18.08.2016, 12:53 Uhr

Sinnvolle Koexistenz von Landwirtschaft und Tourismus - Kamingespräch in Gerlos

Bundesminister Andrä Rupprechter im Bild 2.von rechts, im Gespräch
Gerlos: Alfried Krupp Haus | Der vor einigen Wochen zum neuen Tiroler Wirtschaftsbundobmann gekürte Franz Hörl, oberster Seilbahnsprecher in Österreich, Hotelier, begeisterter Landwirt und Jäger aus Gerlos, hat am 17. August 2016 in das Alfried Krupp Jagdhaus, welches vor zwei Jahren von der Gerloser Bergbahn erworben wurde, zu einem Kamingespräch geladen und viele hochkarätige Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft sind dieser Einladung gefolgt. Thema des Abends unter der bewährten Moderation von Karl Heinz „Charly“ Zanon der Firma „ZBC3 GmbH“ war die sinnvolle Koexistenz von Landwirtschaft, Tourismus und Hightech Betrieben im alpinen Raum und welche Wechselwirkungen sich daraus ergeben. Als besondere Gäste konnten im Jagdhaus Gerlos der Österreichische Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Dipl Ing Andrä Rupprechter, Landeshauptmannstellvertreter ÖR Josef Geisler, die Abgeordnete zum Tiroler Landtag Kathrin Kaltenhauser, der Salzburger Landtagsabgeordnete Michael Obermoser, der Seniorchef des Südtiroler Seilbahnunternehmens Leitner Michael Seeber, mehrere Bürgermeister und Wirtschaftstreibende aus der Region, sowie Vertreter der Wirtschaftskammer, des Wirtschaftsbundes und des Bauernbundes begrüßt und willkommen geheißen werden. Diese "Kamingespräche" seien ganz einfach ein Gesprächsforum, in dem Nachdenklichkeit und Innovationen in Gang gesetzt und Anregungen gegeben werden können, so Franz Hörl und Moderator Karl Heinz Zanon. Frei von Aktionismus und der Hektik des politischen Alltags sollten solche Gespräche die Möglichkeit eröffnen, nachzuhaken, querzudenken und Visionen zu entwickeln.

Zum eigentlichen Thema des Abends, nämlich einer sinnvollen Koexistenz von Landwirtschaft und Tourismus, ließ Bundesminister Andrä Rupprechter mit der eindeutigen Feststellung aufhorchen, dass eine funktionierende Landwirtschaft auch eine der Säulen des Tourismus darstelle. Diese, wie er meinte funtktionierende Landwirtschaft, sei über 1000 Jahre der Natur, vor allem im alpinen Raum, abgerungen worden und ohne sie gäbe es auch keinen Tourismus. Wie eine nicht mehr funktionierende Landwirtschaft ausschaut, dazu bräuchte man nicht weit zu schauen, meinte der Herr Bundesminister und verwies auf Gegenden im Piemont oder in der Toscana, wo Kulturflächen nicht mehr bearbeitet und gepflegt würden und dann nach wenigen Jahren verkarsten. Eine funktionierende und gepflegte Landwirtschaft gehe auch mit einer gepflegten Landschaft einher, was insbesondere bei ca 132 Mio Nächtigungen, davon ca 45 Mio in Tirol, für die Gäste immens wichtig sei, betonte der Minister. Ebenso wichtig seien die regional erzeugten Produkte, welche der Tourismuswirtschaft zur Verfügung gestellt würden und diese Produkte hätten einen Standard erreicht, der im europäischen Raum und bei manchem Erzeugnis sogar weltweit keinen Vergleich zu scheuen bräuchte. Er sei heute besonders stolz darüber, dass beim europäischen Forum in Alpbach heimische Betriebe vor den Vorhang geholt und diesbezüglich ausgezeichnet worden seien, so Minister Rupprechter. Im Hinblick auf die Symbiose zwischen Landwirtschaft und Industrie könne man beispielsweise auf den Bereich der Landmaschinen, der Forstmaschinen und anderer Industriebetriebe verweisen, wo Österreich einen Spitzenplatz in der Welt einnehme.

