Zeitzeuge berichtet
Erinnerung an die Mure 1969 in Flaurling

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FLAURLING. Einige Ortschaften der Salzstraßengemeinden waren 1969 von mehreren teils großen Murenabgängen betroffen, am schwersten traf es die Gemeinde Inzing, dort gab es drei Todesopfer (Bericht und Fotos hier: Gedenken an die Murkatastrophe vor 50 Jahren ).

Murkatastrophe in Flaurling

Die Flaurlinger Häuser und Felder liegen auf dem Schuttkegel, den der Kanzingbach in Form von Muren periodisch ins Tal verfrachtet. Schon der Pfarrherr Sigmund Ris weist 1486 auf frühere Vermurungen hin, die ganze Gehöfte und Fluren auslöschten. Der Murbruch von 1701 kostete sogar zehn Männern das Leben.
Solche Verfrachtungen traten in jedem Jahrhundert mindestens einmal auf, so auch am Samstag, den 26. Juli 1969. Andrea Raggl-Weissenbach von der Chronik Flaurling hat Interviews mit Zeitzeugen geführt, darunter auch der damalige Betriebsleiter des Flaurlinger E-Werks, DI Hannes Fischer, der sich während des Ereignisses auf dem Rückweg vom "Stangger" (Flurname) in Richtung "Buttermilch" befand. Er hatte dort die Fortschritte seiner Männer kontrolliert, die während des Tages mit Aufräumungsarbeiten nach dem Hochwasserereignis des Vortags beschäftigt waren.
Er schrieb über das Erlebnis, das er wohl sein Lebtag nie vergessen hatte:

Zeitzeuge DI Hannes Fischer erzählt:

"Gerade als ich auf dem wieder hergestellten Steg über dem im Bachbett liegenden Einlaufrechen stand, spürte ich einige dicke Tropfen fallen. Ich war noch rasch vor Feierabend in den "Stangger" (Flurname, Anm.d.Red.) gegangen, um zu schauen, wie weit die Männer mit den Aufräumungsarbeiten nach dem Hochwasserereignis des Vortags gekommen waren, das uns ziemliche Schäden am Einlaufbauwerk angerichtet hatte. Sie waren nämlich schlimmer als wir sie jemals zuvor erlebt hatten und keiner von uns konnte oder wollte sich noch Schlimmeres vorstellen.
Die Männer waren mir schon vor einiger Zeit weiter draußen auf ihren Heimweg, müde von der schweren Arbeit, begegnet und so machte ich mich ebenso auf den Heimweg, um nicht am Ende noch nass zu werden.
Ich war noch nicht weit gekommen und gerade dabei ein paar am Vortag unterspülte Wasen endgültig in den Bach zu treten, damit nicht der Nächste, der vielleicht bei Nacht hier vorbei muss, gleich in den Bach abrutscht.
Da wurde ich auf ein Geräusch aufmerksam
, das nicht zum Rauschen des Baches passte. Ich dachte kurz an ein niedrig fliegendes Flugzeug oder ähnliches, aber plötzlich wurde mir bewusst - und fast gleichzeitig begann auch ein bisher unbekanntes und unheimliches Gefühl machtloser Angst in mir aufzusteigen -, dass dieses Geräusch, das immer schneller zu einem gewaltigen Lärm und Getöse anwuchs, aus der Bachseite kam!
Ich stand einige Augenblicke wie versteinert und angewurzelt, dachte: Um Himmels Willen .... oder so! Dann wurde mir meine Situation bewusst! Ich musste auf alle Fälle von der Felswand weg, auf die alles, was mich da aus der Schlucht immer ohrenbetäubender anbrüllte, in den nächsten Minuten mit voller Wucht aufprallen würde.
So machte ich, das Schlimmste erwartend, wenigstens einige Schritte bis zum Ende des Felsens und weiter bis zum anschließenden flachen Waldboden, der sich von da an bis zur "Buttermilch" (Flurname, Anm.) hinaus erstreckt.
Da stand ich nun. Während mir im wahrsten Sinne des Wortes das Blut in den Adern stockte, harrte ich, auf alles gefasst, den Blick auf die steile Geländekante fixiert, der Dinge, die jeden Moment dort auftauchen mussten.
Dann ging es los.
Ein haushoher Berg aus Steinen aller Größen, gemischt mit ganzen und zerbrochenen Bäumen, mit viel Erde und ganzen Geländestücken, alles ziemlich trocken, schob sich im ersten Augenblick gar nicht allzu schnell in mein Blickfeld. Dann aber, Gott sei Dank - langsam konnte ich wieder denken - bewegte sich die Masse eher von mir weg in Richtung Oberhofer Seite des sich hier rasch erweiternden Tales hinüber.
Unmittelbar drohte mir selbst also keine Gefahr! Ich weiß aber noch gut die ersten Gedanken, die ich in diesem Augenblick hatte - Flaurling - Au Weh! - denn ich fürchtete in diesem Moment, dass das ganze Dorf ist weg!
Die Masse hatte sich inzwischen krachend und berstend um die Kurve geschoben und wälzte sich, Bäume und Erlen niederbrechend, nun wieder schneller und auch breiter werdend, an mir vorbei Tal auswärts. Ich konnte nun an den niederbrechenden Erlen auch genau sehen, wie weit die nun mehr breiige und erdige Masse, die sich in mächtigen Wogen mit riesigen Steinen und aufplatzenden schmutzigen Luftblasen da hinaus ergoss und den Talboden einnahm.
Über die "Buttermilch" konnte ich den oberen, ungefährdeten Steg erreichen, der hoch über dem Bach und durch den Steinbruch zu den ersten Häusern führt. Links von mir tobte die ganze Zeit die Mure und mir wurde klar, dass alles was ich bisher erlebt habe, in keiner Weise mit dieser Mure vergleichbar war.
Gut kann ich mich auch noch an das Bild erinnern, das sich mir in der Lände bot: Überall vor den Häusern standen die Leute, die Arme in die Höhe werfend und starrten schwer beeindruckt und betroffen auf das sich ihnen bietende Schreckensbild!"

An diesem Tag wurden Teile des Dorfs überschüttet, so wie das E-Werk und damit die Stromversorgung still gelegt. Einer offiziellen Schätzung zufolge waren an diesem Tag in Flaurling mehr als 100.000 m³ Material in Bewegung.

Autor:

Georg Larcher aus Telfs

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