracht. Dort war die Kartoffel schon über Jahrtausende wichtiges Nahrungsmittel in den Bergen Perus. Kritisch, misstrauisch und ablehnend abgehandelt, hat die Knolle die ersten Jahrzehnte in Europa gerade so überstanden. Heute ist die Kartoffel aus unserer Ess-, Futter und Industrieproduktion nicht mehr wegzudenken. Die Kartoffel ist eine Zugereiste, von Schleppern überbrachte. Sie war eine Unbekannte, oft verkannt und als gefährlich eingestuft.
Und jetzt: Pommes, Erdäpfelgulasch, Kartoffelsalat, Schölfeler oder Gröstl sind fast Erkennungszeichen unserer Esskultur.
Es ist Erntedank und Flüchtlinge stehen vor unseren Toren.
Selbst die Kartoffel in meiner Hand sagt mir:
Die Miesmacher und Volksverhetzer haben unrecht.
Miteinander wird Zukunft möglich, wird Neues.
Begreifen wir doch und legen das Gute, das Wahre, das Menschliche in die Waagschale,
in Gottes Namen:
So, lasst uns danken und teilen!
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
1 Kommentarausblenden
1.347
Mag. Monika Himsl aus Innsbruck | 07.10.2014 | 10:26   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.