04.10.2017, 14:05 Uhr

Keine Beine aber viel Humor: Talkrunde mit schrägen Vögeln

Moderatorin Marianne Hengl und Silke Naun-Bates, die demonstriert, wie sie sich ohne Rollstuhl fortbewegt
SAALFELDEN.  Dichter Rollstuhlverkehr herrschte auf der Bühne im Kunsthaus Nexus wo RollOn Austria eine neue österreichweite Kampagne startete. Obfrau Marianne Hengl, gebürtige Weißbacherin, lud eine interessante Talkrunde zum Auftakt der Veranstaltungsserie unter dem Motto "Unser Dasein spüren". Georg Fraberger, Silke Naun-Bates und Zuhal Soyhan stellten ihre Schicksale und ihre Bücher vor. "Wir wollen den Leuten die Scheu vor Behinderten nehmen und die Botschaft vermitteln, dass man sich vor uns nicht fürchten muss", so Moderatorin Hengl.

Behinderter Körper - funktionierendes Gehirn

Silke Naun-Bates hat als Kind bei einem Zugunfall ihre Beine verloren. Aber anstatt wie prophezeit ein Pflegefall zu werden, hat die Sozialpädagogin mehrere Bücher geschrieben, ist zum 2. Mal verheiratet und hat - entgegen der Auskunft der Ärzte, nie Kinder haben zu können - eine Tochter und einen Sohn. Die Autorin lacht lauthals über sich selber, als sie Hoppalas aus ihrem Leben erzählt, wie sie z. B. mit dem Auto weggefahren und ihren Rollstuhl zu Hause vergessen hat. Humor sei das Wichtigste überhaupt, so die Autorin von „Mein Koffer voller Glück“. Sie ist auch ohne Beine ein selbstbewusster Mensch, und hat sich früher mit dem frechen Spruch "Ein Mal gucken kostet eine Mark" vor Gaffern geschützt.

"Ich habe wenigstens einen klugen Kopf", meint Zuhal Soyhan, Journalistin beim Bayrischen Rundfunk, "auch wenn ich körperlich anders ausschaue". Als behinderte Frau mit Migrationshintergrund gehört sie gleich mehreren Randgruppen an. In der Türkei geboren, hat sie dort als 3-Jährige ein Erdbeben überlebt und kam zur Behandlung nach Deutschland, wo eine Glasknochenkrankheit diagnostiziert wurde. "Ich habe mich trotzdem nie gefragt, warum gerade ich", erzählt Soyhan. Aus ihrer Sicht hatte sie Glück im Unglück gehabt, weil sie das Erdbeben überlebte und daher nach Deutschland kam. Mit ihrer schweren Behinderung hätte sie in der Türkei kein selbstbestimmtes Leben führen können. "Starke Menschen verschwenden ihre Energie nicht damit, sich vom Schicksal ungerecht behandelt zu fühlen", meint Marianne Hengl.

Psychologe Georg Fraberger wurde ohne Arme und Beine geboren, ist zum 2. Mal verheiratet und wird in Kürze zum 5. Mal Vater. Der Motivationstrainer arbeitet am AKH Wien und in seiner Privatpraxis. 2013 veröffentliche er sein erstes Buch "Ohne Leib mit Seele". Im September 2017 erschient sein neuestes Werk "Wie werde ich Ich". Er berichtete nicht nur, wie er sein Studium schaffte, obwohl sich das Institut im 5. Stock ohne Lift befand, sondern auch wie er seine 2. Frau über eine Online-Partnervermittlung kennenlernte. "Auf dem Foto war meine Behinderung nicht zu erkennen, und ich habe dazu auch keine Angaben gemacht", schildert Fraberger. "Schräge Vögel wie uns gibt es auf diesen Seiten nicht", berichtet er seinen Kolleginnen auf der Bühne. "Da stellen sich alle als Durchschnittsmensch dar und nicht als pflegebedürftig". Bei einem Video-Chat habe er seinen jetzigen Frau den Rollstuhl gezeigt, aber das sei war für sie kein Thema gewesen.

Doof oder nicht doof

Alle Gesprächsteilnehmer der bewegenden und unterhaltsamen Talkrunde wünschen sich eine "normale" Behandlung. "Ich will dass man mich als doof oder nicht doof einstuft, und nicht nur als behindert", wünscht sich Zuhal Soyhan. Menschen mit Behinderung würden entweder schlecht und kaltschnäuzig behandelt oder auf ein Podest gehoben, aber: "Es wäre wichtig, ein Mittelmaß zu finden, das uns gerecht wird", meint Marianne Hengl. "Wir brauchen Unterstützung und Verständnis, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, aber wir möchten trotzdem 'normal' behandelt werden", erläutert die Powerfrau dem aufmerksamen Publikum im Nexus. Unter den Anwesenden sind viele Schüler und Schülerinnen, die sichtlich und hörbar bewegt das Gespräch verfolgen.

Auch Familie Altenberger aus Leogang sitzt im Auditorium. Sie hat die Arbeit des Vereins RollOn schon mehrfach großzügig unterstützt und auch diesmal ihren Beitrag dazu geleistet, dass diese beeindruckende Veranstaltung stattfinden konnte, denn den Podiumsgästen wurde der Aufenthalt im Wellnesshotel Krallerhof gesponsert. "Das Haus ist vorbildlich barrierefrei, und die Familie zeigt großes Verständnis für unser Anliegen", freut sich Hengl. Sie zeigt sich begeistert über die erfolgreiche Auftaktveranstaltung und das große Interesse des Publikums.

Für die musikalische Umrahmung des Abends sorgte Hans Lechner am Saxophon. Der Musiker verbrachte die ersten 40 Jahre seines Lebens ohne Rollstuhl und erlebte seine Behinderung nach einem Unfall als große Veränderung. "Ich war ein geselliger Mensch, aber plötzlich konnte ich nicht mehr auf die Leute zugehen, weil ich nur noch die Hintern sah", schildert er neue Situation. Aber bereits kurz nach dem Unfall wurde der Gemeindevertreter zum Bürgermeister gewählt und blieb sieben Jahre Ortschef.
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