13.10.2016, 16:33 Uhr

Drei "Henris" für Bezirk Tulln

Bettina und Andreas Raschbauer mit dem Henri. (Foto: Zeiler)

Henri. Der Freiwilligenpreis: Humanitäres Engagement sichtbar machen und wertschätzen

TULLN / NÖ. Es ist ihnen ein Anliegen zu helfen – und dafür wurden sie nun ausgezeichnet. Bettina und Andreas Raschbauer von der gleichnamigen Bäckerei in Ollern, die in fünfter Generation geführt wird, haben vor einem Jahr entschieden, alles, was nicht verkauft wird, am nächsten Tag für die Asylwerber, die beim Roten Kreuz einquartiert sind, nach Tulln zu bringen. "Das liegt sowieso auf meiner Lieferstrecke", sagt Andreas Raschbauer. "Die Idee hatte meine Frau, ich bin nur ausführendes Organ", lacht er.
Letzten Dienstag wurde der Freiwilligenpreis Henri verliehen, der für freiwilliges humanitäres Engagement steht. Drei davon blieben im Tullnerfeld: Auch die Initiative "Netzwerk Michelhausen" sowie Atena Atayie (Kategorie Zivilcourage) dürfen einen Henri ihr Eigen nennen.

„Niederösterreich ist das Land der Freiwilligen und Ehrenamtlichen. Ohne ihren Einsatz wäre vieles nicht möglich, wie sich ganz besonders im vergangenen Jahr gezeigt hat“, betonte Landeshauptmann-Stellvertreterin Johanna Mikl-Leitner, die in Vertretung von Landeshauptmann Erwin Pröll der Festveranstaltung zur Verleihung des „Henri“ am 11. Oktober 2016 in der Landesfeuerwehrschule Tulln beiwohnte. In die gleiche Kerbe schlug auch Generaldirektor Hubert Schultes von der Niederösterreichischen Versicherung, die den Wettbewerb als Hauptsponsor unterstützte. „Als Versicherung der Niederösterreicher ist es für uns geradezu selbstverständlich, die Ehrenamtlichkeit in diesem Land zu fördern. Daher werden wir auch 2018, wenn der „Henri“ zum zweiten Mal vergeben wird, wieder als Partner zur Verfügung stehen.“

Humanitäres Engagement

„Mit dem Freiwilligenpreis wollen wir freiwilliges humanitäres Engagement in ganz Niederösterreich auszeichnen – ob seitens einer neu gegründeten Initiative, einer etablierten Organisation, einer Einzelperson, eines Unternehmens oder einer Gemeinde. Denn ehrenamtliche soziale Tätigkeiten sind in unserer Gesellschaft unverzichtbar und von unschätzbarem Wert für das Miteinander“, erklärte Präsident General Josef Schmoll, Rotes Kreuz Niederösterreich. Dass man sich über 110 Einreichungen, die noch dazu eine unglaublich hohe Qualität auszeichne, freuen und eine insgesamt äußerst erfolgreiche Bilanz ziehen könne, liege nicht zuletzt an der fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Club Niederösterreich sowie den Partnerorganisationen, der Caritas, der Diakonie Flüchtlingshilfe, der NÖ Dorf- und Stadterneuerung, der Niederösterreichischen Feuerwehr, der Landjugend Niederösterreich, dem Samariterbund Niederösterreich und dem Service Freiwillige.
Dass Freiwilligkeit viele Facetten habe und auch große Veränderungen, etwa in Richtung temporäres und themenbezogenes Engagement der Zivilgesellschaft, erfahre, sollte mit der Vergabe des Preises in zehn unterschiedlichen Kategorien zum Ausdruck gebracht werden, erläuterte die Geschäftsführerin des Club Niederösterreich, Theres Friewald-Hofbauer. „Der einzelne Mensch ist die Basis für individuelles oder in Gruppen und Vereinen organisiertes Helfen. Unternehmen und Gemeinden kommt die Aufgabe zu humanitäres Wirken durch geeignete Strukturen und Maßnahmen zu ermöglichen, zu fördern und zu vervielfachen“, so Friewald-Hofbauer weiter.

