"Er war der Chef der Terrorzentrale"
Auch ein gebürtiger Rieder wurde im Nürnberger Prozess verurteilt

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Mit Ernst Kaltenbrunner wurde bei den Nürnberger Prozessen ein gebürtiger Rieder, der seine Kindheit auch in Raab verbrachte, zum Tod verurteilt.

RIED. Aktuell wird in den Kinos das historische Gerichtsdrama "Nürnberg" und damit die Verfilmungen der Nürnberger Prozesse gezeigt. "Der Film ist beeindruckend: Das Ringen um Rechtsstaatlichkeit und die Schattierungen der menschlichen Haltung sind das Werk abseits von Hass und Hetze. Diese Unterschiedlichkeit ist mit ihren graduellen Unterschieden in jedem Menschen und in allen Gesellschaften zu finden", so der Rieder Historiker Gottfried Gansinger. Der ehemalige Direktor der Buch- und Papierhandlungen des Oberösterreichischen Landesverlages ließ sich nach seiner Pensionierung zum geprüften Heimatforscher ausbilden und begann mit der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus im Bezirk Ried.

Von Ried nach Raab

Neben Reichstagspräsident Hermann Göring, gespielt von Russel Crown, befindet sich unter den 21 angeklagten NS-Kriegsverbrechern auch ein gebürtiger Rieder: Ernst Kaltenbrunner. "Er wurde am 4. Oktober 1903 geboren. Die Familie lebte am Hauptplatz, zog aber 1906 nach Raab. Hier verbrachte Ernst Kaltenbrunner seine Volksschul- und Jugendzeit und war als Ministrant tätig", so Gansinger. Auch im Heimatbuch von Reinhard Lindlbauer wird über Kaltenbrunners Zeit in Raab berichtet. So soll er viele Jahre später in seiner Nürnberger Zelle die Jahre in Raab zu den glücklichsten seines Lebens gezählt haben. 1913 verließ Ernst Kaltenbrunner Raab und wechselte auf das Bundesrealgymnasium Fadingerstraße in Linz. Später studierte er in Graz zuerst Chemie, dann Rechtswissenschaften und promovierte 1926. Am 18. Oktober 1930 trat er der NSDAP und am 31. August 1931 der SS bei. "Bereits ab 1933 war Kaltenbrunner Österreich-Chef der SS, die damals in Österreich illegal war", berichtet Gansinger. Ab 1935 arbeitete Kaltenbrunner zwei bis drei Jahre lang als Sekretär von Anton Reinthaller aus Mettmach, der zum Unterstaatssekretär im Reichsministerium in Berlin aufstieg und von 1956 bis zu seinem Tod 1958 der erste Bundesparteiobmann der FPÖ war. Im Zuge des Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich wurde Kaltenbrunner am 10. April 1938 Mitglied des deutschen Reichstags.

Heinrich Himmler, Franz Ziereis und Ernst Kaltenbrunner (v.l.) bei einer Besichtigung des Konzentrationslagers Mauthausen, 27. April 1941.  | Foto: Heinrich Hoffmann/United States Holocaust Memorial Museum,
  • Heinrich Himmler, Franz Ziereis und Ernst Kaltenbrunner (v.l.) bei einer Besichtigung des Konzentrationslagers Mauthausen, 27. April 1941.
  • Foto: Heinrich Hoffmann/United States Holocaust Memorial Museum,
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"Zentrale des Terrors"

Karriere-Höhepunkt war 1943 die Bestellung zum Leiter des Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin. Diesem SS-Amt unterstand der Sicherheitsdienst und damit der Spitzeldienst, sowie die Gestapo. Damit war Kaltenbrunner maßgeblich an der Organisation der KZs und des Holocausts beteiligt“, so Gansinger. Er hatte die Befugnis, Schutzhaft, Entlassungen und Hinrichtungen von Gefangenen in Konzentrationslagern anzuordnen. Gegen Ende des Krieges war Kaltenbrunner schon nicht mehr in Berlin, sondern versteckte sich in Altaussee. Hier setzte er sich maßgeblich für die Rettung von Kunstschätzen der Nazis, die im Salzbergwerk eingelagert waren, ein. "Unter diesen Kunstwerken soll die Rieder Ölberggruppe von Thomas Schwanthaler gewesen sein", so Gansinger. Dieses Meisterwerk der Barockzeit aus Lindenholz befindet sich heute in der Stadtpfarrkirche von Ried.

Zum Tod verurteilt

Nach seiner Festnahme am 12. Mai 1945 wurde Kaltenbrunner im „Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess“ angeklagt. Hier versuchte er, seine Verantwortung herunterzuspielen, um der Todesstrafe zu entkommen. Er wurde am 1. Oktober 1946 in zwei von drei Anklagepunkten schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde am 16. Oktober 1946 um 1.38 Uhr im Nürnberger Justizgefängnis vollstreckt.

Über die Nürnberger Prozesse

  • Die Nürnberger Prozesse gelten als Geburtsstunde des modernen Völkerstrafrechts.
  • Insgesamt wurden 185 Personen angeklagt. Am bekanntesten war der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, bei dem ursprünglich 24 Vertreter des NS-Regimes auf angeklagt waren. Aufgrund von Suizid, Verhandlungsunfähigkeit oder Abwesenheit erschienen letztlich 21 Angeklagte vor Gericht.
  • Zwölf Angeklagte wurden zum Tode durch den Strang verurteilt, zehn davon wurden tatsächlich hingerichtet.
  • Hermann Göring entzog sich der Hinrichtung durch Suizid mit Zyankali. Martin Bormann konnte vor einer Inhaftierung fliehen und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
  • Sieben Männer erhielten Freiheitsstrafen. Weiters gab es drei Freisprüche.
Heinrich Himmler, Franz Ziereis und Ernst Kaltenbrunner (v.l.) bei einer Besichtigung des Konzentrationslagers Mauthausen, 27. April 1941.  | Foto: Heinrich Hoffmann/United States Holocaust Memorial Museum,
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