Michael Seeber, Seniorchef der Firmengruppe LEITNER Seilbahnförderanlagen aus Südtirol, bestätigte die innovative Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Industrie. LEITNER ropeways ist einer der weltweit führenden Hersteller von Seilförderanlagen und realisiert auch weltweit technologische Spitzenleistungen für unterschiedlichste Einsatzbereiche. Am Industriestandort in Sterzing würden z.Bsp viele Beschäftigte aus der Landwirtschaft einen Arbeitsplatz vorfinden. Auf die Frage, warum gerade ein globaler Player wie Leitner AG / SPA im September 2016 in Telfs in Tirol und nicht irgendwo in einem Land, wo Arbeitskräfte „billiger seien“ ein neues Werk mit ca 250 bis 300 MitarbeiternInnen eröffnen werde, erklärte Seeber mit den Worten: „Wir befördern mit unseren Anlagen Menschen und da stehe der Faktor Sicherheit an erster Stelle !“

Werde die Landwirtschaft nicht zum „Knecht“ des Tourismus gemacht, meinte etwas spitz formuliert Moderator Karl Heinz „Charly“ Zanon in Richtung LHstv Josef Geisler ?
Diese Formulierung sei ein Relikt aus vergangenen Zeiten, entgegnete der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter und Agrarreferent. Wer Leistungen erbringt, und das tue die Tiroler Landwirtschaft permanent, müsse diese Leistungen auch abgegolten bekommen. Heimische Produkte seien immens gefragt und dieser Mehrwert schlage sich eben auch auf den Preis nieder. Dabei gelte es vor allem, die kleinstrukturierte Berglandwirtschaft zu erhalten, was das Land Tirol z.Bsp auch mit Aktionen wie „Bewusst Tirol – Landschaft auf den Teller“ fördert. Teil der Wertschöpfung sei auch die Landschaft und das müsse man eben in einer Gesamtbetrachtung wahrnehmen. In diese Kerbe schlug auch der Präsident der Tiroler Landeslandwirtschaftskammer Ing Josef Hechenberger, der auf die schwierige Einkommenssituation der bäuerlichen Betriebe verwies. Die Tiroler Landwirte wären etwa in der Lage ca 80 % des Milchbedarfes abzudecken, tatsächlich müsse jedoch ein wesentlicher Teil der Milch exportiert werden. Außerdem seien etwa 80 % der Tiroler Bauern in einem Nebenerwerb tätig.

Herbert Empl, Seniorchef der Fa Empl Fahrzeugbau aus Kaltenbach verwies auf die zum Großteil in der Region zu vergebenden Aufträge und auf die Lehrlingsausbildung, wobei viele Lehrlinge auch aus dem landwirtschaftlichen Bereich kommen würden. Es gebe viele gemeinsame Synergien zwischen Landwirtschaft und Industrie und sein Unternehmen kaufe beispielsweise viele Produkte für die Werkskantine von heimischen landwirtschaflichen Betrieben.

Michael Bacher, Hotelier, Schafzüchter und Schilehrer aus dem Stubaital, stellte seine Schafzucht mit etwa 700 Tieren vor und verwies auf gute Geschäftsbeziehungen, welche er mit seinen Produkten mit Fleisch, Wolle und Nebenprodukten mit heimischen Tourismusbetrieben pflege. Es müsse jedoch so sein, dass der Konsument am Kühlregal nicht zum Schöpsfleisch aus Neuseeland greife, das immens billiger sei, sondern das heimische Produkt bevorzugen sollte, meinte Bacher.

Der Landtagsabgeordnete Michael Obermoser aus Salzburg und der Krimmler Bürgermeister Erich Czerny übten dagegen Kritik, vor allem an den Mandataren der Europäischen Union in Brüssel, welche die Durchführbarkeit von gesetzlichen Regelungen zu wenig hinterfragen würden, was teilweise an Realitätsverweigerung grenze.

Die Tiroler Landtagsabgeordnete Kathrin Kaltenhauser verwies auf die in Tirol aufzubauenden kleinen Strukturen und auf die Tatsache, dass in Tirol in absehbarer Zeit ein Forschungszentrum für Landwirtschaft kommen werde. Dort würden viele junge Leute auf künftige Strategien in der Landwirtschaft vorbereitet und ausgebildet werden. Der Hintertuxer Seilbahnunternehmer, Landwirt und Gastronom Klaus Dengg verwies auf die Tatsache, dass es für die Kleinbauern extrem schwer geworden sei, ihre Produkte zu verkaufen. Eine äußerst wichtige Voraussetzung etwa sei eine hervorragende Qualität, meinte Dengg. Gemeinsam am gleichen Strang ziehen, meinte dann auch zum Abschluss des Kamingespräches Der Tiroler Wirtschaftsbundobmann und Seilbahner Franz Hörl. Viele Hoteliers etwa betreiben eine eigene Landwirtschaft, aber die Zusammenarbeit zwischen Tourismus, Industrie und Landwirtschaft habe sicher noch Potential. Insbesondere die Tiroler Seilbahnunternehmen schauen auf die heimische Landwirtschaft, denn Tourismus ohne Landwirtschaft – das sei ein No-go meinte Hörl und lud die Gäste zu einem hervorragenden Buffet im traditionellen Alfried Krupp Jagdhaus in Gerlos.
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