Die zehn PreisträgerInnen –

• Heinrich Wahl (Blutspendewesen),
• Abdul Fakhouri (Jungend unter 30 Jahren),
• Annemarie Lischke (Personen im Rahmen von Organisationen),
• Herta Zeinzinger (Rotkreuz-Mitarbeiterin),
• Atena Atayie (Zivilcourage),
• Bad Pirawarth (Freiwilligenfreundliche Gemeinde),
• Landbäckerei Raschbauer (Kleines Unternehmen),
• Krumböck GmbH (Mittleres Unternehmen),
• Kastner Gruppe (Großes Unternehmen) und
• Netzwerk Michelhausen (Gruppen/Initiativen)

wurden von einer Jury, bestehend aus je einer/m VertreterIn aller Partnerorganisationen, an Hand der eingereichten Unterlagen ermittelt und mit einer formschönen und symbolträchtigen Statuette sowie Sachpreisen und Urkunden bedacht. Ermöglicht wurde der Wettbewerb dank der Unterstützung durch die Niederösterreichische Versicherung als Hauptsponsor, die Haas Food Equipment GmbH, die Niederösterreichische Wohnbaugruppe, die Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien, die Flughafen Wien AG und des Freiwilligenfonds des Sozialministeriums. Henri. Der Freiwilligenpreis wird ab heuer im Zwei-Jahres-Rhythmus verliehen.

Kurzportraits der Preisträger
Heinrich Wahl
Heinrich Wahl wird als „Institution in Bad Vöslau“ beschrieben. Er organisiert seit 20 Jahren Blutspendeaktionen, insgesamt 5 Aktionen pro Jahr – drei davon sogar zweitägig. So konnten in den vergangenen Jahren 25.000 Blutspenden gesammelt werden. Um möglichst viele zu informieren, hängt Heinrich Wahl bis zu 200 Plakate im Ortsgebiet auf. Ganz besonders am Herzen liegt ihm die Motivation der jungen Menschen zum Blutspenden, weshalb er sich mit großem Eifer um die Bewerbung an Schulen kümmert. Neue Ideen wie „Damen- bzw. Herrenspendetag“ mit kreativen Goodies als Dankeschön runden sein Engagement ab.
Personen mit außerordentlichem Einsatz für die Menschlichkeit – Jugend unter 30:

Abdul Fakhouri
Der 17-jährige Schüler Abdul Fakhouri wirkt seit einem Jahr ehrenamtlich bei der Wasserrettung mit. Er trainiert fleißig als Rettungsschwimmer, absolvierte alle Ausbildungen bis zum Life Saver und engagiert sich auch noch in der Jugendgruppe, in der er jüngere Jugendliche betreut. In seinen freiwilligen Diensten in diesem Sommer wurde er besonders gefordert: Als Rettungsschwimmer rettete er innerhalb von nur einer Woche zwei Menschen vor dem Ertrinken im Ratzersdorfer See. Bei beiden handelte es sich um Asylwerber - deshalb ist es Abdul auch ein ganz besonderes Anliegen, dass mehr Schwimmkurse für diese Zielgruppe angeboten werden. Er selbst ist aus Syrien geflohen und setzt sich jetzt in Österreich mit viel Herz und Verstand für andere ein.
Personen mit außerordentlichem Einsatz für die Menschlichkeit – Im Rahmen einer

Organisation:
Annemarie Lischke
Die 83-jährige Annemarie Lischke engagiert sich seit 1975 als ehrenamtliche Helferin für die Aktion „Essen auf Rädern“. Schon während ihrer Berufstätigkeit als Betreuerin im Kindergarten St. Pölten- Radlberg war sie an den Wochenenden für Essen auf Rädern unterwegs. Seit ihrem Pensionsantritt ist sie nun mehrmals pro Woche bei der Essenszustellung im Einsatz. Annemarie Lischke reicht es aber nicht, nur selbst aktiv zu sein – sie motiviert auch immer wieder andere dazu, bei der Aktion „Essen auf Rädern“ mitzuarbeiten.

