Menschen im Gespräch
"Hohe Dunkelziffer bei Gewalt an Frauen"

Margit Schönbauer arbeitet in der psychosozialen Beratung des autonomes Frauenzentrums in Linz.
  • Margit Schönbauer arbeitet in der psychosozialen Beratung des autonomes Frauenzentrums in Linz.
  • Foto: aFZ
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Das autonome Frauenzentrum (aFZ) erhält den Frauenpreis der Stadt Linz 2019. Sozialarbeiterin Margit Schönbauer erklärt im Interview, dass die Debatten über Gewalt viele Frauen ermutigen, Hilfe zu suchen.

Was genau leistet das aFZ?
Margit Schönbauer:
Wir sind eine Frauen- und Familienberatungsstelle und gleichzeitig auch Fachberatungsstelle bei sexueller Gewalt, also eine Opferhilfeeinrichtung. Zu uns kommen unterschiedliche Frauen aus ganz Oberösterreich. Bei mir in der psychosozialen Beratung geht es oft um Gewalterfahrungen, sexuelle Übergriffe oder problematische Beziehungen. Frauen, die sich für eine Anzeige entscheiden, begleiten wir zur Polizei und durch das Gerichtsverfahren. Wir sind ein gemeinnütziger Verein. Unsere Beratung ist kostenfrei.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag für Sie aus?
Es gibt immer sehr viel zu tun. Krisen oder Gewalterfahrungen passieren meistens plötzlich, dann braucht diese Frau möglichst schnell Unterstützung. Oft verläuft ein Tag ganz anders, als man es in der Früh noch geglaubt hätte. Die Anliegen der Frauen sind auch sehr unterschiedlich, also muss man sich viel auf das Gegenüber einlassen und zuhören. Man muss gut organisiert sein, damit sich alles ausgeht.

Mit welchen Anliegen sind Sie am öftesten konfrontiert?
Ich würde sagen, am öftesten geht es um irgendeine Art der Gewaltbetroffenheit. Ganz häufig geht es um sexuelle Gewalt mit all ihren psychischen und emotionalen Auswirkungen. Oder auch um Beziehungsgewalt und Frauen, die versuchen, in diesem Minenfeld ihren Weg zu finden.

Ist auch in Linz ein Anstieg von Gewalt gegenüber Frauen spürbar?
Man hat diesen Eindruck, wenn man so durch die Medien blättert. Ich bin mir nicht so sicher, ob tatsächlich die Zahl der Übergriffe ansteigt oder ob sie nur bekannter werden. Bei Gewalt an Frauen gibt es eine enorm hohe Dunkelziffer. Einfach, weil es zu schmerzhaft oder schambesetzt ist. Wenn das Thema gesellschaftlich diskutiert wird, ermutigt das viele Frauen, darüber zu sprechen und Hilfe zu suchen. Dann bemerken wir auch einen Anstieg der Beratungszahlen. Auch unsere Zahlen im Notruf sind deutlich gestiegen.

Leben wir in einem Patriarchat, also in einem von Männern beherrschten Land?
Ja. Natürlich gibt es Abstufungen, aber es existiert ein deutliches gesellschaftliches Machtgefälle. Man muss sich nur überlegen: Wessen Anliegen wird gehört? Wessen Meinungen wird ernst genommen? Bei Gewalt an Frauen geht es viel um dieses Machtgefälle. Das zeigt sich dann in sexistischen Aussagen, Abwertungen oder Besitzdenken. Und am extremen Ende dieser Skala stehen dann Frauenmorde wie jene der jüngeren Vergangenheit.

Was halten Sie vom Regierungsvorschlag, Strafen für Gewalttäter anzuheben?
Es ist ein Signal, wie wir als Gesellschaft zu diesen Verbrechen stehen und deswegen kann ich verstehen, dass die Idee gut ankommt. Meiner Ansicht nach wird sich durch höhere Strafen alleine nicht sehr viel ändern. Ich denke, ein großer Teil der Kritik kommt aus der Befürchtung, dass es bei dieser einzelnen Reform bleiben könnte, anstatt in die dringend notwendige Präventionsarbeit zu investieren. Das würde dann wirklich nichts bringen. Ein größeres Problem als die Strafhöhe ist, dass es häufig gar nicht erst zu einem Gerichtsverfahren kommt.

Welche Maßnahmen halten Sie noch für sinnvoll?
Gegen die Abhängigkeiten von Frauen, die Gewalt gegen sie begünstigen, hilft alles, was auch die Gleichstellung fördert. Die Zusammenarbeit zwischen Opferhilfe, Täterarbeit, der Justiz und der Exekutive funktioniert in OÖ meiner Meinung nach recht gut, das könnte man weiter ausbauen. Gleichzeitig müssen die Mittel zur Verfügung stehen, um den Bedarf auch abzudecken. Momentan ist das Gegenteil der Fall. Täterarbeit ist extrem wichtig und sie muss zeitnah stattfinden. Wir haben ein sehr gutes Gewaltschutzgesetz, aber es wird kaum ausgeschöpft. Ein größeres Problem als die Strafhöhe, ist, dass es häufig gar nicht erst zu einem Gerichtsverfahren kommt.

Das Frauenzentrum bietet auch Onlineberatung an, wie sind hier die Erfahrungswerte?
Onlineberatungen eignet sich gut, um anonym und unverbindlich erste Informationen zu bekommen. Man bekommt auch einen Eindruck, wie einem begegnet wird. Oft werden später persönliche Beratungen daraus. Ich glaube, dass sich in Zukunft noch mehr auf webbasierte Beratungsformen verlagern wird. Die jüngeren Frauen kommunizieren schon jetzt sehr viel digital und fühlen sich dort auch wohl.

Was können die Männer selbst beitragen?
Ein großer Teil der Burschen und Männer ist mit Sexismus oder Gewalt auch nicht einverstanden, weiß aber auch nicht so recht wie man gegenüber anderen Männern reagieren könnte, ohne selbst das Gesicht zu verlieren. Wenn es hier mehr Dialog gäbe – und mehr Männer gegenüber anderen Männern lautstark Position beziehen würden, dann wären wir der Lösung schon einen großen Schritt näher. Es wird nur gemeinsam gehen.

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