Im Grenzland wird bald getauscht

Die GrenzlandZeitgenossenschaft will "a guade Stund" tauschen.
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OBERKAPPEL, PFARRKIRCHEN, NEUSTIFT, WEGSCHEID. Eine neunköpfige Gruppe von Frauen und Männern aus Österreich und dem angrenzenden Bayern wollen asl Grenzland-Zeitgenossenschaft "a guade Stund" gegen eine andere "guade Stunde" tauschen. Am Dienstag, 9. Oktober, 20 Uhr, laden sie zu einem Informationsabend ins Gasthaus zur Wasserrutsche am Rannasee (Deutschland).

BezirksRundschau: Warum wollen Sie einen Tauschkreis ins Leben rufen?
Simone Koblentz-Hitsch (Pfarrkirchen) und Katrin Beitel (Wegscheid): Wir wollen dem Prinzip "Jeder für sich" das Prinzip der Nachbarschaftshilfe in einem erweiterten Freundeskreis entgegenstellen. Wir wollen dadurch die Region und regionale Produkte und Dienstleistungen stärken, wir wollen der Umverteilung der Mittel von Arm zu Reich konkret etwas entgegensetzen. Wir wollen, wo immer möglich eine Alternative zum € entwickeln, und wir wollen Perspektiven weiten!

Warum nicht weiterhin Geld gegen Waren bzw. Dienstleistungen tauschen?
Geld wurde ursprünglich gegen Waren oder Dienstleistungen getauscht. Das weiß heute kaum mehr jemand, uns soll es möglichst hohen Zins und Zinseszins bringen. Es vermehrt sich in einer „Blase“ nach der anderen, unterliegt Inflation bzw. Deflation und diversen Spekulationseinflüssen weltweit. Wenn ich heute Euro 50 in Händen halte, bekomme ich morgen nicht mehr unbedingt den Gegenwert, den das Geld heute hat. Anders bei unserem Tauschsystem mit leistungsgedeckten Zeitscheinen: „A guade Stund“ – so heißt ein Zeitschein - von heute ist auch morgen noch „a guade Stund“ wert. Wir tauschen also eine Stunde Lebenszeit gegen eine Stunde Lebenszeit, da gibt es keine Inflation und keine Zinsen. Den Euro gibt es auch weiterhin in unserem Leben, aber wir haben einen neuen Bezug zu den Dingen bekommen und können uns plötzlich Sachen leisten, die wir zu Zeiten des Nur-Euros als Luxus abgetan hätten – unsere Lebensqualität hat sich erhöht.

Wer sind die InitiatorInnen, das Kernteam?
Ulla Möllinger (Wegscheid, D), Isabella Ehrengruber (Neustift, Ö), Sophia Hitsch (Pfarrkirchen, Ö). Marie-Luise Erhard (Wegscheid, D), Simone Koblentz-Hitsch (Pfarrkirchen, Ö), Josef Baumgartner (Oberkappel, Ö), Sylvia Dorfer (Neustift, Ö), Katrin Beitel (Wegscheid, D) und Irmi Kaiser (Oberkappel, Ö).

Was soll getauscht werden?
Wir bieten an, was wir wirklich GERNE tun oder tun würden, wenn der Tag noch eine Stunde länger wäre. Und wir suchen uns in den Bereichen Unterstützung, bei denen mehr Hände ein schnelles Ende (und in jedem Fall mehr Freude an der Arbeit) machen. Für manche trifft das zu auf Bügeln, Fenster putzen, Reparaturen aller Art, Unterstützung am PC oder beim Lernen. Andere gehen gerne einkaufen, musizieren auf Festen, kochen für andere oder verbringen Zeit mit Seniorinnen und Senioren oder Kindern. Wieder andere arbeiten für ihr Leben gern im Garten oder mit Holz oder zeigen anderen, wie sie leichter lernen können, was sie lernen wollen oder sollen. Es können auch Produkte getauscht werden.