Personen mit außerordentlichem Einsatz für die Menschlichkeit – Rotkreuz-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:
Herta Zeinzinger
Herta Zeinzinger ist seit 1995 freiwillige Rotkreuz-Mitarbeiterin. Ihre Laufbahn in der Rotkreuz- Gemeinschaft begann sie als Rettungssanitäterin, im Laufe der Jahre wurde sie Notfallsanitäterin, Lehrbeauftragte für Erste Hilfe, Mitglied im Kriseninterventionsteam und ist als Peer erste Anlaufstelle für ihre Kolleginnen und Kollegen an der Bezirksstelle Zwettl. Sie hat zwei Jugendgruppen an ihrer Bezirksstelle ins Leben gerufen und in dieser Funktion auch die heurige Erste-Hilfe-Olympiade organisiert. Aktuell ist sie die Koordinatorin der neugegründeten Team Österreich Tafel in Ottenschlag. Herta Zeinzinger ist ein herausragendes Beispiel dafür, welchen Stellenwert das Ehrenamt im Roten Kreuz im Leben eines Menschen haben kann – und wie es mit dem Menschen mitwächst und sich verändert.
Personen mit außerordentlichem Einsatz für die Menschlichkeit – Zivilcourage:

Atena Atayie
Atena Atayie ist Bewohnerin in einem Tullner Flüchtlingsquartier und dort wegen ihrem fröhlichen und aufgeschlossenen Wesen sehr beliebt. Sie ist stets darum bemüht, dass es allen im Quartier gut geht. Als eine ihrer Mitbewohnerinnen und deren Kind mit wiederkehrenden Misshandlungen konfrontiert war, versuchte Atena sie erfolglos davon zu überzeugen, sich an die Polizei oder das Betreuungsteam des Quartiers zu wenden. In einer Nacht drohte die Situation zu eskalieren, woraufhin Atena couragiert eingriff. Sie schloss sich mit der Betroffenen und derem Kind in ihrem Zimmer ein und verständigte die Polizei. Die 16-jährige Atena hat sich damit selbst in Gefahr gebracht, um anderen zu helfen.

Freiwilligenfreundliche Gemeinden:
Bad Pirawarth
In der 1662 Seelen-Gemeinde Bad Pirawarth im Bezirk Gänserndorf sind 34 Vereine tätig. Sie werden von der Gemeinde tatkräftig unterstützt – sei es durch finanzielle Subventionen sowie die kostenlose Bereitstellung von Räumlichkeiten und des kommunalen Fuhrparks. Am alljährlichen Kinderferienspiel beteiligen sich 23 der 34 Vereine. Als Kurort ist ein Schwerpunkt der Arbeit der Marktgemeinde die Gesundheit – deshalb gibt es zu diesem Thema regelmäßig Veranstaltungen, sportliche Aktivitäten und auch einen Spielplatz der Generationen mit Fitnessgeräten für Erwachsene. Im Rahmen der Dorferneuerung wird gerade vereinsübergreifend ein Dorfplatz gestaltet. Die Gemeinde gilt bei ihren Bewohnerinnen und Bewohnern als „lebenswert, aufstrebend und liebenswert“.

