15.10.2014, 20:00 Uhr

Oberösterreichische Kulturvermerke

Symposion vom 16. bis 19. Oktober 2014, Stadttheater Gmunden

GMUNDEN. "Leib.Haft - Über menschliche Körper" lautet das Thema der diesjährigen Oberösterreichischen Kulturvermerke, die vom 16. bis 19. Oktober im Stadttheater Gmunden stattfinden werden. Mit Peter Sloterdijk, Adelheid Kastner, Maria Hofstätter, Per Leo, Contessa Juliette, Roland Girtler, Kurt Langbein, Franz Schuh u.v.a. Die Oberösterreichischen Kulturvermerke wurden 1992 von Jutta Skokan initiiert und finden heuer zum 23. Mal statt.

Kurator Franz Schuh zum Thema: Der menschliche Körper ist nicht zuletzt ein Politikum. Das merkt man zum Beispiel, wenn wieder einmal Zahlen veröffentlicht werden, die die gesellschaftlichen Kosten des Übergewichts einzelner vorrechnen.
Jede Gesellschaft muss sich um die Gesundheit ihrer Mitglieder sorgen. Auffällig ist aber, wie fordernd Diktaturen die Körper ihrer Untertanen im Blick haben. „In unseren Augen“, rief Hitler in einer berühmten, auch grammatisch problematischen Rede, „muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“
Die Gesundheitspolitik einer Demokratie ist dagegen ein komplizierter Balanceakt zwischen der Freiheit des Einzelnen, sich im Lebenswandel die eigenen, „selbst gewählten“ Krankheiten einzuhandeln, und den „Sachzwängen“, deren Befolgung Gesundheit mehr oder weniger ermöglicht.
Es ist einer der Gründe für den medizinischen Fortschritt, dass der klinische Blick den Körper für sich allein betrachten kann, aber dieses Kalkül geht sich vollkommen nur in der Anatomie aus: Erst die Leiche ist ganz Körper. Sonst ist der Körper, um es altehrwürdig auszudrücken, vom menschlichen Geist erfüllt, von „der Seele“ oder wie man es nennen will.
Man tut dem Menschen jedenfalls Gewalt an, wenn man ihn auf den Körper reduziert. Andererseits ist der Mensch ein „Prothesen-Gott“, das heißt, Menschen versuchen, die körperlichen Beschränkungen mit künstlichen Mitteln zu transzendieren. In diesem Sinne entstehen auch virtuelle Welten, zum Beispiel so etwas wie das Internet, in dem man glauben möchte, dass man hier existiert und zugleich den Körper hinter sich lässt. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass jeden User der Körper, dem man eben nicht einfach übertrumpfen kann, wieder einholt.

Eröffnung
Das Symposion wird am Donnerstag, dem 16. Oktober, um 19 Uhr eröffnet. Die Psychiaterin Adelheid Kastner hält das Eröffnungsreferat und führt im Gespräch mit Peter Huemer in das Thema der Veranstaltungsreihe ein. Auf dem Programm steht außerdem eine Tanzperformance der Jugendkompanie der Ballettakademie der Wiener Staatsoper.

Referate, Gespräche und Publikumsdiskussionen
Auf dem von Jutta Skokan, Franz Schuh, Lutz Ellrich, Silvana Steinbacher und Christian Steinbacher kuratierten Programm stehen Referate, Gespräche und Publikumsdiskussionen bei freiem Eintritt zu folgenden Themenkreisen: Gefangen im Leib – Kranke Körper und Seelen (Freitag, 17. Oktober), Schönheitswahn und andere Verstellungen (Samstag, 18. Oktober), Prostitution – Der Körper als Ware (Sonntag, 19. Oktober vormittags und abends) und Leib.Haft Literarische Aspekte (Sonntag, 19. Oktober nachmittags).
Zu den Referenten zählen der Filmemacher und Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein, Intendant und Schriftsteller Knut Boeser, Choreograf und Tänzer Sebastian Prantl, der Soziologe und Kulturanthropologe Roland Girtler, der Schriftsteller und Philosoph Franz Schuh, die Germanistin Gisela Steinlechner, der Literaturkritiker und Germanist Anton Thuswaldner, die Journalistin Petra Stuiber, die Psychotherapeutin Renate Becker, der Buchautor und Germanist Christian Schacherreiter, Philosoph und Medienwissenschaftler Lutz Ellrich sowie die deutsche Schriftstellerin Brigit Kempker.

Autorenlesungen und Gespräche
Der deutsche Schriftsteller und Historiker Per Leo liest am Freitag, dem 17. Oktober, aus seinem herausragenden literarischen Debüt (Flut und Boden, 2014), In dieser Familiengeschichte von elementarer Kraft beschreibt der Autor faszinierend, wie geistiger Idealismus in der SS enden konnte. Anschließend Per Leo im Gespräch mit Peter Huemer.
Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht am Samstag, dem 18. Oktober, mit Franz Schuh über sein neuestes Werk (Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, 2014).
Autorin und Domina Contessa Juliette liest aus ihren Memoiren (Der Engel mit der Peitsche: Der Weg der Herrin, 2014). Anschließend Contessa Juliette im Gespräch mit Peter Huemer.

Filme und Gespräche
Gezeigt werden zwei Filme aus Ulrich Seidls Trilogie (Paradies: Glaube, Österreich, 2013 und Paradies: Liebe, Österreich, 2012). Die beliebte Schauspielerin Maria Hofstätter wird im Anschluss mit Peter Huemer über ihre Arbeit sprechen.
Regisseur Kurt Langbein ist ebenfalls persönlich anwesend, wenn sein neuester Film (Heilen ohne Pillen und Skalpell, Österreich, 2014) gezeigt wird. Im Anschluss: Gespräch mit Peter Huemer.
Weitere Filme: Die Passion der Jungfrau von Orleans von Carl Theodor Dreyer (Frankreich,1928) und Whore´s Glory von Michael Glawogger (Österreich, 2011).
In Kooperation mit Kulturinitiative 08/16 Gmunden. Freier Eintritt.
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