Wie soll das genau ablaufen? Gibt es regelmäßige Treffen?
Ja, es gibt in regelmäßigen Abständen an wechselnden Orten in der Umgebung eine Veranstaltung der Grenzland-Zeitgenossenschaft, zu denen alle Menschen mit Interesse am Tauschen herzlich eingeladen sind! Hier lernen sich die Mitglieder untereinander besser kennen, vereinbaren auch den einen oder anderen Tausch. Hier können tauschlustige Menschen beitreten, volle Zeitgutscheine gegen neue eingetauscht und Wichtiges besprochen werden. Jedes neue Mitglied der Grenzland-Zeitgenossenschaft bekommt gleich zu Beginn 15 „guade Stunden“ geschenkt. Diese sollen dazu ermutigen, sich auch wirklich Hilfe zu suchen und sie in Anspruch zu nehmen. Auf unserer Homepage www.Grenzland-Zeitgenossenschaft.org finden Mitglieder jederzeit eine aktuelle Liste mit allen Geboten und Gesuchen, die auch ausgedruckt werden kann. Jedes Mitglied tauscht eigenverantwortlich. Wir im Kernteam kümmern uns um verwaltungstechnische und organisatorische Dinge.

Warum grenzüberschreitend?
Wir leben hier in einer Grenzregion, vielleicht leben wir auch ein wenig auf der Grenze zu einer neuen Zeit, sicherlich leben wir in einer grenzüberschreitenden Gesellschaft. Das Interesse am Tauschen entstand auf beiden Seiten der Grenze etwa zeitgleich, und als wir voneinander erfuhren, war es natürlich, die Ideen und Träume in eine gemeinsame Initiative einmünden zu lassen. Im ländlichen Umfeld sind die Umkreise immer größer, und so will unser Tauschkreis Menschen im Wegscheider Land und im Bezirk Rohrbach ansprechen. Menschen an der Staatsgrenze haben eher das Gefühl, „am äußersten Rand“ zu leben statt „mittendrin“. Wir leben aber mitten in unserem Lebensraum – der nach Leopold Kohr so weit reicht, wie der Ausblick vom nächsten höheren Berggipfel oder wie weit ich an einem Tag mit dem Fahrrad fahren kann, wo ich bekannt bin und mein guter Name gilt. Durch unseren Lebensraum verläuft die Staatsgrenze und wir orientieren uns eher ins Innere „unseres“ Landes. Dabei übersehen wir die räumlich oft näherliegenden Möglichkeiten über der Grenze. Wir möchten mit unserer grenzübergreifenden Initiative dazu beitragen, dass wir uns im alltäglichen Leben die Hand reichen - in unserem Lebensraum, der durchaus nicht an der Staatsgrenze enden muss. Eine Grenze ist ein politisches Phänomen, das aber in den Köpfen der Menschen Schranken bildet. Doch eigentlich muß man nur einen Schritt, einen einzigen tun, und man hat die Grenze überschritten!
Durch unsere Initiative wollen wir die Menschen auf beiden Seiten der Grenze dazu ermutigen, eine Grenze im Denken zu überwinden und herauszufinden, welche Talente jenseits der Grenze schlummern. Wir wollen größere soziale Netzwerke ermöglichen!

Hat schon jemand von Ihnen Erfahrung damit?
Wie alle Menschen haben auch wir schon einmal etwas getauscht. Häufig funktioniert die Nachbarschaftshilfe auch noch gut bei uns, oder es tauschen zwei oder drei regelmäßig miteinander (Hilfst Du mir heute, helfe ich Dir morgen). Beim Tausch zwischen wenigen Menschen erschöpfen sich die Möglichkeiten recht schnell, das ist in einem größeren Kreis natürlich anders - und durch das System der Zeitscheine bleiben wir auch nie jemandem etwas "schuldig".
Wir haben unser System von der "Zeitgenossenschaft" aus dem Freistädter Raum übernommen, wo seit zwei Jahren erfolgreich und mit stetig wachsender Mitgliederzahl nach diesem System getauscht wird. Wolfgang Weissengruber von der Zeitgenossenschaft wird bei unserem Informationsabend am 9. Oktober 2012 im "Gasthaus zur Wasserrutsch’n" am Rannasee (Nähe Oberkappel) allgemeines über das Tauschen erzählen, und von seinen Erfahrungen berichten.