Freiwilligenfreundliche kleine Unternehmen:
Landbäckerei Raschbauer
Die Landbäckerei Raschbauer mit Sitz in Ollern wird von Andreas Raschbauer gemeinsam mit seiner Frau Bettina und einem Mitarbeiter betrieben. Dank ihrem „Guten Morgen Service“, der morgendlichen Hauszustellung, sind sie in Tulln und Umgebung schon jahrelang beliebt. Seit Beginn der Flüchtlingsbetreuung in Tulln im September 2015 spendet die Bäckerei wochentags täglich mehrere Säcke mit frischem Brot und Gebäck. Pünktlich vor 7 Uhr früh werden die Backwaren verlässlich geliefert. Alle 120 Bewohnerinnen und Bewohner der Containerdörfer kommen so zu einem Frühstück und die Kinder können sich auch noch eine Jause mit in die Schule nehmen.

Freiwilligenfreundliche mittlere Unternehmen: Krumböck GmbH
Der Tischlereibetrieb Krumböck GmbH hat heute 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sein Engagement für die Freiwilligkeit ist äußerst vielseitig: So werden die Betriebsräumlichkeiten für die Flüchtlingshilfe, für Benefizveranstaltungen und die Feuerwehr zur Verfügung gestellt. Die Arbeitszeitregelung wird familiären Umständen angepasst und beinhaltet zudem die Freistellung bei Katastropheneinsätzen. Seit 11 Jahren gestaltet das Unternehmen alljährlich einen halben Tag für das örtliche Kinder-Ferienspiel. Neben dem kreativen Sammeln von Geldspenden für gute Zwecke kommt auch das Teamwork, etwa bei Hochwassereinsätzen oder der Flüchtlingshilfe nicht zu kurz. So wurden im vergangenen Jahr gemeinsame Betreuungsdienste in einem Transitlager der Caritas organisiert, Sachspenden gesammelt und Flüchtlingsunterkünfte umgebaut.

Freiwilligenfreundliche große Unternehmen: Kastner Gruppe
Der Lebensmittelgroßhändler Kastner beschäftigt heute 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 8 Standorten. Um das freiwillige Engagement seiner Belegschaft zu fördern, bekommen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jährlich einen bezahlten Urlaubstag, um sich ehrenamtlich zu betätigen. Auch bei Feuerwehr-Einsätzen werden sie freigestellt. In der Mitarbeiterzeitung werden laufend ehrenamtlich aktive Kolleginnen und Kollegen vor den Vorhang geholt, um andere zu motivieren, es ihnen gleich zu tun. Auch das Kastner CSR-Team engagiert sich in verschiedensten Bereichen sozial, zum Beispiel durch die gemeinsame Teilnahme an Benefizläufen. Besonderer Wert wird auf die finanzielle, personelle und materielle Unterstützung von humanitären Organisationen gelegt, so unterstützt Kastner seit Jahren das Rotkreuz-Jugend-Projekt „Call4Action“, aber auch die VinziRAST, CliniClowns, Soma und verschiedene Einrichtungen der Flüchtlingshilfe.

Gruppen/Initiativen mit besonderem freiwilligem Engagement im humanitären Bereich: Netzwerk Michelhausen
Das Netzwerk Michelhausen ist im August 2015 als Reaktion auf ein neu eröffnetes Asylwerberquartier in Mitterndorf entstanden. Es initiiert Projekte und Aktivitäten, die den über 50 männlichen Quartier-Bewohnern bei der Bewältigung ihrer neuen Lebenssituation helfen und sie in die Dorfgemeinschaft integrieren. Neben Deutschkursen, Lernbetreuung, Begleitung zu Ärzten und Behörden, Sammel- und Spendenaktionen sowie organisierten Treffen mit der lokalen Bevölkerung werden auch die Arbeitseinsätze für die Gemeinde koordiniert und Schulplätze für junge Erwachsene ermöglicht. Die Initiative fördert den interkulturellen Werteaustausch und hat die Geflüchteten dazu motiviert, basisdemokratische Strukturen aufzubauen und einen „Camp-Präsidenten“ samt Vorstandsteam zu wählen. Das Netzwerk Michelhausen wirkt darüber hinaus als regionale und überregionale Vernetzungs- und Informationsdrehscheibe sowie als Impulsgeberin für neue Projekte.
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