10.08.2018, 15:40 Uhr

Im Toten Gebirge

Prof. W. Kubin und W. Fehlinger, Gleinkersee 24.07.2018 (Foto: Dr. Martin Krott)
Ende Juli besuchte der Übersetzer, Wissenschaftler und Literat Wolfgang Kubin den BACOPA Verlag aus Schiedlberg.
Neben einem Ausflug zum Gleinkersee, begab er sich auch auf eine Wanderung von der Wurzelalm zur Dümlerhütte, die ihn zu folgenden Gedicht animierte,
welches im Gedichtband „Dies eine Leben“ veröffentlicht werden soll.

Wolfgang Kubin

Im Toten Gebirge

Wäre heute nicht einmal eine Kindergartenwanderung gefällig?
Durch Oberösterreich vielleicht? Wir mögen schauen zwei Millionen
Jahre in nur zwei Stunden. Die Tollkirsche wird uns die Augen weiten
für all die Rinnsale im Karst. Der Fingerhut gibt vor, tödlich zu sein,
und der Almrausch erinnert uns an den Duft vor drei Jahrzehnten!

Ach, da sind noch Arnika und das Indianerbrot, auch Silberdistel
geheißen. Doch uns verlangt wie einem kleinen Kind mehr denn je
nach Apfel- und Topfenstrudel auf der Alm an einer Hüttenwand.
So ein kleines Land, wirst du sagen und weder Nieder- noch Ober-
Österreich meinen, sondern die gesamte Republik! Ja, Austria

ist lediglich ein Blutströpfchen, ein Insekt auf einer Latschenkiefer,
eine Bella Donna, eine Straße der Kaiser und Könige, ein Frauengrund,
bis wir uns die Frage nach der Roten Wand stellen, nach dem Felsstolz,
und wir einziehen, beobachtet aus einem Kremser Fenster,
in den Laubenhof. Da duzt sich niemand mehr, denn wir sind

tausend Meter tiefer und mehr, gefallen beim Abstieg über Wurzel
und Stein. Um den Schlangen auszuweichen. Nun hören wir kein
Grüß di mehr und sinnen nach bei Zirbe wie Fremdbier. Überall
befremdliche Namen in Krems: Auszeitkeller, Bäckerei und Mehlverkauf.
Ja, wir haben auch gehört: Ich werde ein Schauspiel aus dir machen.

So kamen denn die Wölfe des Abends und ruhten vor unserem Bett.

Totes Gebirge: über 2000m hoch, gilt als hochalpin. Den Auf- und Abstieg von der Seilbahn bis zur Dümlerhütte bezeichnen Einheimische dennoch als Weg für Kinder. In Oberösterreich duzt man sich in einem Gebirge über tausend Metern. Tollkirsche: auch Bella Donna genannt. Frauengrund: Name eines Veltliner Weines. Blutströpfchen: ein kleiner Schmetterling mit rotem Tröpfchen-Muster. Rote Wand: Ortsnamen im Toten Gebirge. Felsstolz: fiktiv für den Stubwieswipfel. Kremser Fenster: ein gläserner Vorbau ermöglicht den Bewohnern einen Blick auf die Gäste vor der Tür. Laubenhof: Name einer Schenke. Schauspiel: s. AT, Nahum 3.6. Wölfe des Abends: s. AT, Habakuk 1.8.


Der Autor
Prof. Dr. Wolfgang Kubin (chin. Gu Bin) wurde 1945 in Celle als Sohn eines Berliners und einer Wienerin geboren. Er begann mit 16 Jahren zu schreiben und zu veröffentlichen. Nach dem Abitur auf dem altsprachlichen Zweig des Gymnasiums Dionysianum in Rheine begann er 1966 das Studium der ev. Theologie an der Universität Münster.

Sein Interesse an Weltliteratur ließ ihn viele Sprachen lernen, so auch das Chinesische und Japanische an den Universitäten Wien, Münster und Bochum. Nach seinem Besuch von Japan im Jahre 1969 wechselte er von der Theologie zu den Fächern Sinologie, Germanistik, Philosophie und Japanologie. 1973 wurde er mit einer Dissertation über den chinesischen Dichter Du Mu (803-852) promoviert.

1974 ging er zum Studium der modernen chinesischen Hochsprache nach Peking. 1977 wurde er wissenschaftlicher Assistent an der FU Berlin, wo er sich mit einer Arbeit über die chinesische Naturauffassung 1981 habilitierte. 1985 erfolgte der Ruf an die Universität Bonn, wo er bis 1995 modernes Chinesisch und moderne chinesische Literatur unterrichtete.

1995 wechselte er zur klassischen Sinologie an derselben Universität. Seit seiner Emeritierung im Frühjahr 2011 arbeitet er als Seniorprofessor hauptsächlich an der Beijing Foreign Studies University.

Seine Forschung und Lehre umfaßt die gesamte chinesische Literatur, die klassische chinesische Philosophie, die traditionelle chinesische Religion sowie Fragen der Germanistik und der deutschen Philosophie.

Seit Mitte der 70er Jahre ist er zunächst als Übersetzer und Wissenschaftler hervorgetreten. Seit 2000 auch verstärkt mit einem literarischen Werk, welches Lyrik, Essays und Erzählerisches umfaßt. Für alle drei Lebenswerke wurde er verschiedentlich in China und in Deutschland ausgezeichnet.

Wolfgang Kubin ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt, wenn nicht in China, in Bonn und Wien.


Neben zahlreichen anderen Verlagen wie Suhrkamp, Herder, Carl Hanser Verlag, Unionsverlag, De Gruyter Saur, Löcker, Drava, Weidle usw., erschienen im BACOPA VERLAG ab 2014 bisher sein vierbändiges Frühwerk, sowie neue und vergriffene Lyrik- und Gedichtbände.
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