Wen wollen Sie ansprechen?
Bei uns können alle Menschen ab 14 Jahren aus dem Bezirk Rohrbach und dem Wegscheider Land mittauschen, die in Eigenverantwortung eine Stunde Lebenszeit gegen eine Stunde Lebenszeit tauschen und bewusst mit ihrer Zeit und ihren Talenten umgehen wollen. Übrigens: wenn Sie jetzt denken, ich habe ja gar nichts anzubieten, kann ja gar nichts…, dann sind Sie bei uns genau richtig. So geht es (fast) allen, die das erste Mal vom Tauschen hören. Und dann hören oder lesen Sie, dass jemand genau sucht, was Ihnen so viel Spaß macht. Das ist ein besonderer Moment, der einfach glücklich macht. Und zufrieden. Und dankbar. Und dann sprudeln plötzlich die Ideen, was Sie noch alles tauschen könnten.

Auf Ihrem Flyer steht "Wir haben mehr Zeit..." - ist Tauschen nicht umständlicher?
Bezahlen wird immer bequemer. Häufig wechselt dabei auch kein Euro mehr in bar die Besitzer, wir bezahlen mit einer bunten Karte oder Online, unsere Welt wird virtuell. Und dann auch wieder umständlich, wenn ich erst eine Verbindung ins www brauche, um zu wissen, wie viel Geld noch auf meinem Konto ist.
Wir mögen das www, aber auch unsere Zeitscheine. Und wir schenken jedem neuen Mitglied 15 davon. Jeder Zeitschein ist ein Jahr gültig. Im Laufe dieses Jahres genießen Sie irgendwann Ihre erste guade Stund bei einer Zeitgenossin oder einem Zeitgenossen. Wir haben mehr Zeit für uns wirklich wichtige und angenehme Dinge im Leben, weil wir Arbeiten abgeben, die unser Leben anstrengend und unbequem machen (und das sind für jede und jeden von uns glücklicherweise nicht die gleichen Arbeiten). Ich zum Beispiel bügle nicht gerne und freue mich, wenn eine Zeitgenossin oder ein Zeitgenosse das für mich erledigt. In der Zeit, die ich sonst mit Bügeln wider Willen verbracht hätte, kann ich etwas tun, das mir Freude macht. Oder ich lasse mir dabei helfen, zu zweit geht es viel schneller und das Miteinander macht auch noch Freude (und nicht selten neue Freundinnen und Freunde).
"Wir haben mehr Zeit!", und es ist tatsächlich so, denn durch das beschriebene System, gibt es eine Form, die einem schnell und unkompliziert ermöglicht, Tauschhandel abzuwickeln.
Man nimmt sich lieber zeit für das, was man gern tut, und bei allem anderen kann man sich Hilfe suchen!

Sich einfach trauen

Das Leben hat uns alle mit Fähigkeiten beschenkt. Wir schenken weiter, was wir können, wissen, herstellen und GERNE tun. Alleine sind wir einsame Spezialisten, zusammen aber bilden wir ein Netzwerk, in dem wir uns gegenseitig helfen und bereichern können: Schenken und beschenkt werden. Geben und Nehmen. Umlauf und Ausgleich. Dazu bedarf es einer Gemeinschaft von Menschen, die sich trauen und vertrauen. Sie können uns kennenlernen und herausfinden, ob das Tauschen auch etwas für Sie sein könnte: Bei freiem Eintritt findet am 9. Oktober ab 20 Uhr in der Gaststätte zur Wasserrutsche am Rannasee (deutsche Seite, neben der Wasserrutsche) ein Informationsabend der Grenzland-Zeitgenossenschaft mit Wolfgang Weissengruber von der Zeitgenossenschaft statt.
Wir freuen uns auf alle am Tauschen interessierten Menschen aus dem Bezirk Rohrbach und dem Wegscheider Land. Nähere Informationen gibt es demnächst unter www.Grenzland-Zeitgenossenschaft.org.

Autor:

Evelyn Pirklbauer aus Rohrbach

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