Interview mit Bezirksfeuerwehrkommandant Jürgen Hell
"Kameraden werden immer öfter als Putztrupp, Lastenträger oder Hilfskraft missbraucht"

Bezirksfeuerwehrkommandant Jürgen Hell und Anna Horvath.
  • Bezirksfeuerwehrkommandant Jürgen Hell und Anna Horvath.
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Lehrlingsredakteurin Anna Horvath macht eine Lehre zur Kunststofftechnikerin bei FACC und ist Mitglied der Feuerwehr Ried. Im Interview mit Bezirksfeuerwehrkommandant Jürgen Hell gibt der 42-jährige St. Martiner Einblicke in seine Tätigkeit.

Herr Hell, Sie sind Bezirksfeuerwehrkommandant in Ried. Machen Sie diese Aufgabe hauptberuflich?
Hell: Obwohl die Funktion des Bezirks-Feuerwehrkommandanten die höchste im Bezirk ist und  sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, ist und bleibt sie eine freiwillige Tätigkeit, welche neben Beruf und Privatleben Platz findet.

Was ist ihre hauptberufliche Tätigkeit?
Beruflich bin ich auch im Bereich der Feuerwehr tätig. Seit 2008 pendle ich nach Linz, wo ich als Disponent in der Landeswarnzentrale Oberösterreich Dienst verrichte. Dort sind die Aufgaben sehr vielfältig, interessant und abwechslungsreich. Unsere Hauptaufgabe liegt darin, Menschen, welche die Notrufnummer 122 wählen, so rasch wie möglich Hilfe zukommen zu lassen. Darüber hinaus sind wir zum Beispiel auch für die Alarmierung der Wasserrettung verantwortlich.

Wie lässt sich ihre berufliche Tätigkeit mit der Arbeit eines BFKs vereinbaren?
Grundsätzlich gilt dasselbe wie auch in der Privatwirtschaft. Der Beruf muss ordnungsgemäß erledigt werden und darf nicht durch die freiwillig übernommene Funktion beeinträchtigt werden. Da mein Arbeitgeber aber allgemein von der Wirtschaft die Dienstfreistellung der freiwilligen Feuerwehrmitglieder im Einsatzfall einfordert, ist die Kombination von Beruf und Freiwilligkeit bei mir kein großes Problem. Auch das Schichtdienst-Modell trägt positiv dazu bei, das genug Zeit für meine Arbeit als Bezirks- Feuerwehrkommandant bleibt.

Ihr Werdegang bei der Feuerwehr?
Ich hatte Glück. Mich hat seinerzeit unser Rauchfangkehrer zur Feuerwehr gebracht. Begonnen hat alles in der Feuerwehrjugend, welcher ich 1989 beitrat. Mit 16 Jahren erfolgte der Übertritt in den Aktivstand. Danach folgten mehrere Lehrgänge, Leistungsabzeichen und Ausbildungen. Nach verschiedenen und langjährigen Tätigkeiten – ich war Hauptamtswalter im EDV Bereich für den Bezirk, Schriftführer und zuletzt des Kommandant Stellvertreter – wurde ich am 25. März 2019 zum Bezirks- Feuerwehrkommandanten von Ried gewählt.

Was sind die Aufgaben eines Bezirksfeuerwehrkommandanten?
Die Aufgaben sind grundsätzlich sehr vielfältig und umfangreich. Vor allem bin ich Ansprechpartner für alle Feuerwehren im Bezirk und repräsentiere die Arbeit der Feuerwehren. Eine wichtige Aufgabe besteht auch darin, Lehrgänge beziehungsweise Weiterbildungen in ausreichenden Maße den Feuerwehren zur Verfügung zu stellen. Dazu zählt der Grundlehrgang oder der Funklehrgang aber auch eine Vielzahl anderer Fortbildungen, welche auf Bezirksebene durchgeführt werden. Weiters unterstütze und berate ich die Abschnitts- Feuerwehrkommandanten im Einsatzfall. Wird ein großflächiger Schadensfall, zum Beispiel durch Hochwasser oder ein Sturmereignis, als Katastrophe bezeichnet, so ist es meine Aufgabe, als technischer Einsatzleiter Entscheidungen zu treffen und die Feuerwehren zu koordinieren. Dazu wird dann ein Einsatzstab gebildet.

