Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 5

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

Die Höhlendurchquerung

Nebst Wanderungen und Badespaß gab es auch äußerst abenteuerliche Unternehmungen, wie zum Beispiel die Begehung der Frauenmauerhöhle im Hochschwabmassiv der Steiermark. Frühmorgens machten wir uns – wieder einmal gemeinsam mit vielen Freunden – auf den Weg, um an einer Führung durch den Berg teilnehmen zu können. Diese Durchgangshöhle hat eine Länge von 644 Metern. Sie befindet sich unter der 1827 Meter hohen Frauenmauer und hat interessante und spannende Geschichten aufzuweisen.
Zuerst ging es empor zum Höhleneingang. Wir mussten noch eine Weile warten, dann tauchte der Höhlenführer auf, der das Eingangstor öffnete und uns einen ersten Blick in die Dunkelheit gewährte. Ein dunkler Schlund tat sich vor uns auf und etwas mulmig wurde uns schon, als die Stirnlampen verteilt wurden und wir in diese tiefe, dunkle Kluft stiegen. Der Höhlenführer machte die Sache auch nicht besser, als er mit schaurigen Geschichten seine Führung begann, denn die Höhle war das reinste Labyrinth und wurde so manchem schon zum Verhängnis.
So erinnerte ein Kreuz an dem Felspfeiler des »Umgangs« an drei um 1890 verunglückte Studenten, deren Lichtquellen abbrannten, und die somit nicht mehr hinaus fanden. Sie tasteten sich verzweifelt an der vor ihnen liegenden Felswand entlang, nicht wissend, dass es sich um einen Pfeiler von fünfzig Meter Umfang handelte, und umrundeten ihn bis zur völligen Erschöpfung und letztendlich bis zu ihrem qualvollen Tod. Von diesen und weiteren Erzählungen getragen, durchquerten wir die Höhle und da munterte uns die Tatsache, dass Kaiserin Elisabeth und Erzherzogin Maria Valerie 1885 die Höhle besuchten, auch nicht wirklich auf. Bei einigen Eng-pässen bangte ich sogar um meinen Vater, der mit seiner stattlichen Figur nicht für alle Hohlwege geeignet war.
Und wie sollte es auch anders sein, irgendwann hörte ich seine verzweifelt klingende Stimme: »Kameraden, geht ohne mich weiter, nehmt keine Rücksicht auf mich, ich stecke hier hoffnungslos fest!« Es durchfuhr mich wie ein Blitz, und ich wollte augenblicklich zu ihm hineilen. Doch bevor ich mich noch mit meiner Angst lächerlich machen konnte, fing er an zu lachen, und ich wusste, es war wieder einmal einer seiner berühmt-berüchtigten Scherze.
Man kann sich vorstellen, wie froh ich war, als ich wieder das Tageslicht erspähte. Nichtsdestotrotz war es eine spannende Sache und im Nachhinein möchte ich auch diese nicht missen.
Später, wieder in unserer Ferienwohnung angekommen, erzählte uns unser Vater eine tolle Geschichte, die ihm durch dieses Erlebnis in Erinnerung kam:

Der Kesselflicker

Wieder einmal trafen wir Buben – der Tschiegerl, der Fritz, der Sepp, der Schurl und ich – uns nach der Schule bei mir im Garten und überlegten, was wir an diesem Tag unternehmen könnten. Es war ein herrlicher Spätsommertag, und den hieß es mit etwas Sinnvollem zu nutzen. So erledigten wir alle schnell unsere angefallenen Hausaufgaben, um uns anschließend dem ange¬nehmeren Teil, dem Spielen und Umherstromern, zu widmen. Weil wir noch nichts Genaues geplant hatten, beschlossen wir, zuerst einmal die Innenstadt von Waidhofen aufzusuchen. Durch den Unteren Stadtplatz streifend, erblickten wir den Kesselflicker Moltaschl mit seinen großen Taschen herumziehen.
Ein Kesselflicker – das muss ich euch erklären – war normalerweise ein Vagabund, der mit seinen wenigen Habseligkeiten und seinem Werkzeug von Ort zu Ort zog, um schadhaft gewordene Kessel, Töpfe, Reindl, Häferl, Kannen, Teller und anderes Geschirr aus Kupfer oder Zinn zu flicken. Dazu sammelte er Reparaturbedürftiges ein, suchte sich für diese Zeit eine Bleibe, und nach getaner Arbeit und Entlohnung zog er wieder weiter. In der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der man selten neues Geschirr erwerben konnte, war man froh, wenn man die Dienste eines Kesselflickers in Anspruch nehmen konnte. Der Moltaschl hatte hingegen in Waidhofen einen festen Wohnsitz. Wir Buben mochten ihn, weil er sehr freundlich zu uns war, und wir ihn auch ein bisschen geheimnisvoll fanden. Wir folgten ihm durch die ganze Stadt und als er genug Geschirr beisammen hatte, ging er mit seinen gefüllten Taschen Richtung Mühlstraße. Kurz vor dem Eisenbahnviadukt bemerkte er uns und fragte, ob wir Lust hätten, ihn zu begleiten. Dies ließen wir uns nicht zweimal sagen, denn wir hatten ja sowieso nichts vor und da war das Angebot für uns eine willkommene Abwechslung. Wir wussten ja schon, wo der Moltaschl wohnte, und – das sage ich euch schon einmal im Vorhinein – war etwas ganz Besonderes. Zuerst ging es die Weyrerstrasse entlang, bis wir die Redtenbach¬strasse erreichten. Von dort aus ging es noch eine Weile den Redtenbach in Richtung Konradsheim entlang, bis wir nach einer Kurve links auf einen Feldweg abbogen. Wir marschierten an einem Bauernhaus vorbei und folgten dem Weg über eine große Wiese bis zu einem bewaldeten und mit Buschwerk bewachsenen Gebiet. Hier folgten wir einem kleinen Pfad durch das Dickicht. Und dort ragte plötzlich – wie aus dem Nichts – eine große Felswand hervor. Wir Buben waren immer wieder begeistert von diesem Ort, der etwas Mystisches an sich hatte. Man fühlte sich wie in einem Märchenland. Wir waren am Ziel, hier war die Behausung des Kessel¬flickers – eine Höhle. Hintereinander schritten wir durch einen schmalen Einstieg und befanden uns in einer von mehreren Höhlungen. Es war unglaublich, aber der Moltaschl hatte tatsächlich im Laufe der vielen Jahre, in denen er hier hauste, in mühseliger Eigenarbeit mit einem Meißel immer mehr Räume in den Felsen geschlagen. Auf einer Seite war ein längerer Gang, der zu zwei Räumlichkeiten mit einer Bettnische führte, im mittleren Bereich hatte er einen Türstock mit einer hölzernen Tür und ein Fenster eingebaut. Ein Feldbett, ein Stuhl, ein Tisch mit Werkzeug und einige Stellagen waren sein Wohninventar. Ein alter Eisenofen sorgte für Wärme und wurde als Kochstelle benützt. Überall standen alte Wecker und Uhren herum, die er ebenso reparierte, wie das in der Stadt eingesammelte schadhafte Geschirr. Außerdem machte er aus Glas Schmuckstücke, wie Ketten und Armbänder. Nachdem wir uns erstaunt und begeistert in der Höhle umschauen durften, ging der Kesselflicker mit uns hinaus und zeigte uns oberhalb des Felsens stolz seinen kleinen Nutzgarten, der ihm zur Selbstversorgung diente...

Mühlstraßenbande:

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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