Für wie viele Feuerwehren und Feuerwehrleute sind sie der Chef?
Es sind 76 Freiwillige Feuerwehren und eine Betriebsfeuerwehr, nämlich die BTF Fill in Gurten, sie  2018 gegründet wurde. Tagesaktuell haben wir im Bezirk Ried 4643 Mitglieder im Aktivstand, 1396 Reservisten und 815 Jugendmitglieder

Stichwort Feuerwehrjugend!
Ab acht Jahren können Kinder der Feuerwehr beitreten und zur Jugendgruppe kommen. Wer Interesse hat, meldet sich einfach bei der nächsten Feuerwehr. Dort ist meist die oder der Jugendbetreuer erster Ansprechpartner für die Helfer von Morgen. Die Zeit als Jugendmitglied ist sehr spannend und lehrreich, natürlich kommt der Spaß auch nicht zu kurz. Übers Jahr verteilt stehen den Kids viele Aktivitäten zur Verfügung. Da ist sicher was für jeden dabei.

Was ist für sie in der Zukunft wichtig?
Wichtig ist die Erhaltung beziehungsweise Verbesserung des jetzigen Ausbildungsstands der Feuerwehrmitglieder. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Feuerwehren im Bezirk genauso stark bleiben, wenn nicht stärker werden, wie sie jetzt sind. Eine intensive Jugendarbeit trägt dazu wesentlich bei aber auch das Potential von Quereinsteigern ist nicht zu vernachlässigen!

Stichwort Einsätze: Welcher Einsatz bleibt für sie immer in ihrem Gedächtnis?
Ich habe schon einige fordernde und auch schwierige Einsätze erlebt. Besonders nah geht es einem, wenn man trotz schneller und kompetenter Hilfe zu spät kommt. Auch sehr belastend sind Einsätze mit verunglückten Kindern oder wenn man die betroffenen Personen persönlich kennt.
Klappt aber ein Einsatz und man hat Erfolg - kann man Menschen, Tiere und Sachwerte retten oder schützen. Da kommt ein Glücksgefühl zum Vorschein, das nicht nur mich sondern alle Feuerwehrler im Lande in ihrem Wirken bestätigt. Man spürt dann, dass es das richtige war, zur Feuerwehr zu gehen und mit anzupacken. Feuerwehr funktioniert durch Teamwork – Einzelkämpfer haben es etwas schwerer.

Gibt es etwas, das sie beunruhigt oder vielleicht auch ärgert?
Ja natürlich gibt es das. Die Feuerwehr wird immer öfter zu Fällen gerufen, für die sie nicht zuständig ist. Die Kameraden werden als Putztrupp, Lastenträger oder als einfache Hilfskräfte missbraucht. Das Selbstverständnis der Bürger muss hier nachgeschärft werden. Die Feuerwehren kommen dann, wenn Gefahr in Verzug besteht. Dazu sind sie da, das ist ihr Job und das machen die Kamderaden auch gerne. Aber zu glauben – wie ich es immer öfter am Notruftelefon vernehme – dass die Kameraden im Feuerwehrhaus warten und selbstverständlich sofort zu kommen haben wenn ein Zentimeter Wasser im Keller steht, das Fenster klemmt oder das WC verstopft ist – ist ein Irrglaube.

Ich bin selbst seit kurzem aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Ried. Wie stehen sie zu der Feuerwehr und die Bezirkswarnstelle?
Ried ist die größte Feuerwehr im Bezirk und beherbergt viele Spezialgeräte und Stützpunkte, welche den Feuerwehren im ganzen Bezirk aber  darüber hinaus im Bedarfsfall zur Verfügung stehen. Die Mannschaft ist top ausgebildet und für mich ein wichtiger Partner. Was die Bezirkswarnstelle angeht, so ist diese die wichtigste Einrichtung im Bezirk. Dort laufen alle Informationen zusammen. Von dort können alle 77 Feuerwehren alarmiert werden. Sie liefert Spezialinformationen, wenn sie angefordert werden und ist Bindeglied zwischen Feuerwehren und der Landeswarnzentrale.

Autor:

Anna Horvath aus Ried

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